Beinahe ausgestorbener Vogel Ranger hat in Feldberg einen Seeadlermann an sich gewöhnt

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Feldberg. Der Seeadler ist zurück in Deutschland. Mehr als 750 Brutpaare des einst beinahe ausgestorbenen Riesenvogels brüten wieder hier. Besuch bei einem Adler-Verrückten, der am Aufschwung seinen Anteil hat.

Aalfred wird grimmig schauen an diesem Morgen. Er tut das immer, er kann nicht anders. Scharf ist sein Blick und zielgerichtet. Aalfred wird nur Augen haben für den Fisch, den ihm der „Ranger Tours Catering Service“ heranfahren wird an seinen Horst im Breiten Luzin, einem der tiefsten Klarwasserseen Mecklenburg-Vorpommerns. Wenn er denn will. Denn der Seeadlermann kommt auch gut alleine klar, und ob er sich den Besuchern zeigen wird, die jetzt um kurz vor 11 Uhr die „Flotte Luzi“ besteigen, das entscheidet er spontan.

14 Rentner aus Wuppertal haben es sich auf dem Elektroboot bequem gemacht. Einmal einen Adler aus der Nähe sehen – so genau weiß noch keiner von ihnen, wie das sein wird. Aber die kleinen Fotoapparate halten sie griffbereit – für eine Begegnung mit dem größten Adlervogel Europas. Bis zu 2,50 Meter Spannweite machen ihn zum unbestrittenen Herrscher am Himmel nicht nur über Mecklenburg. Der einst vom Aussterben bedrohte Greif hat dank intensiver Schutzmaßnahmen die Wiedereroberung der Republik gestartet: Mehr als 750 Brutpaare leben wieder in Deutschland, die meisten in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg.

Reiseführer Fred Bollmann ist guter Dinge. Ein grüngrauer Stetsonhut mit Krempe bedeckt seine kurz geschorenen Haare, an der Schnur steckt eine braune Adlerfeder. „Freddy“, wie der 50-jährige Bollmann meistens genannt wird, trägt kurzen grauen Vollbart. Über der Filzjacke mit braun-grünem Tarnmuster halten Hosenträger eine abgewetzte Lederhose. Diese Kleidung passt immer. Bollmann liebt die Natur, saugt ihr Werden und Vergehen täglich in sich auf, von morgens bis abends.

„Allet schick“, sagt er, wenn es gut läuft. „Allet schick“, sagt er auch jetzt um elf. Die Wolkendecke ist aufgerissen und lässt die Sonne durch, das Wasser des Breiten Luzins beginnt zu glitzern, Buchen und Erlen am fast unberührten Ufer glühen. „Winkt noch mal freundlich, so ein bisschen Titanic-mäßig“, sagt Bollmann zu seinen Fahrgästen. Dann lacht er und fährt los.

„Wenn sie Knast hat, kommt sie vielleicht auch“, sagt er nach einer Weile schaukelnder Fahrt und sieht in fragende Gesichter. Knast bedeutet Hunger, und mit „sie“ ist das Adlerweibchen gemeint, das seine Einladung zum Gratisfisch nicht so zuverlässig anzunehmen pflegt wie das Männchen.

Fisch- und Seeadler gab es schon immer in der Gegend am Rande des Müritz-Nationalparks, aber nicht in Feldberg. Deshalb hatte Bollmann 1990 angefangen, abenteuerliche Kunsthorste in den höchsten Bäumen zu errichten, auch am Breiten Luzin. Aber erst im Jahr 2000 kam das erste Fischadlerpaar und er war darüber „superglücklich“. Schon ein Jahr später übernahmen Seeadler Nest und Lufthoheit, und Freddy war noch glücklicher.

„Als er damals an den See kam, hat der Adlermann einen morschen Ast von einer Kiefer abgebrochen, aus vollem Flug und mit einem Riesenknall“, erinnert er sich. Der Knüppel landete im Nest, und der Ranger kletterte hinauf, um ein Maßband anzulegen. „Ich musste doch wissen, wie groß der Ast war. Son dicket Ding.“ Bollmann ist neugierig wie ein kleiner Junge. „2,18 Meter lang und oberarmdick – damit ist der geflogen. Kernig, oder?“

Die Spannung in der „Flotten Luzie“ steigt. Solch einen Wundervogel muss man gesehen haben. Allzu gemächlich geht die Fahrt, Zeit für eine Abwechslung. „Hab ich eigentlich erzählt, dass ich Drogen spritze?“, fragt Bollmann und freut sich einen diebischen Moment über entglittene Gesichtszüge auf Seiten der Rentnerschaft. Er hält eine dicke Spritze mit Kanüle in Händen. „Na, ich brauche die Spritze natürlich zum Fischeaufpusten“, sagt er und das Boot gerät beinahe ins Trudeln, so schwer sind die Steine, die den Passagieren vom Herzen fallen.

Bollmann muss das Adleressen vorbereiten, „Ranger Tours Catering Service“ eben. Die toten Rotaugen und Aale, die die Adler auf den See locken sollen, würden schnell untergehen, wenn sie nicht mit Luft aufgepumpt würden. Derart präpariert, schwimmen sie ein paar Minuten an der Wasseroberfläche, so wie ein leckeres Schnitzel in zu viel Soße.

Eineinhalb Jahre hatte Bollmann zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts gebraucht, um die Greifvögel an sich zu gewöhnen. Mit dem Boot fuhr er damals auf den See, warf Rotaugen aus, schleppte Aale an einer Leine hinter sich her und sammelte die Fische wieder ein, als er merkte, dass die Adler nur darauf warteten, dass er wieder verschwand, um sich dann ihre Beute zu holen. Irgendwann hatte er den Adlermann so weit, dass er regelmäßig reagierte und die leichte Beute in zehn Meter Entfernung vom Boot aus dem Wasser fischte.

Heute fährt Bollmann in der Urlaubssaison alle zwei bis drei Tage auf den See und macht „Adleraction“, eine Erfolgsgarantie gibt er seinen Gästen nicht. Der Vogel mache eben, was er wolle, sagt Freddy. Aber er sei eben auch ein Opportunist, der Anstrengungen gerne vermeide. „Und er steht auf Aal. Deshalb nenne ich den Adlermann auch Aalfred“ – Aal und Fred.

Trotzdem versucht Bollmann es an diesem Vormittag zunächst mit einem Rotauge. Aal ist schließlich teuer, auch in der fischreichen Feldberger Seenlandschaft. „Der Einzige, der im Boot steht, das bin ich“, sagt er dann mahnend zu den Wuppertalern. Und: „Wer ein Blitzlicht benutzt, geht über Bord.“ Sein Adler soll sich nicht erschrecken. Freddy nimmt das Rotauge, steht auf, hält es hoch in die Luft, schwenkt es zweimal hin und her und ruft: „Na komm! Hoool dir den Aal.“ Und noch einmal: „Na kooomm! Hooool dir den Aaaaal.“ Leise schallt aus dem bunten Herbstwald ein „Aaaaaal“ zurück, mischt sich mit dem Aufklatschen des Fisches auf das Wasser. Aber Aalfred bleibt sitzen, und das Rotauge sinkt irgendwann in die glasklare Tiefe. Nur drei Möwen tauchen auf und sondieren die Lage.

„Na gut. Er will kein Rotauge“, sagt Bollmann und hält einen kleinen Aal in die Luft. Kaum hat er sein „Hol dir den Aaaaaal“ über das Wasser geschmettert, erhebt sich Aalfred vom Baum. Nur ein paar kräftige Flügelschläge, eine kurze Gleitphase, und er ist schon fast am Boot. Der Hals ist weit vorgestreckt, die Flügel liegen wie ein Surfbrett in der Luft. Aalfred schiebt die Fänge nach vorne, winkelt die Flügel an und fällt gegen den Wind auf den Aal herunter. Kurz vor dem Ziel breitet er die weißen Schwanzfedern zu einem bremsenden Halbkreis aus, stößt mit den gelben Fängen ins Wasser, packt den Aal, kurbelt sich aus der aufspritzenden Gischt in die Luft und fliegt in Richtung Wald. Der Fisch baumelt in seinen Fängen. Minuten später ist er verspeist.

Die Rentner aus Wuppertal sind begeistert von den zehn Sekunden mit dem Seeadler, und ihre Freude wird noch größer, als auch ein zweiter Versuch gelingt. Danach geht es mit der Flotten Luzie wieder eineinhalb Kilometer zurück zum Anleger. Aalfred und seine Auserwählte schauen zu, wie der „Ranger Tours Catering Service“ seinen Dienst für heute beendet.

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