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09.03.2015, 10:17 Uhr KOLUMNE

Masernpartys für Kinder? Ihr habt doch einen Knall!

Von Corinna Berghahn

Impfen oder nicht Impfen? Das ist keine Frage, oder? Foto: dpaImpfen oder nicht Impfen? Das ist keine Frage, oder? Foto: dpa

Osnabrück. Impfen oder nicht Impfen? Das ist keine Frage, oder? Die Elternkolumne beschäftigt sich mit der seltsamen Angst vor dem Piks.

Lieber Daniel,

ohja, ich habe die Masern durchlebt. Es war schlimm. Ohren und Augen schmerzten, Fieber war hoch und mir ging es schlecht. Sehr schlecht. Auch schlimm: Windpocken. Kratzen, matt, wieder Kratzen und ein Akne-Gesicht, in dem einige Kratznarben immer noch zu sehen sind. Noch später: Röteln. Denn ich war gegen nichts geimpft. Das lag an unserer Familienkonstruktion: Drei Geschwister, alle älter, beide Eltern Vollzeit am Arbeiten, Umzüge… Da kann man schon einmal vergessen, das jüngste Kind zu impfen. (Weiterlesen: Acht Fakten, die man über Masern wissen muss)

Wobei: Bei den Röteln war ich selbst schuld. Ich hatte eine so schlimme Angst vor Spritzen, dass ich bei der Impfung in der Schule weggerannt bin und mich auf der Toilette versteckt habe. Meine Mutter fand es nicht allzu schlimm: Sie dachte, ich sei immun, weil sie die Röteln hatte, als sie mit mir schwanger war. Horror! Die Ärzte rieten ihr damals sogar zur Abtreibung, schließlich können Röteln in der Schwangerschaft zu verschiedensten Behinderungen beim Kind führen. Sie sagte „Nein“ und bekam ein trotz Infekt gesundes Baby. (Ärzte-Warnung wegen Masern: Babys in Berlin zu Hause lassen)

15 Jahre später schlugen die Viren zurück und der behandelnde Arzt bekam große Augen: Ein Mädchen, das noch die Röteln hat?! Panisch wurde ich aus der Praxis geschoben und musste vor der Tür warten. Berechtigterweise: Nicht auszudenken, wenn ich eine Schwangere angesteckt hätte! Mein Mann weiß nicht mehr genau, wann und ob er was hatte. Ausnahme: Mumps im Teeniealter. Mit der später an ihm nagenden Angst, vielleicht keine Kinder kriegen zu können...

Masernpartys? Geht’s noch?

Unser Kind ist gegen alles geimpft, was empfohlen wird: Masern, Mumps, Keuchhusten, Diphtherie, Röteln und was sonst noch das Leben unlebenswert machen kann. Dabei bin ich keine Verfechterin einer 100-prozentigen Schulmedizin. Aber Impfungen sind neben der Entdeckung der Ursache für das Kindbettfieber eine der besten Errungenschaften der Medizingeschichte überhaupt. Der Körper durchlebt die Erkrankung light und ist später immun. Wie großartig ist das denn?! (Weiterlesen: Masern-Impfpflicht könnte kommen)

Immer schon absurd waren mir von Eltern verabredete Masern-Partys, in der sich gesunde Kinder mit kranken treffen und alle an einem Lolli lecken sollten... Wer will denn sein Kind krank machen? Extra? Um es abzuhärten? Das klingt mir zu sehr nach Darwin und seinen „Survival of the fittest“. Ich verstehe das nicht. Mir ging es sehr übel während meiner Masernerkrankung, das will ich doch nicht für mein Kind!

Die gute alte Zeit? Kindersterblichkeit galore!

Ich verstehe auch nicht den stetigen Glauben von doch so kritischen Impfgegnern an den Briten Andrew Wakefield. Er verkündete 1998, die Kombi-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln könne Autismus auslösen. Er wurde längst widerlegt - aber Impfgegner sehen in all dem eine Riesenverschwörung der Pharmaindustrie. Und werden wohl auch nie anderer Meinung sein, egal, was geforscht wird. (Impfen: „Erfolg ist das größte Problem“)

Natürlich überleben viele Kinder die sogenannten Kinderkrankheiten, viele aber auch nicht, beziehungsweise tragen schwere Schäden davon. Früher war nämlich überhaupt nicht alles besser, sondern viel, viel schlimmer: Frauen starben im Kindbett, nicht wenige Kinder gleich mit und viele erkrankte Kinder trugen lebenslange Schäden davon. (Spätfolge einer Maserninfektion: Vierjährige wird sterben)

Dank Impfkampagnen gibt es keine Pocken mehr, dank Impfung erkrankte unser zartes Kind nicht noch schlimmer an Keuchhusten, als es knapp 1,5 Jahre alt war. Schon die leichte Version mit Hustenreiz und Atemnot war die Hölle für uns und das Kind. Es gibt viele Dinge, die ich meinem Kind weitergeben will: Die Erfahrung einer schweren Erkrankung gehört nicht dazu.

Deine Corinna

P.S.: Regen Dich dreckige Spielplätze und Straßen mehr auf, seitdem Dein Kind alles anfassen und in den Mund nehmen kann?

Vater, Mutter, Kind: Über die Elternkolumne

Im deutschen Kinderzimmer herrscht Verunsicherung. Eltern aus unserer Redaktion schaffen Abhilfe! Corinna Berghahn ist seit drei Jahren Mutter, Daniel Benedict vor mehr als einem Jahr Vater geworden. Im wöchentlichen Wechsel widerlegen sie hier Mythen und Legenden der Elternschaft. Dies sind unsere lustigsten Texte:

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