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26.06.2015, 08:00 Uhr zuletzt aktualisiert vor KOLUMNE

Bundesjugendspiele abschaffen? Aber ja doch!

Von Corinna Berghahn

Ächz, stöhn und wieder nur die Letzte: Eine Mutter fordert die Abschaffung der Bundesjugendspiele. Foto: ColourboxÄchz, stöhn und wieder nur die Letzte: Eine Mutter fordert die Abschaffung der Bundesjugendspiele. Foto: Colourbox

Osnabrück. Eine Mutter fordert die Abschaffung der Bundesjugendspiele. Unsere Elternkolumnistin findet die Idee gut, denn schließlich sollte alles einmal in Frage gestellt werden…

Daniel Benedict hat unsere Kolumnistin eigentlich etwas anderes gefragt, aber die Diskussion über die Abschaffung der Bundesjugendspiele hat auch vor ihr nicht Halt gemacht:

Lieber Daniel!

Deine Frage über das Lieblingsessen meines Kindes beantworte ich gerne ein anderes Mal, doch diese Woche fand ich die Diskussion über die Bundesjugendspiele spannender, weil es sofort zu sehr kontroversen Meinungen innerhalb der Kollegen kam – und auch unsere Lesern bewegte. (Weiterlesen: Bundesjugendspiele abschaffen? Das meinen unsere Leser )

Kurz zur Vorgeschichte: Der Sohn von Christine Finke kam weinend nach Hause, nachdem er nur eine „Teilnahmeurkunde“ bei den Bundesjugendspielen erhalten hatte. Sie hat daraufhin eine Petition auf der Plattform www.change.org eingestellt, die die Abschaffung der jährlichen Pflichtspiele für Schulkinder fordert.

Eine Forderung, die sehr gespalten aufgenommen wurde: Entweder man fand die Idee gut, zumeist, weil man selbst eine sportliche Gurke war. Oder man verteufelt die Petition, weil man bei den Bundesjugendspielen Spaß und/oder Erfolg hatte. (Weiterlesen: Mutter fordert die Abschaffung der Bundesjugendspiele)

„Teilnahmeurkunde“ = „stets bemüht“

Für mich waren die Bundesjugendspiele meist die pure Hölle: lange in der Sonne anstehen für Wettkämpfe, die mir weder Spaß machten noch je Urkunden einbrachten (erst seit den letzten Jahren gibt es Urkunden für alle Teilnehmer).

Doch diese „Teilnahmeurkunde“ hat etwa den gleichen Wert wie die Floskel „stets bemüht“ in einem Arbeitszeugnis: Besser fühlt man sich durch sie nicht. Dabeisein ist eben nicht alles, wenn man zu den Letzten gehört.

Kindertrauma made in School

Dabei ist das Problem nicht der Sport an sich oder die hehren Ziele der Bundesjugendspiele (Gemeinsinn, Fairness, Ertüchtigung), sondern ihr Zwangscharakter. Natürlich spornt manche Kinder der Wettbewerb an, doch andere lernen dank der Spiele und auch dem Schulsport , dass Sport Mord ist, und zu Ausgrenzungen führt, weil man der Klassendepp ist, der in kein Brenn- und Völkerball Team gewählt wird. Kindertrauma made in School. So erging es nicht nur mir, sondern auch mehreren meiner Kollegen.

ABER, so einige andere Kollegen, wir hatten viel Spaß und außerdem: Soll jetzt auch Mathe abgeschafft werden, weil es einige Kinder nie verstehen werden? Natürlich nicht. Auch Sportunterricht soll nicht abgeschafft werden. Im Gegenteil: Bewegung ist wichtig, sogar wichtiger denn je, da Kinder sich heute viel weniger bewegen als noch vor ein paar Jahren.

Bundesjugendspiele bitte endlich anders

Nur das Wie muss überdacht werden (so wie das Wie im Matheunterricht übrigens auch: Wer braucht Vektorrechnung im normalen Leben? Beigebracht von Menschen, die nicht verstehen, dass man es nicht sofort versteht?).

Das bedeutete für die Bundesjugendspiele, dass sie eher ein Sportfest als ein Wettkampf sein sollten. Und zwar eines, an dem kein Zwang zur Teilnahme an bestimmten Disziplinen herrscht, sondern freie Auswahl an sportlichen Stationen mit Kategorien, die weniger auf schneller, weiter, höher angelegt sind, als auf das Miteinander. Sport und soziale Komponente: Das wäre es doch!

Wir brauchen schließlich keine Kinder, die flink wie die Wiesel und hart wie Kruppstahl sind. Also bitte weniger Statistik und Punkte und mehr Sinn fürs Gemeinsame. Gerade in den Grundschulen. Druck und Stress kommen schon noch früh genug. (Weiterlesen: Jedes sechste Kind leidet unter Stress)

Deine Corinna

P.S.: Würdest Du Deinem Kind beim Nicht-Gehorchen mit der Polizei drohen?

Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Im deutschen Kinderzimmer herrscht Verunsicherung. Eltern aus unserer Redaktion schaffen Abhilfe! Corinna Berghahn ist seit mehr als drei Jahren Mutter, Daniel Benedict vor zwei Jahren Vater geworden. Im wöchentlichen Wechsel widerlegen sie hier Mythen und Legenden der Elternschaft.

Dies sind unsere lustigsten Texte:

Brauchen Kinder ein Tier? Brauchen Eltern eins? Argumente für eins der umstrittensten Familienthemen

Regretting Motherhood? Non, je ne regrette rien!

Zum Muttertag in Versen: Ein Gedicht für alle Mütter. (Auch Deine!)


Der Artikel zur Kolumne

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