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13.04.2015, 18:35 Uhr zuletzt aktualisiert vor KOLUMNE

Regretting Motherhood? Non, je ne regrette rien!

Von Corinna Berghahn

Die heilige Muttergottes mit dem braven Jesusbaby: Anders als diese Ikone der Kirche sind echte Mütter Menschen, keine Heiligen - und dürfen gerne bereuen, findet unsere Kolumnistin. Foto: ColourboxDie heilige Muttergottes mit dem braven Jesusbaby: Anders als diese Ikone der Kirche sind echte Mütter Menschen, keine Heiligen - und dürfen gerne bereuen, findet unsere Kolumnistin. Foto: Colourbox

Osnabrück. Ein israelische Studie sorgt für Aufruhr in der weltweiten Blogszene: In ihr bekennen sich mehrere Mütter, die Geburt ihrer Kinder zu bereuen. Unter #regrettingmotherhood (deutsch= Mutterschaft bereuen ) outen sich auch andere bereuende Mütter. Nicht so unsere Kolumnistin - die jedoch vollstes Verständnis hat.

Lieber Daniel,

mit großem Interesse habe ich den Artikel in der SZ über die Studie der Israelin Orna Donath gelesen und die Reaktionen verfolgt. 23 Frauen zwischen 20 und 70 Jahren berichten in ihr, wie sehr sie ihre Mutterschaft bereuen, für einige ist sie sogar der „Albtraum“ ihres Lebens. Nur 23 – trotzdem scheint der Artikel einen Nerv getroffen zu haben, ansonsten hätte nicht gefühlt jeder zweite Mama-Blog darüber geschrieben. Und mein Mann hätte mich nicht wie Du gefragt, ob ich die Geburt unseres Kindes oder meine Rolle als Mutter bereue. Doch dazu später…

Interessant fand ich, dass es in dem Artikel heißt, es wäre ein Tabu, sich über die negativen Seiten der Elternschaft zu beschweren oder sie gar zu erwähnen. Vielleicht lebe ich in einer Blase der ehrlichen Eltern, aber in Zeitschriften wie „Nido“, „Brigitte Mom“ und „Eltern“ wird oftmals von der Überforderung der Eltern, besonders der Mütter berichtet.

Und befreundete und bekannte Mütter und deren Partner überbieten sich in mehr und auch minder persönlichen Gesprächen mit Horrorgeschichten über die Elternschaft, ihre Müdigkeit, das Geschrei, ewige Krankheiten, Streit, gefühlte Überforderung, das Vermissen, endlich mal den kompletten Tag im Bett zu fläzen oder bis in die Puppen tanzen zu gehen. Kurzum: Über das Fehlen des eigenen Lebens, seitdem das Kind auf der Welt ist – und hin und wieder nervt.

Einmal Mama, immer Mama

Doch in der Studie geht es nicht um den alltäglichen Nerv, der das Leben mit Kind mitbestimmt. Sondern um ein wirkliches Bereuen, das auch ein grinsendes Kindergesicht (für viele Eltern ein sicherer Stimmungsaufheller) nicht besser macht.

Doch einmal Mama, immer Mama. Zu sagen, dass man – trotz einer Liebe zu den Kindern – ihre Existenz bereut, weil man ohne sie besser sein eigenes Leben zu leben kann, ist daher so bitter wie mutig. Bitte mehr davon! Vielleicht wird so dieses seltsame überhöhte Konstrukt der alles heilenden und heiligen Mutterschaft ins menschliche Licht gerückt.

Albern hingegen finde ich es ich es, plötzlich normale Nervgeschichten unter dem Hashtag #regrettingmotherhood zu lesen – besonders, da diese immer mir einem versöhnlichen „Nervmüdeanstrengend, ABER …“ enden. (Wie dieser hübsche Blog-Eintrag von „auf Zehenspitzen“ so gut zusammenfasst.)

Sorry, aber das eine hat mit dem anderen soviel zu tun wie die Heultage (auch Babyblues genannt) nach der Geburt mit einer schweren postnatalen Depression - womit ich das Bereuen der Mutterschaft auf keinen Fall ins Krankhafte ziehen möchte. Im Gegenteil: Dass Frauen die Geburt des Kindes und ihre neue Rolle als Mutter bedauern kann ich gut verstehen: Keiner weiß, wie es sich anfühlt ein Kind zu haben, bis es wirklich da ist. Selbst in den neun Monaten der Schwangerschaft können das weder Mutter, Vater noch Hebamme oder sonstwer Kluges wissen.

Was ist mit #regrettingfatherhood?

Ob Mann oder Frau: Plötzlich zu merken, dass diese Elternrolle nichts für einen ist, ist daher absolut logisch, oder? Allerdings auch fatal, denn die Elternschaft besteht ein Leben lang – und die Gesellschaft verlangt ja gerade von Müttern eine Art heilige Liebe und Aufopferung für das Kind. Berufs- oder Partnerwahl kann man auch bereuen – und dann beenden. Eine Elternschaft jedoch lässt sich nicht beenden. Wie schon gesagt: Einmal Mama, immer Mama.

Männer haben es hier sicher immer noch einfacher: Von Vätern wird nicht soviel Aufopferung und Gefühl erwartet wie von den Müttern, die Stillen, Pekipen, Halbtagsarbeiten und sich ums Kind kümmern sollen. Aber ich denke, dass es ein wirkliches Bereuen bei beiden Geschlechtern gibt: Auch nicht jeder Vater entwickelt Vatergefühle. Trotzdem wird #regrettingfatherhood - ja, auch den Hashtag gibt es - wohl nie ein solches Aufregerthema werden.

Non, je ne regrette rien!

Ich bereue meine ziemlich ungeplante Mutterschaft nicht. Aber das liegt auch daran, dass ich mir alles viel schlimmer vorgestellt hatte – und vom Charme meines Kindes umgehauen wurde. Noch im Kreissaal wenige Stunden vor der Geburt jedoch wäre ich am liebsten verschwunden aus Angst, nie wieder frei zu sein – und gleichzeitig total zu versagen.

Mein Kind kam, wir lernten uns kennen und lieben und jetzt ist es gut so, wie es ist. Vielleicht auch, weil ich einen Mann habe, der auf traditionelle Geschlechterrollen pfeift und sich hauptsächlich um das Kind kümmert. So sehr ich mein Kind liebe, würde ich den Verzicht auf Arbeit wegen ihm nämlich nur schwer verkraften – und dann vielleicht sogar bereuen.

Deine Corinna

P.S.: Du warst ein Jahr raus aus der Arbeit, um Dich ums Kind zu kümmern. Wurdest Du als Mann und Vater in der Zeit ernst genommen? Oder gab es gerne einmal ungefragt Ratschläge von Fremden, wenn das Kind weinte?

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