Gegen Zeitumstellung Arzt warnt: Sommerzeit bremst Frühlingsgefühle

Der Arzt Hubertus Hilgers kämpft seit Jahren gegen die Zeitumstellung. Foto: dpaDer Arzt Hubertus Hilgers kämpft seit Jahren gegen die Zeitumstellung. Foto: dpa

Osnabrück Wenn am Wochenende die Uhren auf Sommerzeit umgestellt werden, schaut der Erlanger Arzt Hubertus Hilgers wehmütig nach Russland. Denn dort wurde die 2011 eingeführte Zeitumstellung im vergangenen Jahr wieder zurückgenommen. Dafür aber kämpft Hilgers bei uns seit Jahren vergeblich.

Wann hat Ihre Aversion gegen die sogenannte Sommerzeit eigentlich angefangen?

Das Gesetz zur Zeitumstellung ist 1980 in Kraft getreten. Damals war ich 17 Jahre alt. Da ich auf dem Land lebte und mit dem Überlandbus zur Schule fahren musste, hieß das, dass ich nun um fünf Uhr statt um sechs Uhr aufstehen musste, um pünktlich um 7.10 Uhr in der Schule zu sein. (Weiterlesen: Wie kommt der Körper mit der Sommerzeit zurecht?)

Und damals haben Sie beschlossen, die Zeitumstellung einfach zu ignorieren?

Ja. Für mich gibt es in Anlehnung an die Sonnenzeit nur eine Uhrzeit, und das ist die mitteleuropäische Zeit. Mein Umfeld hat sich darauf eingestellt. Wenn wir ein Gesetz hätten, das besagt, dass wir ab dem 30. März eine Stunde früher zum Dienst erscheinen müssen, dann würde es viel mehr Menschen auch bewusst, dass sie eine Stunde früher aufstehen. Stattdessen hat der Gesetzgeber dem Zeitsignal quasi eine neue Bedeutung gegeben. Und das macht den Körper krank. Denn jeder Mensch hat eine innere Organuhr.

Und wie tickt die?

Diese innere Uhr steuert die Körperfunktionen. Der genetisch vorgegebene Mechanismus synchronisiert sich dabei mit der Umwelt. Dabei ist das Sonnenlicht ihr wichtigster Zeitgeber. Innere Uhren sind auch vorausschauend. Das heißt, der Organismus weiß bereits nachts, was am nächsten Morgen mit seinen Körperfunktionen passieren wird. Alle Stoffwechselvorgänge im Körper sind aufeinander abgestimmt und genau getaktet. Alle Organe arbeiten nach einem festen Schema: Nachts zum Beispiel von 1 bis 3 Uhr hat die Leber ihre aktive Phase. Danach kommt die Lunge, dann der Dickdarm und dann der Magen. Bei einer Zeitverschiebung im Außen durch einen Wechsel der Normalzeit in die Sommerzeit gerät dieser Biorhythmus aus dem Takt. Er bekommt sieben Monate lang permanent falsche Zeitsignale, auf die der Körper nicht reagieren kann.

Welche Folgen kann das haben?

Zuallererst bemerken wir die negativen Auswirkungen auf unseren Schlaf-Wach-Rhythmus. Bei der Umstellung im Frühjahr von der normalen Zeit auf die Sommerzeit wird die Uhr um eine Stunde vorgestellt. Das bedeutet: Stehen wir normalerweise am Morgen um sieben Uhr auf, ist es jetzt eigentlich erst sechs Uhr. Die Ausschüttung des Melatonins (Anm.d.Redaktion: Substanz, die den Schlaf reguliert) hat sich noch nicht umgestellt. Der Glukokortikoidspiegel ist noch niedrig. (Anm.d.Redaktion: Glukokortikoide sind Hormone, die in der Nebennierenrinde hergestellt werden und die bestimmte Wirkungen im Körper auslösen). Unser Blutdruck und unsere Pulsfrequenz sind noch im Dunkel-Rhythmus. Uns fehlt die eine Stunde Schlaf. Wir sind müde, unkonzentriert und fühlen uns schlapp.

Und was passiert dann? Beim Blick auf die Uhr sehen wir dann auch noch ein falsches Zeitsignal. Der Körper reagiert mit einer Stressreaktion. Erhöhte Alarmhormone sind die Folge. Der Blutdruck steigt. Nach einer Studie der Krankenkasse DAK steigt das Herzinfarkt-Risiko in den ersten drei Tagen nach der Uhrzeitumstellung um 25 Prozent.

Und wie reagiert der Körper, wenn die Uhr dann wieder zurückgestellt wird?

Da gibt es eine ganz interessante Studie aus den USA, die besagt, dass in den Monaten nach der Zurückstellung das Herzinfarktrisiko um 21 Prozent sinkt.

Also ist die Winterzeit für uns okay?

Ja. Die Winterzeit ist für uns ja die normale Zeit. Wenn wir über die Sommerzeit als Uhrzeit schreiben, sollten wir den Begriff immer in Anführungszeichen setzen. Denn das Wort Sommerzeit ist an sich für die Jahreszeit reserviert und nicht für eine Uhrzeit. (Weiterlesen: Wissenswertes zur Zeitumstellung)

Auf die Libido soll sich die Zeitumstellung ja auch auswirken…

Richtig. Bereits fünf Tage nach der Zeitumstellung sinkt das Testosteron des Mannes auf die Werte eines zehn bis 15 Jahre Älteren ab. Und in meiner Praxis habe ich beobachtet, dass viele Frauen nach der Umstellung bis zu zehn Tage verspätet ihre Regelblutung haben.

Da kann ja von Frühlingsgefühlen nicht mehr die Rede sein…

Richtig. Diese hormonellen Auswirkungen sind auch der Grund, weshalb die Russen die Sommerzeitverordnung nach drei Jahren im vergangenen Jahr dann doch wieder abgeschafft haben. Sie hatten ja drei Jahre dauerhafte Sommerzeit: Das heißt Sommer wie Winters die falsche Uhrzeit. Die Folgen blieben nicht aus: Schon ein Jahr nach der Einführung war die Geburtenrate in dem Land zurückgegangen. Frauen hatten sich dort sogar hilfesuchend an die Duma gewandt und über Potenzprobleme ihrer Männer geklagt. Auch die Selbstmordrate war in Russland in den ersten Jahren nach der Zeitumstellung stark angestiegen. Depressionen nahmen zu.

Umso erstaunlicher , dass die Politiker bei uns an der Sommerzeit festhalten…

Ja. Zumal auch in Deutschland und in anderen Nationen, die die Sommerzeit eingeführt haben, die Geburtenrate rückläufig ist. Ich glaube, da spielen Angst und Unwissenheit ein große Rolle: Angst davor, eine vermeintlich unpopuläre Entscheidung zu treffen, Angst vielleicht auch zuzugeben, dass man ein Gesetz gemacht hat, das nicht gut war.

Sie haben eine Petition zur Abschaffung der Sommerzeit ins Leben gerufen. Mit welchem Erfolg?

Wir haben in Deutschland über das Internet 51000 Unterschriften gesammelt und mehr als 55000 aus Europa. Hinzu kamen 12500 Stimmen aus anderen Sammlungen. Die Listen haben wir dann beim Petitionsausschuss in Berlin abgegeben. Der hat sie zur Beratung nach Brüssel ans Europaparlament und an das Wirtschaftsministerium weitergeleitet. Und dort liegen sie jetzt.

Und warum liegen sie in Brüssel nicht dem Ressort für Gesundheit vor?

Das ist wohl ein übergeordnetes Problem: Offenbar ist es so, dass die Wirtschaft sich mehr und mehr berufen fühlt, auch über die Gesundheit der Menschen zu bestimmen.


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