„YouNow“ in der Kritik „YouNow“: Experten warnen vor sexueller Belästigung

Von Cornelia Achenbach

„YouNow“ ist der neueste Schrei bei Kindern und Jugendlichen. Datenschützer und Pädagogen sind entsetzt über die fehlende Kontrolle auf der Plattform. Screenshot: younow.com - noz.de„YouNow“ ist der neueste Schrei bei Kindern und Jugendlichen. Datenschützer und Pädagogen sind entsetzt über die fehlende Kontrolle auf der Plattform. Screenshot: younow.com - noz.de

Osnabrück. Mit „YouNow“ die eigene Sendung, live aus dem Kinderzimmer streamen – das ist der neueste Schrei bei Kindern und Jugendlichen. Datenschützer und Pädagogen sind entsetzt über die fehlende Kontrolle auf der Plattform.

„YouNow“ heißt die Streaming-Plattform, mit der Nutzer per App oder Webcam sich selbst im Internet präsentieren, während andere Nutzer die Videos bewerten und kommentieren. Eine Kontrolle, wer hier was zeigt und dabei womöglich belästigt wird, gibt es nicht – zum Entsetzen von Datenschützern und Pädagogen. ( Weiterlesen: Am 10. Februar ist „Safer Internet Day ›› )

Jenny sitzt auf ihrem Kiefernholzbett, streicht sich die Haare zurück und blickt etwas gelangweilt in die Kamera. „Zeig dich mal nackt!“, liest sie aus dem Live-Chat vor, der neben dem Web-Cam-Fenster auf dem Bildschirm erscheint. Oder: „Zeig doch mal deine Füße!“ „Jetzt hört mal auf mit dem Mist“, schimpft sie. Immer wieder das Gleiche. „Das nervt echt.“ Aber auch „wenn‘s nervt“ – Jenny zeigt sich täglich im Internet. Schließlich drücken für sie ziemlich viele Zuschauer den „Daumen hoch“-Knopf, zudem gibt es ja auch solche Kommentare: „Du hast echt schöne Haare!“, oder: „Tolle Augen!“. (Lesen Sie weiter: Was steckt hinter den neuen Facebook AGB?)

Wunsch nach mehr Fans

„Aufmerksamkeitsspirale“ nennt das Professor Petra Grimm von der Hochschule der Medien in Stuttgart. YouNow bietet unsicheren Teenagern eine Bestätigung, löse einen Wunsch nach mehr Fans und einem besseren Ranking unter den „Broadcastern“ aus. Wer mag da schon den Wunsch der Zuschauer, sich doch mal im Bikini zu präsentieren, ausschlagen? „Gerade den Jüngeren und Unerfahreneren fällt es schwer, sich gegen solche Belästigungen zur Wehr zu setzen“, sagt Grimm, die das Institut für Digitale Ethik in Stuttgart leitet.

„Zeig dich doch mal nackt“

Jenny ist eine von den Wehrhaften. Doch wer sich einmal durch das Angebot klickt, stößt schnell auf selbst ernannte Moderatoren, die einem verdächtig milchbubihaft vorkommen, und auch hier stößt man nach kürzester Zeit auf seltsame Kommentare: „Magst du Beschnittene?“. „Speed ist billiger.“ „Ich hole mir gerade einen runter.“

Zugelassen ist YouNow eigentlich erst ab einem Alter von 13 Jahren. Allerdings erfolgt die Anmeldung über Facebook, Google+ oder Twitter – und dort kann man als Geburtsdatum alles Mögliche angeben.

Ursprünglich war YouNow auch nicht dazu gedacht, dass sich Jugendliche in Schlafanzügen vor Ikea-Schränken präsentieren, Schminktipps geben oder sich zu albernen, teils aber auch gefährlichen Mutproben hinreißen lassen. Youtuber oder Musiker sollten sich durch das Portal mit ihrem Publikum austauschen können. Denn während für Youtube Videos erst gedreht und hochgeladen werden müssen, läuft bei YouNow, das es seit 2011 in den USA und seit 2014 in Deutschland gibt, alles über die direkte Kommunikation. Lediglich die letzte YouNow-Aufnahme wird gespeichert und kann mehrfach angesehen werden, ehe sie vom neusten Stream überschrieben wird.

Eltern oft ahnungslos

Um einmal ein deutsches Familienklischee zu bedienen: Während Mama und Papa im Wohnzimmer Tatort schauen, beantwortet der kleine Finn in seinem Kinderzimmer Fragen zu seinem Lieblingsschulfach, seiner Lieblingsband und zu Intimpiercings. Und während bei Youtube Mama und Papa sich zumindest einmal anschauen können, was ihr Sohn da in die Welt gesendet hat und ihn dann gegebenenfalls dazu auffordern, es doch bitte wieder zu löschen, gibt es für Eltern bei YouNow keine Kontrollmöglichkeit. „Alles geht ungefiltert direkt raus“, sagt Grimm.

Mit ihren Daten gehen die jungen Nutzer dabei nicht gerade zimperlich um. „Wo wohnst du?“, „Wie heißt du mit Nachnamen?“, „Wie alt bist du?“ – das und mehr wird brav beantwortet. Sogar der beliebte Youtuber „Le Floid“ ist entsetzt über die Naivität der „Broadcaster“ und warnt unter dem Titel „Lecker Mutanten & Totalüberwachung“ vor den Gefahren von YouNow. Name, Alter, Adresse, Schulweg – alles werde rausgehauen. Um einmal Le Floid zu zitieren: „Ey, da fehlt nur noch so ein Spruch wie: Ich bin gerade allein zu Hause.“

Nutzerzahl steigt

Dennoch steigt die Zahl der YouNow-Nutzer beständig: Das Unternehmen verzeichnet nach eigenen Angaben rund 8 Millionen Nutzer, 650 000 davon in Deutschland, wobei der deutsche Markt so rasant wächst, dass YouNow verkündet, zusätzliche deutschsprachige Moderatoren und Vertreter eingestellt zu haben, um die „YouNow Broadcaster“ besser überwachen zu können. Denn wer sich nicht an die Regeln halte, der fliegt, sagt das Unternehmen. Zu den Regeln gehört auch: „Absolut keine Nacktheit oder sexuell provokatives Benehmen“.

Auch wenn die Medienwissentlerin Petra Grimm die zusätzlichen Moderatoren begrüßt („Besser als nichts.“), bezweifelt sie, dass es dadurch einen „Rundumschutz“ geben werde. Es sei besser, auf die Selbstsorge der Jugendlichen zu bauen. Und da seien erst einmal die Eltern gefragt. Von einem YouNow-Verbot hält Grimm indes nichts, das könnte das Portal ja erst recht interessant machen. „Es ist wichtiger, dass Jugendliche lernen, die Folgen und Risiken ihres Tuns einzuschätzen“, sagt die Professorin.

Abmahnungen drohen

Kopfzerbrechen anderer Art bereitet das Portal Tobias Röttger. Tobias Röttger ist ein alter Sack. Zumindest in den Augen Jugendlicher. Das sagt der Medienanwalt über sich selbst auf der Seite „Jurablogs“ , auf der er in einem kurzen Video auf noch einen anderen Aspekt hinweist: Denn mitunter kann der Spaß am Streamen für Jugendliche teuer werden.

Rechtliche Probleme drohen

Einerseits kann es Ärger mit der Gema (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) geben, wenn die Jugendlichen Musik in ihre Sendungen einbinden. Tobias Röttger hat bei der Gema nachgehakt: 108,50 Euro würden pro Session fällig werden, wenn keine Gebühren an die Gema gezahlt werden, bei hohen Zugriffszahlen auch mehr. Das viel größere Problem sieht der Medienanwalt jedoch bei Persönlichkeitsrechtsverletzungen. Denn nicht nur aus den eigenen vier Wänden, sondern auch aus dem öffentlichen Raum wird gestreamed. Zum Beispiel aus dem Klassenzimmer. „Da steht dann das Smartphone hinter dem Mäppchen und filmt die anderen Mitschüler und den Lehrer“, sagt Röttger. Wenn es hier zu einer Abmahnung kommt (Stichwort „Recht am eigenen Bild“), kann es schnell deutlich teurer für einen Finn oder eine Jenny werden.

A propos Jenny: Die ist auf YouNow gerade gar nicht zu sehen, die User machen sich schon Sorgen: „Streamst du denn nicht mehr?“ Keine Panik – Jenny ist noch dabei: „Leute, ich bin gerade krank. Sobald ich wieder gesund bin, kommen wieder Streams.“ 921 Fans atmen auf. Bald wird wieder gesendet. Live aus dem Kinderzimmer.


Am 10. Februar findet der „Safer Internet Day 2015“ statt. Das Internet hat zwar unlängst Einzug in das tägliche Leben aller Menschen gehalten, doch viele gehen noch immer fahrlässig mit ihren Informationen und Daten im Internet um. Beim „Safer Internet Day“ (SID) sollen Menschen aller Altersgruppen über die Risiken des Internets aufgeklärt werden.