Integration von Flüchtlingen Kontakt hilft gegen Vorurteile und Diskriminierung

Viele Deutsche habe Vorurteile gegen Ausländer und Flüchtlinge. Durch direkten oder indirekten Kontakt mit ihnen lassen sich Vorurteile abbauen, wie Psychologen der Uni Marburg herausfanden. Foto: dpaViele Deutsche habe Vorurteile gegen Ausländer und Flüchtlinge. Durch direkten oder indirekten Kontakt mit ihnen lassen sich Vorurteile abbauen, wie Psychologen der Uni Marburg herausfanden. Foto: dpa

Marburg. Durch den Kontakt zwischen verschiedenen Gruppen können Vorurteile bekämpft werden – das ist das Ergebnis einer Studie der Uni Marburg.

„Das Vorurteil ist das Kind der Unwissenheit“, wusste schon der englische Schriftsteller William Hazlitt (1778-1830) Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Später konnte auch die psychologische Forschung zeigen, dass Personen, die Kontakt mit anderen sozialen oder ethnischen Gruppen haben, weniger zu Vorurteilen, Diskriminierung und Gewalt gegenüber diesen Gruppen neigen als solche, die keinen Kontakt haben. Dieses Phänomen wurde unter dem Begriff der „Kontakthypothese“ bekannt. Der positive Einfluss von Kontakt wurde insbesondere in Laborexperimenten und in Umfragen nachgewiesen. Eine Untersuchung von Psychologen der Universität Marburg bestätigte dies nun ebenfalls, wie die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGP) in einer Pressemitteilung schreibt. Die Studie wurde kürzlich in der Fachzeitschrift „European Journal of Social Psychology“ veröffentlicht. (Forscher: Vorurteile können im Schlaf abgebaut werden)

„Wir wollten aber noch einen Schritt weitergehen und herausfinden, ob sich aktiv herbeigeführter Kontakt, wir bezeichnen dies als Kontaktintervention, unter natürlichen Alltagsbedingungen bewährt und einen stabilen Langzeiteffekt hat – und das vielleicht sogar bei verfeindeten Gruppen in Krisen- oder Konfliktgebieten“, wird Dr. Gunnar Lemmer in der Mitteillung zitiert. Zusammen mit dem Sozialpsychologen Prof. Dr. Ulrich Wagner habe er zusätzlich untersucht, ob die Kontakthypothese auch für indirekten Kontakt zutrifft. Dieser entstehe, wenn sich die Gruppenmitglieder nicht physisch begegnen, sondern lediglich erfahren, dass Personen aus der eigenen Gruppe mit der anderen Gruppe Kontakt haben.

Die Forscher analysierten Studien zu Kontaktinterventionen aus den Jahren 1934 bis 2012, heißt es in der Mitteilung der DGP weiter. Die Ergebnisse der Meta-Analyse zeigten demnach, dass Kontaktinterventionen unter natürlichen Alltagsbedingungen wirksam seien –und zwar langfristig. Sogar Gruppen aus Krisen- oder Konfliktgebieten sprächen positiv auf sie an. Dies gelte sowohl für Angehörige von Minderheiten – zum Beispiel Menschen mit afrikanischem oder osteuropäischem Migrationshintergrund – als auch für Angehörige von Mehrheiten – zum Beispiel der einheimischen Bevölkerung. Außerdem würden die Vorurteile nicht nur gegenüber einzelnen Individuen vermindert, sondern es komme zu einer Vorurteilsverminderung gegenüber der gesamten fremden Gruppe. Die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer hätten von bestimmten Formen des indirekten Kontakts genau so stark profitiert wie von direktem Kontakt. Dabei habe sich indirekter Kontakt besonders dann als wirksam erwiesen, wenn die Personen anhand von Büchern oder Filmen erfuhren, dass Mitglieder der eigenen Gruppe Kontakt mit der anderen Gruppe pflegen. (Fünf große Irrtümer zum Thema Flüchtlinge)

Kontaktinterventionen als politisches Instrument in der Flüchtlingspolitik

„Unsere Analysen belegen: Kontakt ist eine effektive und leicht einsetzbare Interventionsmaßnahme, die Vorteile und Diskriminierung vermindern kann“, wird Prof. Dr. Ulrich Wagner in der Mitteilung zitiert. „Dies veranschaulicht die politische Tragweite psychologischer Erkenntnisse.“

Neben dem Einsatz von Kontaktinterventionen in Schulen oder Sportvereinen, ließen sich demnach die Ergebnisse auch auf die Ansiedlung von Menschen mit Migrationshintergrund und die aktuelle Debatte um die Unterbringung von Flüchtlingen anwenden. So könnten Flüchtlinge etwa in kleinen Einrichtungen inmitten der einheimischen Bevölkerung untergebracht werden, anstelle von abgeschotteten Heimen außerhalb der Städte.