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Was heißt hier Doodle? Google Doodles: Was ist bei Google verboten?


Berlin. Google Doodles: Wer macht sie? Welche Medienmacht haben sie? Und wieso wird Günter Grass nie eins bekommen?

Wer Google nutzt, der ist wahrscheinlich auch schon mal einem Doodle begegnet: Das Wort bezeichnet die launigen Variationen des Firmenlogos, mit denen die Suchmaschine in unregelmäßigen Abständen Feiertage begeht und Persönlichkeiten der Geschichte ehrt. Seit wann ist das eigentlich so? Wer entwirft die Doodles? Welche Medienmacht steckt im Doodle, und wie geht Google damit um? (Versteckte Tricks der Google-Programmierer: So finden Sie die 10 besten Easter Eggs)

Was war das erste Doodle?

Die Firma Google gibt es noch gar nicht, als schon das erste Doodle erscheint. Am 30. August 1998 – noch ein paar Tage vor der Unternehmensgründung – kombinieren Larry Page und Sergey Brin ihr eigenes Logo mit dem des Burning-Man-Festivals in Nevada: Hinter dem Wort Google steht auf einmal ein Strichmännchen. Der Gag ist ein Hinweis darauf, dass die beiden auf Reisen und für etwaige Systemfehler vorerst nicht erreichbar sind. Das Ur-Doodle ist damit nichts als eine Abwesenheitsnotiz. Noch zwei weitere Doodles erscheinen im Gründungsjahr. Zum Konzept werden sie aber erst, als der spätere Chef-Doodler Dennis Hwang im Jahr 2000 ein Logo zum französischen Nationalfeiertag gestaltet – und begeisterte Rückmeldungen erntet. Ab nun baut Google das Modell immer weiter aus. 2002 gibt es über 50, 2010 schon über 200 Doodles. Im vergangenen Jahr sind es weltweit rund 400. (Nicht alle erscheinen überall, und in großen Nationen sind es mehr als in kleinen.) 2004 illustriert Google die Olympischen Spielen täglich mit Bildern zu den aktuellen Disziplinen. 2010 freuen sich die Nutzer über das erste interaktive Doodle: Zum 30. Geburtstag des Arcade-Klassikers kann man – im Google-Logo! – „Pac-Man“ spielen. John Lennons 70. Geburtstag ist dann im selben Jahr der Anlass des ersten Video-Doodles. Insgesamt sind seit 1998 über 2000 Bilder, Filme und Spiele rund ums Firmenlogo gestaltet worden. (Hier kann man das Pac-Man-Doodle spielen.)

Wer doodelt hier eigentlich?

„To doodle“ heißt auf Deutsch kritzeln. Für das erste Doodle mag der Begriff noch passen. Aber längst sind Doodles grafische Schmuckstücke, die an Spielfreude und Witz, an technischem Können und Bildungsfülle nichts zu wünschen übrig lassen. Am Firmensitz im kalifornischen Mountain View beschäftigt sich heute ein 16-köpfiges Google-Team mit nichts anderem. In der Anfangszeit waren die Doodle-Grafiker auch für andere Aufgaben wie die Gestaltung von Icons zuständig, heute doodeln in Mountain View zehn Illustratoren, vier Programmierer und zwei Projektmanager in Vollzeit. Das US-Team bekommt Hilfe von Mitarbeitern aus all den Ländern mit Google-Präsenz. In Deutschland ist die Pressesprecherin Lena Heuermann zuständig. Gemeinsam mit einer Kollegin aus dem Marketing entscheidet sie, welche der global präsentierten Doodles auch auf der deutschen Seite funktionieren. Und andersherum bringen die nationalen Doodler Vorschläge ein, für die es kulturelle Vorkenntnisse braucht. Heuermann: „Das Doodle zur Spargelsaison war zum Beispiel eine Anregung von uns – in Deutschland hat das Thema im Frühjahr eine hohe Aufmerksamkeit, von der die amerikanischen Kollegen nichts wussten.“ (Mehr Google-Spaß: Zu den besten Doodles.)

Was wird verdoodelt?

Doodles erscheinen zu Nationalfeiertagen und zum Sommeranfang, bei großen Sportereignissen und an Jahrestagen berühmter Persönlichkeiten. Aber nach welchen Kriterien? „Es gibt nur wenige Regeln“, sagt Lena Heuermann. „Wir ehren nur Verstorbene, und das nur an Geburtstagen, nicht an Todestagen.“ Zunächst hat Google meist runde Jubiläen gefeiert; inzwischen sind die Jahrestage oft krumm – und die Doodles umso unvorhersehbarer. „Angefangen haben wir tatsächlich mit Menschen, die im weitesten Sinn mit uns zu tun haben – Vordenker aus Technik und Wissenschaft“, sagt Heuermann. Und das waren zunächst meist Männer. „Irgendwann ist uns aufgefallen, dass wir ein Ungleichgewicht haben. Seitdem suchen wir gezielt nach Frauen.“ Gibt es Ausschlussgründe? Ja: „Persönlichkeiten, die eine SS-Vergangenheit haben, bekommen selbstverständlich kein Doodle.“ Auch ein Günter Grass nicht, vermutet die deutsche Doodlerin. (Falsche Mail verschickt? Rückgängig Button bei Google-Mail.)

Was ist das Marketingkonzept hinter den Doodles?

„Es gibt keins“, sagt Heuermann. „Bei den Doodles geht es nur um den Spaß an der Website. Wir müssen mit den Doodles nichts erreichen.“ Auch die frechen Freiheiten, die sich die Doodler mit dem Google-Schriftzug erlauben dürfen, sieht die 34-Jährige als Beweis dafür. „Normalerweise ist das Unternehmenslogo ein unantastbares Marketing-Gut.“ Und tatsächlich: Als der Erfinder der Petrischale gefeiert wird, lassen die Grafiker den Firmennamen aus Schimmelpilzen heranwachsen. Trotzdem ist nicht zu übersehen: Doodles sind eine wirksame Eigenwerbung. In ihnen inszeniert sich ein Furcht einflößend mächtiger Weltkonzern als Heimat von verspielten Nerds. Indem er sein Logo in nachempfundene Werke von Rembrandt bis Chaplin kleidet, wird die technische Dienstleistung kulturgeschichtlich aufgeladen. Und selbst der Wiedererkennungswert des Signets wird in der Variationen bestärkt, nicht beschädigt. Selbst in abstrakten Doodles erkennt man den Schriftzug an den Farben oder an der bloßen Buchstabenzahl mit ihren Ober- und Unterlängen. Nicht ohne Grund veranstaltet Google Aktionstage, an denen Kinder das Logo umgestalten. Wie wertvoll der humorvolle Umgang mit dem Firmennamen ist, hat Sergey Brin schon 2001 begriffen – als er ihn als Verfahren, Nutzer auf eine Seite zu locken, in den USA patentieren lässt. (Google feiert seinen Geburtstag im Doodle – aber etwas ist faul daran)

Wie verändern Doodles das Suchverhalten?

Doodles mögen mal Bilder, mal Filme oder Spiele sein – eins sind sie immer: eine Suchanfrage. Wer auf das Barbapapa-Doodle klickt, bekommt die Suchergebnisse zu der Cartoonfigur ausgeworfen. Die Zahl der Nutzer, die das Doodle-Thema im Internet recherchieren, steigt damit sprunghaft an. Google nennt keine absoluten Zahlen, aber auch im Verhältnis lässt sich die Wucht der Doodles abschätzen. In den letzten zwei Jahren beispielsweise ist die Computerspielserie „Grand Theft Auto“ drei- bis viermal so oft bei Google gesucht worden wie der Klassiker „Pac-Man“. Im Jahr 2010 liegen die Suchabfragen zu beiden Spielen beinahe gleichauf – wegen eines einzigen Tages, an dem Google „Pac-Man“ mit einem Doodle-Game würdigt. (Das danach weiterhin verfügbar geblieben ist.) Der Yeti hat in den letzten zehn Jahren dreimal so viele Google-Recherchen ausgelöst wie das Monster von Loch Ness. Ausgenommen eine Woche im vergangenen April, in der das Seeungeheuer den Schneemenschen um den Faktor zehn übertrifft – weil 24 Stunden lang ein Nessie-Doodle zu sehen war.

Die Neugier auf die Themen der Bilder und Animationen ist so riesig, dass Google damit journalistische Themen setzt: Ein 126. Jahrestag ist kein klassischer Anlass zur Berichterstattung. Aber wenn Google 126 Jahre Eiffelturm feiert, entsteht nur an diesem Tag aus dem Nichts ein überwältigendes Interesse an ihm. Und man kann darauf wetten: Am Tag des Doodles haben alle Online-Medien von „bild.de“ bis „Spiegel online“ einen Text zur Jubilarin im Netz – uns selbst eingeschossen. Wer das Glück hat, mit seinem Beitrag weit oben in den Suchergebnissen präsent zu sein, bekommt die Leser in Massen auf seine Seite. (Ein Osnabrücker macht Karriere bei Google.)

Wie werblich, wie politisch dürfen Doodles sein?

Doodles schaffen eine gewaltige Aufmerksamkeit. Das muss Begehrlichkeiten wecken, gegen die Heuermann sich abgrenzt: „Doodles sind kein Promotionwerkzeug. Wir würden beispielsweise nicht auf Wunsch Hollywoods zum ‚Herr der Ringe‘-Filmstart ein Frodo-Doodle zeigen. Auch wenn das die Fans freuen würde.“ Und auch politischen Druck will Google mit den Doodles nicht aufbauen – zumindest nur im Ausnahmefall. „Aus Politik halten wir uns raus“, sagt Heuermann – verweist allerdings auf „vereinzelte Ausnahmen“. 2011 prangerten Internetriesen wie Facebook, Amazon und Wikipedia das geplante Antipiraterie-Gesetz SOPA als Angriff auf die Meinungsfreiheit an; auch Google protestierte – und ließ sein Logo hinter einem schwarzen Zensurbalken verschwinden. „Bei den Olympischen Spielen in Sotschi waren homophobe Gesetze in Russland ein großes Thema, das auch uns sehr am Herzen liegt“, berichtet Heuermann außerdem. „Zur Eröffnung der Spiele haben wir uns mit einem Doodle in Regenbogenfarben positioniert.“ Ein Doodle zum Jahrestag von Obamas Versprechen, Guantánamo zu schließen, wird es allerdings nicht geben. (Was ist Google I/O?)


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