Interview mit Christina Kauschke Eltern sollten Kindern Spaß am Sprechen vermitteln


Osnabrück. Können Kinder maulfaul sein? Was ist die 50-Wort-Grenze? Und ist Fremdsprachenunterricht im Kindergarten überhaupt sinnvoll? Ein Interview über Kinder und das Erlernen von Sprache.

Christina Kauschke, Professorin für Germanistische Linguistik an der Philipps-Universität Marburg, hat sich mit dem Spracherwerb bei Kindern auseinandergesetzt.

Frau Kauschke, warum lernen Menschen überhaupt sprechen?

Es gibt eine genetische Ausstattung, die Menschen befähigt, Sprache zu lernen. Man sieht dies auch daran, dass im Gegensatz zu Tieren nur wir Menschen dazu fähig sind, Sprache in dieser Komplexität zu lernen. Natürlich brauchen die Menschen zusätzlich aus ihrer Umwelt die nötigen sprachlichen Informationen über die Struktur der jeweiligen Muttersprache, die sie erlernen.

Eine Wechselwirkung also?

Genau. Um mit Hilfe der angeborenen, genetisch mitgegebenen Fähigkeit die jeweilige Sprache lernen zu können, muss ein Kind hören, wie seine Muttersprache aufgebaut ist.

Wann ist Sprechen für Kinder physisch möglich?

Man muss hier das Sprechen selbst und die Sprachwahrnehmung unterscheiden. Die Sprachwahrnehmung beginnt schon im Mutterleib, sobald das Gehör ausgebildet ist. Der Fötus beginnt schon damit, das Gehörte zu verarbeiten. Von Anfang an finden also sehr wichtige Sprachverarbeitungsprozesse statt und nicht erst dann, wenn das Kind etwas äußert.

Und die lautlichen Äußerungen?

Manche sagen, dass der Schrei nach der Geburt als erste lautliche Äußerung schon den Beginn der Sprachentwicklung darstellt. Dazu ist untersucht worden, dass das Schreien von Babys sich melodisch nach und nach der Muttersprache annähert. Zudem können Kinder schon in den ersten Lebensmonaten verschiedene Babbel-Äußerungen und Vokalisierungen von sich geben. So probieren sie aus, was mit ihrer Stimme möglich ist. Das wird im ersten Lebensjahr zunehmend genauer und besser abgestimmt. Anfangs ist es ihnen eine differenzierte Artikulation noch gar nicht möglich, weil der Kehlkopf noch höher liegt und der Mundraum sehr klein ist.

Gibt es einen wichtigen Entwicklungsschritt im ersten Jahr?

Ein großer Sprung in der Vokalisationsentwicklung ist das sogenannte „Kanonische Babbeln“. Dabei fangen die Kinder an, silbenartige Verbindung aus Konsonanten und Vokalen zu produzieren. Also so etwas wie „bababa, dadada“. Mit etwa zehn Monaten können die meisten Kinder das. Man hört dabei schon silbenartige Strukturen heraus, die in der Muttersprache in dieser Form vorkommen können. Noch allerdings ohne Bedeutung.

Sind die Betonungen beim Babbeln von Land zu Land unterschiedlich?

Am Anfang noch nicht. In den Vorstufen des Babbelns hört sich das Babbeln noch sprachübergreifend ähnlich an. In den frühen Babbelphasen probieren die Kinder oft alle möglichen Laute aus, auch solche, die in der Muttersprache gar nicht vorkommen. Das heißt, sie machen auch Geräusche, die gar nicht unter den Lauten der Muttersprache sind. Nach und nach konzentrieren sie sich auf die Laute, die in der Muttersprache vorkommen. In gewisser Weise verlernen sie etwas.

Oder sie konzentrieren sich auf das Wesentliche, was sie brauchen…

Ja, sie beginnen mit einer Lautvielfalt, die sie einfach ausprobieren, und verlernen dann diese Vielfalt zugunsten der Laute, die sie im Input hören und die für die Muttersprache relevant sind. Die Betonung der Silben ist dann das erste, das sich stark an der Muttersprache ausrichtet.

Was Kinder alles „verlernen“

„Verlernen“ Kinder noch mehr?

Genauso ist es mit der Lautdifferenzierung: Anfangs können Kinder viele Unterschiede wahrnehmen, später verlernen sie das und bemerken nur noch die Kontraste, die in ihrer Sprache wichtig sind. Das erklärt auch, warum wir Deutschen bestimmte Lautunterscheidungen gar nicht mehr hören können, die es in anderen Sprachen gibt. Beispielsweise, warum japanische Sprecher „r“ und „l“ nicht mehr unterscheiden können: Es ist in ihrer Sprache einfach nicht notwendig.

Sie sagten eben, dass die Sprachwahrnehmung schon im Mutterleib beginnt, sobald der Fötus hören kann. Viele werdende Eltern lesen ihren Kindern schon etwas vor, wenn sie noch im Bauch sind. Ist das sinnvoll?

Das Kind kann im Mutterleib schon Sprache wahrnehmen, der Höreindruck wird allerdings durch die Gebärmutterwand gefiltert. Doch es hört zumindest den Rhythmus der Sprache. Und weil sie den Rhythmus der Muttersprache vor der Geburt schon wahrgenommen haben, ziehen Säuglinge ihre Muttersprache anderen Sprachen vor. Dafür muss man ihnen aber nicht unbedingt vorlesen: Den akustischen Eindruck haben sie ja auch, wenn die Erwachsenen sich einfach unterhalten.

Babys mögen ihre Muttersprache am liebsten

Woher weiß man denn, dass Babys ihre Muttersprache lieber mögen als Fremdsprachen?

Das kann man natürlich nur experimentell untersuchen. Solche Untersuchungen zur frühen Sprachwahrnehmung werden seit einigen Jahrzehnten gemacht, beispielsweise durch Nuckelexperimente: Die Kinder haben einen Schnuller im Mund, der mit einem Computer verbunden ist und aufzeichnet, wie schnell die Kinder daran nuckeln. Wenn die Kinder einen Unterschied wahrnehmen oder etwas besonders gerne hören, fangen sie an, schneller zu nuckeln. Wenn man zum Beispiel französischsprachigen Kindern Französisch vorspielt und dann Russisch, merken sie das, und nuckeln nur dann stärker, wenn sie ihre Muttersprache Französisch hören. Höchstwahrscheinlich ist es die Sprachmelodie, die sie wiedererkennen. Denn die haben sie ja schon im Mutterleib gehört.

Sollte man mit Kindern eigentlich von Anfang an „normal“ reden – oder ist Babysprache auch in Ordnung?

Darüber sollte man sich am besten gar nicht so viele Gedanken machen, denn es ist gut belegt, dass Erwachsene ganz intuitiv ihre Sprechweise an das Alter des Kindes anpassen. Man nennt das kindgerichtete Sprache oder auch Mutterisch.

Und wie klingt das?

Das ist nicht unbedingt eine Babbel-Sprache, denn das Gesprochene hat einen ganz normalen Inhalt. Aber die Tonhöhen werden etwas übertrieben, also stärker hoch und tief moduliert, mit längeren Pausen und einer überdeutlichen Betonung. Es ist nicht unbedingt nötig für den Spracherwerb, aber es ist eben für uns eine normale Art, uns an Kinder zu wenden. Mit zunehmendem Alter wird die kindgerichtete Sprache automatisch entsprechend verändert.

Wie läuft es denn in anderen Kulturkreisen?

Es gibt Kulturkreise, in denen die Eltern weniger mit kleinen Kindern kommunizieren, diese aber dafür mehr mit anderen Kindern sprechen, was ihnen einen anderen Input gibt. Und es gibt Kulturen, in denen Kinder zunächst nicht direkt angesprochen werden. Auch die Haltung, dass man Kinder erst dann als Gesprächspartner akzeptiert, wenn sie selber sprechen können, gibt es. Trotzdem lernen die Kinder überall auf der Welt sprechen.

Zurück zu den Schritten beim Spracherwerb: Gibt es neben dem „kanonischen Babbeln“ mit zehn Monaten noch weitere?

Das Auftreten der ersten Wörter mit ungefähr einem Jahr oder 13 Monaten ist ein Meilenstein. Natürlich gibt es eine individuelle Variation, aber etwa um den ersten Geburtstag herum fangen die Kinder mit den ersten Wörtern an.

Die 50-Wort-Grenze

Solche wie etwa „Mama“ und „Papa“?

Das kann Mama und Papa sein. Es können auch Wörter wie „da“ oder „ja“ und „nein“ oder „hallo“ oder einfache erste Nomen – wie „ Ball“ oder „Puppe“ - sein. Manche Kinder beginnen damit auch ein bisschen früher, aber nicht wesentlich. Mit ungefähr 1,5 Jahren, spätestens aber mit zwei Jahren, sprechen Kinder etwa 50 Wörter. Diese 50-Wort-Grenze spielt eine große Rolle. Wenn ein Kind mit zwei Jahren noch nicht ungefähr 50 Wörter produzieren kann, kann das ein erster Anhaltspunkt sein, dass man die Sprachentwicklung des Kindes weiter untersuchen sollte.

Wie geht es dann weiter?

Ein weiterer Meilenstein sind Wortkombinationen: Wenn ein Kind beginnt, Wörter miteinander zu verbinden, zum Beispiel nicht nur „da“ und „Ball“ sagt, sondern „da Ball“. Das sollte mit ungefähr 1,5, spätestens mit zwei Jahren begonnen haben. Bei deutschsprachigen Kindern finden wir dann mit 2,5 Jahren die Fähigkeit einfache korrekte Sätze zu bilden, mit drei Jahren kommen Nebensätze. Viel Wichtiges passiert zwischen zwei und drei Jahren. Später gibt es natürlich noch Weiterentwicklungen im Vorschulalter und im Schulalter, wenn sich zum Beispiel das Erzählen entwickelt und längere Texte produziert werden.

Gibt es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen?

Nicht sehr ausgeprägt. Es ist wohl so, dass Mädchen ein bisschen früher mit den ersten Wörtern anfangen und die frühe Wortschatzentwicklung bei Mädchen etwas schneller verläuft. Im Vorschulalter gibt es keine Unterschiede mehr.

Wie ist das mit dem Gefühl und Wissen über die richtige Grammatik?

Hier ist es wichtig, zu unterscheiden, wann grammatische Strukturen korrekt produziert werden und wann sich eine Sensibilität dafür in der Wahrnehmung entwickelt. Bei letzterem weiß man durch die Forschung zur frühen Sprachwahrnehmung, dass sich diese Sensibilität sehr früh entwickelt. Ungefähr mit einem halben Jahr nehmen Babys Funktionswörter wie Artikel schon wahr.

Der, die, das erkennen sie also schon so früh?

Genau. Früher ging man davon aus, dass Kinder sie gar nicht wahrnehmen, weil sie in der Produktion relativ spät kommen. Das kleine Kind sagt ja nicht „Da ist der Ball“, sondern „da Ball“. Nichtsdestotrotz können Kinder diese Funktionswörter ziemlich früh wahrnehmen. Überhaupt: Sie können mit 1,5 Jahren bereits falsche Sätze erkennen. Bevor sie zwei Jahre alt werden, ist daher das Wissen über Grammatik der Muttersprache schon relativ gut entwickelt. Das heißt aber nicht, dass sie es auch schon korrekt anwenden.

Wann geht das los?

Eine der wichtigsten grammatischen Regeln im Deutschen legt fest, wo die Verben im Satz stehen müssen. Anfangs sagen Kinder z.B. „Dani Buch lesen“. Sie müssen erst noch lernen, dass im Deutschen in Aussagesätzen das Verb an die zweite Stelle kommt, wie in „Dani liest ein Buch“. Mit drei Jahren können sie die wesentlichen Regeln der Satzbildung in ihrer Sprachproduktion einhalten . Im Vorschulalter kommen noch Formen wie die Fälle Akkusativ und Dativ oder schwierige Pluralformen hinzu.

Wann müssen Eltern sich Sorgen machen?

Meistens haben die Eltern Recht, wenn sie beginnen sich Sorgen zu machen, weil sie beobachten, dass gleichaltrige Kinder schon viel weiter sind als das eigene. Beispielsweise wenn im Kindergarten andere Kinder schon Sätze bilden, das eigene Kind aber noch keine zehn Wörter spricht und sich gar nicht ausdrücken kann.

Was sollten sie dann tun?

Die Wörter aufschreiben, die ihr zweijähriges Kind spricht: Findet man dann nicht in etwa bis zu 50 Wörter, könnte das ein Hinweis auf eine verzögerte Sprachentwicklung sein. Es gibt auch Fragebögen, also kurze Checklisten, mit denen man einfach durch Ankreuzen bestimmter Wörter feststellen kann, ob der Wortschatzumfang mit zwei Jahren angemessen scheint oder nicht. Die Eltern sollten sich nicht scheuen, frühzeitig eine Diagnostik durch Fachkräfte, das heißt den Kinderarzt und Sprachtherapeuten, aufzusuchen.

Das klingt ernst…

Nicht alle Kinder, die mit zwei Jahren eine Verzögerung haben, behalten diese auch. Zwischen zwei und drei Jahren passiert sehr viel und es gibt Kinder, die eine Verzögerung mit drei Jahren überwunden haben. Manche Kinder haben aber mit drei Jahren nicht aufgeholt und bekommen eine Sprachentwicklungsstörung. Außerdem ist es wichtig ärztlich festzustellen, ob das das Kind „nur“ eine Sprachverzögerung hat, oder ob diese Ausdruck einer anderen Beeinträchtigung ist, die bis dato nicht erkannt worden ist.

Zum Beispiel am Gehör?

Eine eingeschränkte Hörfähigkeit sollte durch das Neugeborenen-Hörscreening längst festgestellt worden sein, denn wenn das Kind da eine Beeinträchtigung hat, muss ganz früh reagiert werden. Aber es gibt noch andere Bedingungen, zum Beispiel allgemeine Entwicklungsverzögerungen, die man im frühen Alter noch nicht bemerkt hat. Frühe Sprachverzögerung kann unter Umständen auch ein Indikator für Autismus sein. (Weiterlesen:„Dadada“: Wie und warum lernen Kinder sprechen?)

Können Kinder nicht auch maulfaul sein?

Dass ein Kind ist zu faul zum Sprechen ist, kann ich nicht bestätigen. Die meisten Kinder haben Lust zu reden. Sie haben Bedürfnisse und wollen, dass die Bedürfnisse ausgedrückt, gehört und auch befriedigt werden. Normalerweise kommunizieren Kinder, wenn sie das können. Tun sie es nicht, kann ein Sprachentwicklungsproblem dahinterstecken. Aus der Formulierung „maulfaul“ spricht eher eine Anspruchshaltung der Erwachsenen, wie viel und wann man reden sollte oder nicht.

„Mama, ich rosaiere mich“, sagte mein Kind vor Kurzem, als es sich unter eine rosa strahlende Lampe stellte. Gibt es einen Namen dafür, wenn Kinder Worte und Grammatik halbrichtig anwenden?

Gute Frage! Ihr Beispiel „Ich rosaiere mich“ ist grammatikalisch gesehen nicht halbrichtig, sondern richtig. Das Kind hat hier eine bestimmte grammatische Möglichkeit der Sprache, genauer gesagt der Wortbildung, erkannt und sie kreativ angewendet. Nur: normalerweise verwenden wir gerade dieses Wort so nicht. Deshalb hört Ihr Kind auch irgendwann auf, weil es merkt, dass dieses Wort sonst keiner verwendet. So eine kreative Neubildung ist typisch in einem bestimmten Alter und eine ganz normale Zwischenstufe, die eben auch zeigt, dass das Kind kreativ mit Sprache umgeht und solche Regeln selbst entdeckt. Denn „rosaieren“ hat es ja noch nie gehört. (Weiterlesen: Lustige Kindersprüche finden Sie hier)

Sprechen lernen ist also auch ein bisschen „trial and error“, oder?

Nein, denn die Kinder probieren ja nicht irgendwas. Dieses „rosaieren“ hat sich durch Analogiebildung, beispielsweise zu „halbieren“ gebildet, und ist ein Zeichen dafür, dass ein Muster erkannt wurde. Nämlich halbieren = halb machen - rosaieren = rosa machen.

Sagen Kinder Wörter auch extra falsch? Ich kenne ein Mädchen, das sagte eine lange Zeit „kawum“ statt „warum“.

Es kann sein, dass das Kind weiß, dass es „warum“ heißt, aber in der Ausspracheentwicklung ist es noch nicht so weit, Wörter mit „w“ und „r“ zu artikulieren. Also vereinfacht es die Aussprache. Von diesen sogenannten phonologische Prozessen, mit denen Kinder die Aussprache vereinfachen, gibt es mehrere: „k“ wird z.B. durch „t“ ersetzt oder „r“ durch „h“. Typisch wäre ein Kind, das „Tüsse“ statt „Küche“ sagt oder statt „Stiefel“ „Tiefel“. Ein Wort wie „kawum“ ist also nicht „extra falsch“, sondern es zeigt die Stufe der Ausspracheentwicklung des Kindes. (Weiterlesen: Peinliches aus Kindermund: Was dürfen Kinder ausplaudern?)

Sollten Eltern die Sprachentwicklung der Kinder betont fördern oder eher mitlaufen lassen?

Fördern klingt danach, irgendetwas zu üben oder abzufragen. Daher: Eher mitlaufen lassen. Was wirklich wichtig ist, ist ein ausreichendes Sprachangebot. Also: mit den Kindern sprechen, ihnen vorlesen, sich ihnen direkt zuwenden, Blickkontakt halten, ihnen aufmerksam zuhören, nicht unterbrechen. Oder anders gesagt: Spaß am Sprechen vermittelt. Denn die Förderung besteht vor allem im Angebot. Und nicht darin, dass man irgendwelche Wörter übt oder etwas benennen lässt.

Wie wirkt es sich aus, wenn dieser Input fehlt?

Wenn er fehlt, nennen wir das nicht Sprachentwicklungsstörung, sondern umgebungsbedingte Sprachauffälligkeit. Dies kann auch bei mehrsprachigen Kindern auftreten, die noch nicht sehr viel Input im Deutschen hatten, weil sie zu Hause eine andere Sprache sprechen.

Mehrsprachige Kinder und Fremdsprachen in der Kita

Schön, dass wir jetzt auch auf Fremdsprachen und Zweisprachigkeit kommen. Wie trennen Kinder, die zweisprachig aufwachsen, die beiden Sprachen?

Bei der Mehrsprachigkeit muss man die verschiedenen Typen unterscheiden: Ist es ein simultaner Erwerb von zwei Sprachen, weil das Kind von Geburt an mit zwei Muttersprachen aufwächst? Dann ist es ja für das Kind möglich, zwei Sprachen als Muttersprache zu erwerben und beide Sprachen relativ gleichwertig zu beherrschen.

Sollten Eltern in dem Fall immer konsequent in ihrer Sprache mit dem Kind sprechen?

Das ist das Beste, was sie machen können. Nach ein paar Jahren ist es nicht mehr so schlimm, wenn man wechselt, weil das Kind dann schon trennen kann. Aber in den ersten Jahren ist es sehr sinnvoll, konsequent zu bleiben.

Und wenn Kinder zu Hause eine andere Sprache lernen als beispielsweise im Kindergarten?

Das nennt man sukzessiven Zweitsprachwerb. Hier sollten Eltern in ihrer Sprache mit den Kindern reden und die zweite Sprache sollte dem Kind durch gute weitere Bildungsangebote vermittelt werden. Generell ist es für Kinder nicht sonderlich schwierig, mit zwei Sprachen aufzuwachsen. Ein Kind, das zu Hause Türkisch spricht und mit drei Jahren in den deutschsprachigen Kindergarten kommt, spricht später meistens fließend Deutsch und Türkisch.

Ist Fremdsprachenunterricht im Kindergarten sinnvoll?

Natürlich ist es eine große Chance, früh mit mehreren Sprachen aufzuwachsen, weil das Lernen dann wesentlich besser geht als später. Der Fremdsprachenunterricht im Kindergarten stört garantiert auch nicht den Erwerb der deutschen Sprache, da das Kind trotzdem ganz überwiegend Deutsch hört. Doch ein solcher Fremdsprachunterricht ist meines Wissens aber meist relativ kurz. Ein paar Minuten pro Woche, ein paar Verse oder Wörter reichen als Input nicht aus. Kinder können eine Sprache nur lernen, wenn sie sie mehrere Stunden pro Tag hören, z.B. Deutsch durch die Eltern und eine weitere Sprache durch .eine Tagesmutter.

Warum fällt Kindern das Lernen von Fremdsprachen so viel einfacher als Erwachsenen?

Zum einen ist bei ihnen das Gehirn noch plastisch. Später sind die Verarbeitungsmechanismen für Sprache im Gehirn festgelegter. Die erste Sprache bleibt dann die dominante, und es ist nicht so einfach, gleichwertig eine zweite Sprache zu erwerben. Zudem haben Kinder im natürlichen Spracherwerb ganz anderen Input und andere Möglichkeiten als Erwachsene im Fremdsprachunterricht.

Inwiefern?

Wenn Jugendliche oder Erwachsene Fremdsprachen lernen, wie wir es früher in der Schule gelernt haben, gibt es nur wenig Input. Aber wir wissen ja gar nicht, wie weit wir gekommen wären, wenn wir jeden Tag zehn Stunden von netten Leuten in dieser neuen Sprache angesprochen worden wären...


Prof. Dr. Christina Kauschke arbeitet am Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Die ausgebildete Logopädin beschäftig sich unter anderem mit Sprachentwicklung und Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern.

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