Vorliebe für Muttersprache „Dadada“: Wie und warum lernen Kinder sprechen?

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Große Geste - und vielleicht auch schon Worte. Mit zwei Jahren sollte der Junge jedenfalls schon etwa 50 kennen. Foto: ColourboxGroße Geste - und vielleicht auch schon Worte. Mit zwei Jahren sollte der Junge jedenfalls schon etwa 50 kennen. Foto: Colourbox

Osnabrück. Im Laufe der ersten Lebensjahre werden aus „Dadada“ die ersten Worte. Wie Kinder Sprechen lernen und welche Entwicklungsschritte wichtig sind, erklären wir hier.

Am Anfang, so steht es in der Bibel, war das Wort. Am Anfang des menschlichen Lebens dauert es jedoch eine ganze Zeit, bis ein Kind erkennbare Worte wie „Mama“ oder Papa“ aussprechen kann. Ein gutes Jahr müssen sich Eltern dabei schon gedulden, erklärt Christina Kauschke im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Professorin für Germanistische Linguistik an der Philipps-Universität Marburg hat sich mit dem Spracherwerb bei Kindern auseinandergesetzt.

Genetik und Mithören

Aber warum beginnen Menschen überhaupt mit dem Sprechen? Dafür gibt es zwei Gründe, die sich ergänzen, so Kauschke: Zum einen gibt es eine genetische Ausstattung, die nur Menschen befähigt, komplexe Sprache zu lernen. „Natürlich brauchen die Menschen zusätzlich aus ihrer Umwelt die nötigen sprachlichen Informationen über die Struktur der jeweiligen Muttersprache, die sie erlernen.“

Die lernen sie schon sehr früh: Anfangs können Kinder viele Unterschiede bei den Lauten wahrnehmen, später verlernen sie das und bemerken nur noch die Kontraste, die in ihrer Sprache wichtig sind. Sie konzentrieren sich also auf das, was sie einmal brauchen werden. Reden selbst ist dann noch gar nicht möglich, weil der Kehlkopf von Babys noch höher liegt und der Mundraum sehr klein ist. (Weiterlesen: Das komplette Interview mit Christina Kauschke: Eltern sollten Kindern Spaß am Sprechen vermitteln)

„Manche sagen, dass der Schrei nach der Geburt als erste lautliche Äußerung schon den Beginn der Sprachentwicklung darstellt.“ Das sogenannte kanonische Babbeln ist ein weiterer Schritt: Die Verbindung aus Konsonanten und Vokalen – etwas „Dadada“ - beherrschen die Kinder meist mit etwa zehn Monaten.

Die 50-Wort Grenze

Mit etwa 1,5 Jahren können Kinder Wortkombinationen sprechen und aus „da“ und „Ball“ wird „da Ball“. Ihre Kenntnis über Grammatik sind dann ebenfalls schon angelegt: Ungefähr mit einem halben Jahr nehmen Babys Funktionswörter wie Artikel wahr und mit 1,5 Jahren erkennen sie falsche Grammatik – selbst wenn sie sich noch nicht anwenden können.

Auch der Wortschatz wächst rasant: Mit zwei Jahren sollten Kinder einen Wortschatz aufgebaut haben, der etwa 50 Wörter umfasst. „Diese 50-Wort-Grenze spielt eine große Rolle“, so Kauschke. Wenn ein Kind mit zwei Jahren noch nicht ungefähr 50 Wörter produzieren kann, sollte man seine Sprachentwicklung weiter untersuchen: „Findet man dann nicht in etwa bis zu 50 Wörter, könnte das ein Hinweis auf eine verzögerte Sprachentwicklung sein.“

Dreijährige Kinder haben meist schon gelernt, dass im Deutschen in Aussagesätzen das Verb an die zweite Stelle kommt, wie in „Dani liest ein Buch“. Im Vorschulalter kommen noch Formen wie die Fälle Akkusativ und Dativ oder schwierige Pluralformen hinzu, so Kauschke. (Weiterlesen: Peinliches aus Kindermund: Was dürfen Kinder ausplaudern?)

Erwachsene müssen oftmals schmunzeln, wenn Kinder Worte falsch aussprechen. Doch das gehört zur Entwicklung dazu, da die Kinder ihre Aussprache vereinfachen, wenn sie bestimmte Buchstaben noch nicht aussprechen können. „Typisch wäre ein Kind, das ,Tüsse‘ statt ,Küche‘ sagt oder statt ,Stiefel‘ ,Tiefel‘“; so Kauschke. (Weiterlesen: Lustige Kindersprüche finden Sie hier)

Was ist „Mutterisch“?

Reden Erwachsene in unserem Kulturkreis mit Kindern, fallen sie oft in eine Sprechweise, die „Mutterisch“ genannt wird, so Kauschke: „Das Gesprochene hat einen ganz normalen Inhalt. Aber die Tonhöhen werden etwas übertrieben, also stärker hoch und tief moduliert, mit längeren Pausen und einer überdeutlichen Betonung.“

Unbedingt nötig für den Spracherwerb ist diese Sprechweise nicht, so die Wissenschaftlerin. In anderen Kulturkreisen werden Kinder von Erwachsenen kaum angesprochen und sprechen dafür mehr mit anderen Kindern oder werden erst dann als Gesprächspartner akzeptiert, wenn sie selber sprechen können. Trotzdem lernen die Kinder überall auf der Welt sprechen.


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