Bessere Noten, weniger Stress Bildungsforscher: Ganztagsschulen haben positive Effekte

Ganztagsschulen sind nicht unumstritten: Auf diesem Plakat werben Befürworter in Berlin für das schulische Angebot. Foto:Imago/PemaxGanztagsschulen sind nicht unumstritten: Auf diesem Plakat werben Befürworter in Berlin für das schulische Angebot. Foto:Imago/Pemax

Osnabrück. In Niedersachsen starten heute gut eine Million Schüler in die Sommerferien. Wenn Anfang September der Unterricht wieder beginnt, werden allein in diesem Bundesland 87 Schulen mit einem neuen Ganztagsangebot starten. Bundesweit stellen inzwischen etwa 10194 Schulen solche Angebote bereit. Der Bildungsforscher Eckhard Klieme, der die Entwicklung der Ganztagsschulen seit 2005 im Rahmen eines Bildungsmonitorings begleitet, ist überzeugt, dass sie positive Effekte haben.

Können Sie für uns die bisher wichtigsten Beobachtungen und Ergebnisse Ihrer Langzeituntersuchungen zusammenfassen?

Wir stellen nach wie vor ein Wachstum des Ganztagsbereiches fest. Vor allem in den Grundschulen ist der Bedarf der Familien noch nicht gedeckt. In weiterführenden Schulen ist es oft schwierig, die Jugendlichen für eine kontinuierliche Teilnahme zu interessieren. Begleitet man die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über einige Jahre, zeigen sich erfreulicherweise positive Effekte: das Sozialverhalten entwickelt sich positiver, das Risiko einer Klassenwiederholung sinkt, Familien fühlen sich entlastet vom Hausaufgabenstress. Sogar auf die Noten hat der Ganztag einen positiven Effekt – allerdings nur, wenn die Angebote anregend und motivierend sind. Die Forschung zeigt immer wieder: Ganztag ist nicht an sich förderlich, sondern nur, wenn er qualitativ gut gemacht wird.

Erklärtes Ziel der vor zehn Jahren von der rot-grünen Bundesregierung beschlossenen Reform war es, die Abhängigkeit zwischen Schulerfolg und sozialer Herkunft zu entkoppeln. Ist das gelungen?

In der Tat ist die Abhängigkeit des Schulerfolgs von der sozialen Herkunft schwächer geworden – das hat PISA gezeigt. Während im Jahr 2000 Deutschland einen unrühmlichen Spitzenplatz unter den Industrienationen einnahm wegen der starken Ungleichheit in der Vermittlung von Kompetenzen, waren wir 2012 unauffällig. Frankreich und Schweden beispielsweise haben sich umgekehrt entwickelt – Experten meinen, weil dort die Integration von Migranten nicht gelingt und man zu sehr auf Privatisierung setzt.

Worauf führen Sie die bei uns erzielten Erfolge zurück?

Deutschland hat sich durch einen Mix von Faktoren gut entwickelt: Lehrkräfte, Eltern und Öffentlichkeit nehmen Bildung ernster, man schaut selbstkritisch auf das tatsächlich Erreichte und bemüht sich um individuelle Förderung – auch wenn Pädagogen noch keine sicheren Erfolgsrezepte haben. Dadurch gibt es weniger Zurückstellungen beim Schuleintritt, weniger Sitzenbleiber, mehr Übergänge aufs Gymnasium gerade auch bei Arbeiterkindern, bessere Leistungen vor allem bei Zugewanderten. Dass die Ganztagsschule zum Abbau sozialer Ungleichheit beiträgt, lässt sich allerdings nicht mit Daten belegen.

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Worauf führen Sie das zurück?

In der Grundschule sind es gerade auch die bessergestellten Eltern, die Ganztagsangebote nachfragen, weil beide berufstätig sein wollen, eine gute und sichere Betreuung und Förderung suchen. Schulträger betrachten Ganztagsschulen zu Recht als Standortfaktoren. Wenn man sich den gezielten Ausgleich sozialer Benachteiligung erhofft, muss man entsprechend gezielt in bestimmte Standorte investieren und dort mehr anbieten als Sport und betreute Freizeit. Das machen einzelne Länder und Städte, aber bundesweit sehen wir noch zu wenig individuelle Förderung, beispielsweise im sprachlichen Bereich.

Die Diskussion über die Einrichtung neuer Ganztagsschulangebote in den Kommunen dreht sich oft um die Frage: Und was machen die benachteiligten Eltern, die nicht in den Genuss eines solchen Angebots kommen? Wird das dem ursprünglichen Anspruch der Reform gerecht?

Wenn man ehrlich hinschaut, wurden Ganztagsschulen zuerst eingeführt, um die Berufstätigkeit beider Elternteile zu ermöglichen. Hier sind sie wirklich erfolgreich. Die pädagogischen Ziele, einschließlich höherer Chancengleichheit, kamen später. Wir sollten anerkennen, dass Ganztagsschule – wie Schule überhaupt – verschiedenen Zielen dient. Die Gewichtung muss man vor Ort entscheiden: Wo will man Ganztagsschulen einrichten? Verlangt man Beiträge der Eltern – und sei es nur fürs Mittagessen –, zahlt die Gemeinde, kann man zumindest ein Unterstützungssystem für weniger begüterte Familien aufbauen? Ganztag darf weder die Zwangsversorgung für Problemfälle sein noch ein Privileg von Zahlungskräftigen und Bildungsbeflissenen.

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Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen, um das Potenzial der Ganztagsschulen zum Abbau ungleicher Bildungschancen wirklich auszuschöpfen?

Man darf sich nicht damit begnügen, getrennt vom Unterricht eine Betreuung zu organisieren. Auch Lehrkräfte sollten im Ganztag tätig sein, mit Sozialpädagogen und anderen Fachleuten eng zusammenarbeiten. Ein guter Ansatzpunkt ist etwa, neu über Hausaufgaben nachzudenken: Wie können wir Übungszeiten in den Schultag integrieren? Wie können wir optimale Unterstützung für Lernen im Ganztag organisieren – sei es durch die Schüler untereinander oder durch qualifizierte Betreuer?


Verschiedene Konzepte

Man unterscheidet zwischen der gebundenen Ganztagsschule mit verpflichtender Teilnahme am Ganztagsangebot und der offenen Ganztagsschule.

Die Nachmittagsangebote der Letztgenannten sind oft Arbeitsgemeinschaften. Für diese AGs besteht keine Teilnahmepflicht.

Für die gebundene Ganztagsschule gibt es zwei Konzepte:

– Die voll gebundene Ganztagsschule, bei der die Teilnahme am Ganztagsangebot für alle Schüler verbindlich ist.

– Bei der teilweise gebundenen Ganztagsschule gibt es ein verpflichtendes Ganztagsangebot nur für einen Teil der Schüler. Betroffen sind dann meist einzelne Klassenzüge.

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