Im Jahr bis zu 100 000 Infizierte Experte: Fast jede vierte Zecke könnte Borreliose übertragen

Klein aber gefährlich: Eine Zecke auf einem Blatt.  Foto:dpaKlein aber gefährlich: Eine Zecke auf einem Blatt. Foto:dpa

epd/wam Karlsruhe. In Deutschland ist die Zahl der Risikogebiete für die von Zecken übertragene Hirnentzündung FSME gestiegen. Seit 2013 beobachten Karlsruher Forscher aber auch einen Anstieg der mit Borrelien-Bakterien verseuchten Zecken. Nach Angaben von Trevor Petney vom Zoologischen Institut des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) infizieren sich jährlich allein in Deutschland 60.000 bis 100.000 Menschen mit Borreliose. Demnach könnte beinahe jede vierte und in einigen Gegenden sogar jede zweite Zecke die gefährliche Infektionskrankheit Borreliose übertragen.

Die Infektion beginnt oft mit einem roten Ring um den Zeckenstich herum. Weitere Symptome können Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Fieber sein. Unbehandelt sind Spätfolgen wie Gelenk-, Herzmuskel- oder Nervenentzündungen möglich.

Die Parasitologen am KIT untersuchen seit eineinhalb Jahren Zeckenpopulationen an 25 Standorten in Baden-Württemberg. Sie wollen vor alllem wissen, welche Rolle Klima und Boden bei der Verbreitung der Zecken spielen - und wie man den Schutz vor Zecken verbessern kann.

Einmal im Monat geht Miriam Pfäffle mit ihren Kollegen auf Zeckenjagd: An 25 verschiedenen Standorten in Baden-Württemberg, je 100 Quadratmeter groß, ziehen sie weiße Baumwolltücher über den Boden, an denen die kleinen Blutsauger hängen bleiben. Miriam Pfäffle ist Parasitologin, befasst sich mit Parasiten wie Flöhe, Mücken oder eben Zecken. Im Labor untersucht sie die winzigen Spinnentiere auf Krankheitserreger. Gleichzeitig erfasst sie an jedem Standort genaue Klimadaten von Luft und Boden, an einigen werden auch die Wirtstiere wie Mäuse untersucht.

Weiterlesen auf der Webseite des KIT-Zentrums für Klima und Umwelt

In diesen Wochen kann sie reiche Beute machen, denn es ist Hochsaison für Zecken. Die Tiere lieben das feuchtwarme Klima im Frühjahr und Sommer. Sie ernähren sich ausschließlich von Blut. Ob von Maus, Wildschwein oder Mensch ist ihnen egal. Allerdings übertragen die Spinnentiere auch Krankheiten wie die Lyme-Borreliose und die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), eine Virusinfektion. Zecken sind die wichtigsten Überträger von Krankheitserregern auf Mensch und Tier in Europa.

Allein in Deutschland ziehen sich jährlich mehr als 100.000 Menschen durch Zeckenbisse eine Borreliose-Infektion zu, die mit Antibiotika behandelt werden kann. Etwa 300 erkranken an FSME. Dabei ist Baden-Württemberg bundesweit an der Spitze mit jährlich 100 bis 150 FSME-Erkrankungen, einer gefährlichen Hirnhautentzündung, gegen die man sich impfen lassen kann. Zwei Drittel der betroffenen Erwachsenen und die Hälfte der Kinder erkranken so schwer an FSME, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Mit dem Projekt ZUP (Zecken Umwelt Pathogene) Baden-Württemberg wollen Miriam Pfäffle und ihre Kollegen vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) herausfinden, warum es in manchen Gegenden besonders viele Zecken gibt und welche Krankheitserreger sie in sich tragen. Die Ergebnisse sollen helfen, konkretere Impfempfehlungen und Zeckenwarnungen herauszugeben.

„Wir wissen schon viel über Zecken“, sagt Trevor Petney vom Zoologischen Institut des KIT, der das interdisziplinäre Projekt leitet. Allerdings gebe es bisher keine Langzeitstudien, in der die Einflüsse von Umweltfaktoren, die Wirtstiere von Zecken, die Zecken selbst und die von ihnen übertragenen Erregern dokumentiert würden. Zecken verbreiten sich nämlich nicht gleichmäßig, sondern verteilen sich auf verschiedene Ballungsgebiete. Auch das Vorkommen der Zecken und die Anzahl der infizierten Zecken sogar am selben Standort seien jedes Jahr unterschiedlich. „Dafür suchen wir die Gründe“, erklärt der Parasitologe.

Besonders gerne halten sich die achtbeinigen Spinnentiere aber in Gegenden mit hohem Grundwasserspiegel auf – etwa in den Rheinauen oder der Murgrinne. „Wir finden aber auch in tiefer gelegenen Laubwäldern und überraschenderweise in städtischen Parks große Populationen“, so der Zeckenexperte.

Weiterlesen: Mehr Risikogebiete für Hirnentzündung durch Zecken

Eine Informationsseite mit einer Karte zur Zeckenaktivität in Ihrer Region finden sie unter: zeckenwetter.de“:

Ohne Informationen über diese Faktoren sei es allerdings schwierig, Veränderungen richtig darzustellen und zu verstehen. Auch für geeignete Schutzstrategien braucht man konkretes Wissen über das Vorkommen der Tiere und die Krankheitserreger, die sie in sich tragen.

Trevor Petney hofft, dass die Ergebnisse zu einem anderen Umgang mit der Zeckengefahr führen: „In Deutschland müssen derzeit noch große Landstriche zu Zecken-Hochrisikogebieten erklärt werden. In den USA ist die Forschung bereits so weit, dass man sehr feinskalierte und aktuelle Zeckenwarnungen geben kann.

Hier lesen Sie: Krabbelnde Zecken mit Klebeband entfernen“

In Zukunft sollten sich die Bürger auch in Deutschland auf Internetseiten oder per App darüber informieren können, ob ein Waldstück zu einem bestimmten Zeitpunkt als „zeckensicher“ gilt oder ob dort besondere Vorsicht geboten ist.

Feststeht, dass Klimafaktoren einen großen Einfluss haben, erklärt Miriam Pfäffle. So sei der „Gemeine Holzbock“, die Zeckenart, die in Deutschland am weitesten verbreitet ist, weiter nordwärts gewandert und mittlerweile auch in Skandinavien zu finden.

Den engen Hautkontakt mit den Blutsaugern kann die Wissenschaftlerin nicht vermeiden. Sie ist gegen FSME geimpft. Gegen Borreliose aber gibt es keinen Impfschutz. Pfäffle empfiehlt: Wer durch Wiesen und Wälder geht, sollte lange, helle Kleidung tragen, auf denen sich die Tierchen gut erkennen lassen.

Nach dem Spaziergang muss man dann Kleidung und Körper gründlich absuchen. Wer eine Zecke am Körper entdeckt, sollte sie mit einer Pinzette entfernen, empfiehlt Pfäffle, die selbst schon von Hunderten Mini-Vampiren gestochen wurde. Je schneller also die Zecke entfernt wird, umso niedriger sei das Risiko, an Borreliose zu erkranken. Denn erst 12 bis 24 Stunden nachdem das Spinnentier zugebissen hat, werden die Krankheitserreger übertragen. Seit 2013 beobachten die Experten einen Anstieg der mit Borrelien-Bakterien verseuchten Zecken. Nach Angaben von Petney könnte beinahe jede vierte und in einigen Gegenden sogar jede zweite Zecke die gefährliche Infektionskrankheit übertragen.


Zecken sind Parasiten und ernähren sich von Blut. Sie gehören innerhalb der Klasse der Spinnentiere (Arachnida) zu der Gruppe der Milben. Weltweit wurden bisher fast 900 verschiedene Zeckenarten beschrieben. In Deutschland gibt es 19 Zeckenarten, die häufigste ist der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus).

Zecken sind nach Angaben des Karlsruher Instituts für Technologie die wichtigsten Überträger von Krankheitserregern auf Mensch und Tier in Europa. Sie übertragen Bakterien und Viren, die die Lyme-Borreliose und die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) auslösen. Durch Zeckenbisse ziehen sich jährlich mehr als 100.000 Menschen bundesweit eine Borreliose-Infektion zu, etwa 300 erkranken an FSME. Während man sich gegen FSME impfen lassen kann, gibt es gegen Borreliose keinen entsprechenden Schutz.

10 bis 25 Prozent der Parasiten sind Überträger der Borreliose, die gut mit Antibiotika behandelt werden kann. Etwa 0,1 bis zwei Prozent der Zecken übertragen FSME, vor allem in Süddeutschland, Baden-Württemberg gilt als Hochrisikogebiet. Zwei Drittel der betroffenen Erwachsenen und die Hälfte der betroffenen Kinder erkranken so schwer an FSME, einer Hirnhautentzündung, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Die Entwicklung einer Zecke vom Ei bis zum adulten Tier kann drei bis sechs Jahre dauern. Sie bevorzugen Temperaturen über sieben Grad und feucht-warmes Klima sowie einen schattigen Standort. Zecken haben keine Flügel und können nicht springen. Sie krabbeln auf Sträucher oder Grashalme bis maximal 1,50 Meter und warten dort auf einen potenziellen Wirt. Es gibt sogar eine Zeckenart in der Antarktis, die auch Pinguine als Wirte nutzt. (epd)

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