Tag des Workaholics Ständige Erreichbarkeit und zu wenig Erholung machen krank

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Viele Angestellte sind auch in ihrer Freizeit für den Arbeitgeber immer erreichbar. Das kann auf Dauer krank machen. Foto: imago/Westend61Viele Angestellte sind auch in ihrer Freizeit für den Arbeitgeber immer erreichbar. Das kann auf Dauer krank machen. Foto: imago/Westend61

Osnabrück. Am 5. Juli ist der Tag des Workaholics. Die Arbeitspsychologin Eva Bamberg von der Uni Hamburg erklärt, wie sich Arbeit verändert hat und warum Arbeitssucht krank machen kann.

Frau Prof. Dr. Bamberg, was ist für Sie ein Workaholic?

Das Wort Workaholic signalisiert Arbeitssucht. Von daher ist das Charakteristikum für den Workaholic, dass er nicht aufhören kann zu arbeiten und auch immer mehr arbeiten möchte. Sie kennen in ihrem Leben außer der Arbeit oft nur wenig andere Dinge, die sie interessieren und erfüllen.

Ist das eine neue Entwicklung oder gab es das immer schon?

Generell gab es Workaholics schon immer. Wenn man sich bestimmte Beschreibungen in der Geschichte oder der Literatur ansieht, gab es immer wieder Menschen, die besessen waren von ihrer Arbeit. Meistens betrifft es nur eine bestimmte Gruppe, etwa Menschen, die sehr kreativ sind oder etwas erfinden. Ich gehe aber davon aus, dass die Workaholics in den vergangenen Jahren stark zugenommen haben. Es ist also keine neue Erscheinung, aber eine, die heute viel häufiger anzutreffen ist als früher.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Es gibt unterschiedliche Typen von Workaholics: Zum Beispiel die, die völlig fasziniert sind von dem, was sie tun. Sie stellen ihre Arbeit in den Mittelpunkt ihres Lebens. Das sind zum Beispiel, wie bereits angedeutet, oft Erfinder oder Unternehmer. Dann gibt es aber auch den Workaholic, der generell bei der Arbeit keine Grenze ziehen kann. Das hat etwas mit Entgrenzung der Arbeit zu tun. In den vergangenen Jahrzehnten war die Situation für die meisten Arbeitnehmer so, dass die Erwerbsarbeit und das Privatleben getrennt waren. Wenn sie ihren Arbeitsplatz verlassen haben, dann war die Erwerbsarbeitsphase für den Tag vorbei. Diese eindeutige Trennung ist heute für viele Menschen weniger ausgeprägt, sodass es viele Beschäftigte gibt, die auch während ihrer Freizeit weiter im Dienst sind. Das sind etwa Menschen, die auf Abruf arbeiten. In ihrem Arbeitsvertrag steht, dass sie immer erreichbar sein müssen. Bei manchen Beschäftigten gab es das zwar früher auch schon, aber es ist mit Sicherheit mehr geworden. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass ich heute bei vielen Tätigkeiten die Grenze zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit selbst definieren muss. Wenn mir das nicht mehr gelingt, dann werde ich auch zum Workaholic, weil ich nie weiß, wann die Anforderungen an mich aufhören. Und das ist ein Phänomen, das heute sehr verbreitet ist und das früher viel seltener war.

Glauben Sie, dass viele Arbeitnehmer das Gefühl haben, sie müssten erreichbar sein, obwohl es nicht eindeutig festgelegt ist?

Ja. Neben den festgelegten Rufbereitschaften im Arbeitsvertrag gibt es noch die informelle Erreichbarkeit. Wir haben vor einiger Zeit ein Projekt zur Rufbereitschaft durchgeführt. Wir hatten vor allem Phasen untersucht, die eindeutig vom Arbeitgeber definiert waren, meist in Absprache mit Betriebsräten, und in denen die Beschäftigten erreichbar sein mussten, weil sie zum Beispiel Notdienste machten. Wenn ich anderen Leuten davon erzählt habe, habe ich oft gehört, dass es bei ihnen auch so ist, allerdings war das nirgendwo im Vertrag festgehalten. Für sie war aber völlig klar, dass sie erreichbar sein müssten. Deshalb gehe ich davon aus, dass es viele Beschäftigte gibt, die denken, sie müssten erreichbar sein oder die sich in einer Grauzone bewegen, in der nicht sicher ist, ob sie erreichbar sein müssen oder nicht.

Glauben Sie, dass die ständige Erreichbarkeit mit der Zunahme des Burn-out-Syndroms zusammenhängt, oder ist das Burn-out nichts anderes als eine Depression?

Das Erkrankungsbild ist sicher in Teilen ähnlich, aber man kann auch eine Depression ohne Burn-out haben. Burn-out heißt ja letztlich, dass jemand sehr erschöpft ist, häufig am Rande des Überdrusses steht. Oft wird bei Burn-out auch davon ausgegangen, dass es Personen betrifft, die früher mal entflammt sind. Das heißt, dass diese Arbeitnehmer früher ein sehr hohes Engagement gegenüber ihrer Arbeit hatten und dann erschöpft und deprimiert waren, weil sie feststellten, dass sie doch wenig erreichen können. Eine Depressivität und auch ein Burn-out, die durch Erwerbsarbeit entstehen, haben viel mit mangelnder Erholung zu tun. Das könnte sehr gut mit der ständigen Erreichbarkeit zusammenhängen. Die meisten psychischen Erkrankungen, die durch Arbeit entstehen könnten durch hinreichende Erholungsprozesse verhindert werden.

Was kann ein Workaholic tun, wenn er sein Leben ändern möchte?

Da gibt es eine Menge Dinge, die man tun kann. Wenn es sich wirklich um einen ausgeprägten Workaholic handelt, dann wird er wahrscheinlich professionelle Hilfe benötigen. Das muss kein Therapeut, sondern kann auch ein Coach sein. Grundsätzlich müssen Workaholics wieder lernen, an unterschiedlichen Dingen des Lebens Interesse und Spaß zu finden. Das kann Sport sein, soziale oder kulturelle Tätigkeiten. Letztlich haben sie sich ja über lange Zeit auf einen Lebensbereich, nämlich die Arbeit, sehr konzentriert. Nun geht es darum, sich wieder neue Lebensbereiche zu erschließen. Eine ehemalige Studentin von mir arbeitet in der Outplacement-Beratung. Das wird häufig mit Menschen gemacht, denen eine Erwerbslosigkeitsphase bevorsteht. So bieten etwa Betriebe, die Führungskräfte entlassen, Outplacement-Beratung an. In diesen Fällen wird mit den ehemaligen Führungskräften diskutiert, was es noch gibt außer Arbeit, denn das haben sie in den letzten Jahren vergessen. Es wird gemeinsam erarbeitet, welche Bereiche für den einzelnen attraktiv sein könnten. So wird langsam ein Alternativ-Verhalten aufgebaut.

Hat die hohe Arbeitsbelastung vieler auch damit zu tun, dass sie nicht loslassen können?

Ja, das ist sicher richtig. Auf der einen Seite ist die Anforderung des Betriebes hoch, dass Mitarbeiter erreichbar und verfügbar sind und auf der anderen Seite verhaften viele in der Arbeit, weil sie entweder so viel zu tun haben, oder weil sie besonders engagiert sind. Dieses hohe Engagement kann auch dazu führen, dass man nicht loslassen kann. Der Prozess des Loslassens wird in der Arbeitspsychologie Detachment bezeichnet. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass das Detachment ausgeprägter ist, wenn hohe Belastungen bestehen. Es ist leichter, sich von der Arbeit zu distanzieren, wenn man weniger Belastung, Probleme oder auch Verantwortung hat. Zwei unterschiedliche Prozesse sind aber zu trennen: Viel zu arbeiten, auch außerhalb der Arbeitszeit und in der Arbeit verhaftet zu bleiben, da weiter über sie nachgedacht wird. Außerdem spielt es eine wichtige Rolle, warum man sich von der Arbeit nicht lösen kann. Eine Ursache kann sein, dass man gerne und freiwillig arbeitet. Eine andere Ursache ist, entsprechende Erwartungen durch andere bestehen. Wer aus eigenem Antrieb arbeitet, nimmt dies als weniger belastend wahr. Das Grübeln über die Arbeit, so haben Untersuchungen gezeigt, verstärkt letztlich den Stress eher, als dass er reduziert wird.

Was passiert mit Workaholics, die in Rente gehen oder entlassen werden?

Rente und Entlassung werden unterschiedlich empfunden. Die Rente wird nach vielen Jahren der Arbeit als verdient erlebt, außerdem trifft es irgendwann jeden. Das ist bei einer Entlassung anders, das wird es von den Betroffenen häufig als Schmach empfunden. Schuldzuweisungen spielen eine Rolle und auch die Frage, was man noch wert ist auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft. Letztlich geht es aber bei beiden Gruppen darum, ein alternatives Lebenskonzept zu lernen – sofern sie nicht wieder anfangen zu arbeiten. Untersuchungen zeigen, dass der Übergang ins Rentenalter Menschen sehr viel leichter fällt, wenn sie ganz konkrete Pläne haben. Das ist kein Wunder, die haben sich damit auseinandergesetzt und haben eine Vorstellung davon, was sie unternehmen könnten. Die anderen fallen eher in ein tiefes Loch.


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