Surfende Kinder, ahnungslose Eltern Diese Gefahren des Internets sollten Eltern kennen

War es früher die Dauer des Fernsehkonsums, um die sich Eltern mit Kindern stritten, ist es heute oftmals die des PCs oder Smartphones. Foto: ColourboxWar es früher die Dauer des Fernsehkonsums, um die sich Eltern mit Kindern stritten, ist es heute oftmals die des PCs oder Smartphones. Foto: Colourbox

Osnabrück. Seit 2009 klärt der Internetblog „Medien-Sicher“ des Lehrers Günter Steppich über die Gefahren des Internets für Kinder und Jugendliche auf. Was Eltern und Kinder beachten müssen:

Die Welt wird digitaler, das Kinderzimmer auch. Und war es früher die Dauer des Fernsehkonsums, um die sich Eltern mit Kindern stritten, ist es heute oftmals die des PCs oder Smartphones. Das weiß auch der Wiesbadener Lehrer Günter Steppich, der unter www.medien-sicher.de über die Tücken von Whatsapp, Younow und Snapchat aufklärt.

2013 waren 72 Prozent der Jugendlichen in Deutschland im Besitz eines Smartphones. Und die Tendenz ist steigend: Sinnvoll ist das nicht unbedingt, findet Günter Steppich, Lehrer an der Gutenbergschule in Wiesbaden. „Grundschüler brauchen überhaupt kein Smartphone“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Im Notfall tue es auch ein altes Handy.

Reglementierter Zugang

Generell findet der 55-Jährige, dass man seine Kinder nur reglementiert Zugang zu Smartphones und dem Internet ermöglichen sollte. „Wenn man weiß, welche Inhalte das Internet für Heranwachsende bietet, kann man Kindern unter 16 Jahren beim besten Willen nicht guten Gewissens die komplette Erwachsenenwelt rund um die Uhr verfügbar in die Hosentasche stecken. Ich habe eine relative konservative Handystrategie“, sagt er selbst dazu.

Seit 1995 ist Steppich Vertrauenslehrer an seiner Schule. Hellhörig wurde er, als plötzlich immer mehr Kinder mit Problemen zu ihm kamen, die weniger mit dem Verhältnis zu ihren Lehrern zu tun hatten, als mit Dingen, die ihnen online widerfahren waren. „Es kam die ganze Bandbreite: Erpressung, Abofallen, illegale Downloads. Und die Eltern sind aus den Wolken gefallen, weil sie gar nichts davon mitbekommen haben.“ Erpressung um Sexbilder in Chats sind keine Einzelfälle, weiß Steppich. Das Hauptproblem ist jedoch, dass 92 Prozent der Kinder ihren Eltern nicht erzählen, wenn sie im Netz für sie peinliche Dinge erleben, sagt er. (Weiterlesen: Cybermobbing ist ein größer werdendes Problem)

Appell an die Eltern

Seit 2003 klärt seine Schule Eltern und Schüler intensiv darüber auf, 2009 initiierte er den Blog medien-sicher – auch, um nicht dauernd nach den Unterlagen für seine Eltern- und Schülervorträge gefragt zu werden. Sein Appell an die Eltern ist in all den Jahren derselbe geblieben: „Überlassen Sie Ihrem Nachwuchs nicht unüberlegt Technologie, mit der Sie sich selbst nur begrenzt auskennen, und schon gar nicht nur, „weil es alle anderen haben“ und Sie keine Lust mehr auf Diskussionen haben.“

Den Eltern sei oftmals zudem nicht klar, was das Internet überhaupt ist, nämlich nichts anderes als eine Abbildung des normalen Lebens. „Alle nicht so schönen Sachen, die man seinen Kindern normalerweise vorenthält, gibt es dort auch – und sie sind leicht zu finden. Auch für Kriminelle ist es im Internet viel leichter, sich Kindern zu nähern als im richtigen Leben. Und es wird ihnen von den Eltern auch leichter gemacht.“

Surfende Kinder, ahnungslose Eltern

Surfende Kinder, ahnungslose Eltern: Laut Steppich ist das ein Phänomen, das sich im Laufe der Jahre nicht verbessert hat. „Was ich seit Jahren feststelle, ist, dass sowohl Eltern wie Lehrer nur wenig darüber wissen, was Kinder im Internet überhaupt machen. Zudem haben Erwachsene ein ganz anderes Nutzungsverhalten als die Jugendlichen.“ Aktuell betrifft das die Anmeldung in Dating-Apps wie Lovoo und Tinder sowie Live-Steaming bei younow.com. (Weiterlesen: Kinderhilfswerk warnt vor Webcam im Kinderzimmer)

Doch der Besitz eines Smartphones gilt als Statussymbol für Kinder, darum betteln nicht wenige unaufhörlich ihre Eltern an, bis sie eines bekommen. „Alle haben das“ – laut Steppich ist das ein „Killerargument“, dass Kinder immer schon benutzten, wenn sie etwas haben wollten. „Dabei haben nicht alle Kinder ein Smartphone“, sagt er. „Nur ein Drittel der Kinder in der 5. Klasse haben eines – und selbst in der 8. Klassen haben 20 Prozent keines. Das Kind wird also nicht automatisch zum Außenseiter, wenn es länger auf das Gerät warten muss.“

Nicht nur Spielzeug

„Eltern, die Kindern ein Smartphone schenken, denken, sie verschenken ein Spielzeug. Dabei handelt es sich um ein Werkzeug, mit dem man sowohl sich selbst als auch andere verletzten kann.“ Fatal ist es jedoch, wenn Kinder von den Eltern die Geräte in die Hand gedrückt bekommen, aber keine Regeln dazu. „Die Kinder richten sie sich meist schnell ein, und die Eltern freuen sich, wie schnell ihre Kinder das hinbekommen. Dabei müssten sie in dem Moment, wo ihr Kind ein Smartphone hat, zwischen Kontrolle und Wahrung der Privatsphäre abwägen.“

Wichtig seien dabei zwei Dinge: Gucken, was die Kinder mit dem Smartphone machen und wann sie es machen. Nach Erfahrung von Steppich kümmern sich jedoch nur wenige Eltern um Regeln oder technische Möglichkeiten. „Viele stellen ihren Kindern die Geräte zur Verfügung und wünschen sich von der Schule, dass sie den Kindern beibringt, wie es funktioniert. Und wenn dann etwas passiert, regen sie sich auf.“ (Weiterlesen: Die Top 10 Gefahrenquellen im Netz)

Steppich findet das absurd, genauso wie das Beispiel vom Vater, der ein altes Klapphandy besitzt, seinem Kind aber das neueste Smartphone-Modell schenkt: „Als Vater war mir immer klar, dass die Schule meine Kinder bilden soll und ich sie erziehe.“ Zudem sei gerade die Berufsgruppe der Lehrer unterdurchschnittlich medienaffin und könne ihren Schülern in dem Bereich sehr wenig vermitteln.

Regeln und Gespräche

Was hilft, sind Regeln und Gespräche: „Wenn man die Kinder rechtzeitig aufklärt, entweder bevor oder wenn sie dann die Geräte bekommen, kann man die meisten Probleme umgehen.“ Steppich spricht aus eigener Erfahrung: „Wir sind eine total digitale Familie, in der die Kinder schon im Grundschulalter Computer in ihren Zimmern stehen hatten. Allerdings waren diese mit Filterprogrammen ausgestattet und nur zu bestimmten Zeiten benutzbar.“

Das Allerwichtigste ist jedoch, dass Eltern mit den Kindern über das Thema reden – und zwar immer wieder. Man kann als Eltern nicht den Kindern die Technologie zur Verfügung stellen und sich dann überhaupt nicht dafür interessieren, findet der Lehrer: „Das wäre so, als würde ich einem Zehnjährigen einen Autoschlüssel in die Hand drücken und sagen ,Probier mal schön, wird schon klappen!‘.“


Steppichs Regeln für Eltern

- Nie vergessen: Das Smartphone ist nicht nur Spielzeug, sondern auch Werkzeug.

- Grundschüler brauchen kein Smartphone. Sollte es in Ausnahmefällen doch einen zwingenden Grund geben, reicht das älteste Telefon, in das Mamas und Papas Nummer eingespeichert werden und mit dem man nur telefonieren und SMS verschicken kann.

- Ab Klasse 5 kann ein Handy zur Familienorganisation hilfreich sein. Auch hier gibt es aber keinen vernünftigen Grund für ein Smartphone.

- Ab Klasse 8 kann man über ein Smartphone nachdenken, dann aber nur mit einer Prepaid Card ohne Internetkontingent. Das Gerät sollte jedoch immer vor dem Schlafengehen bei den Eltern abgegeben werden, die es morgens wieder aushändigen.

- Mit 16 Jahren sollten die meisten Jugendlichen dann alt genug sein, um mit mobilem Internet überlegt und verantwortungsbewusst umgehen zu können.

- Immer wieder mit den Kindern über das Thema reden – über Bildrechte, Gefahren durch Pädophile,Mobbing, etc.

Steppichs Regeln für Kinder und Jugendliche

- Zur Anmeldung in Apps und bei Websites eine zusätzliche, neutrale Emailadresse anlegen, die keine persönlichen Angaben wie Name, Alter, Geschlecht preisgibt

- Sichere Passwörter verwenden

- In Apps und auf Websites niemals unter dem echten Namen agieren, das betrifft aktuell vor allem Facebook, Instagram, Snapchat sowie die oben genannten Portale

- In Chats keinerlei persönliche Informationen (Wohnort, Schule, Hobbies) an Unbekannte herausgeben

- Keine Fotos in sexy Posen per Handy verschicken oder online stellen

- Stichwort Younow: Live ist live, wie bei einer Fernsehsendung: Hier lässt sich nichts löschen oder zurücknehmen. Man muss dabei sehr überlegt vorgehen und verplappert sich sehr leicht.

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