Sicherheit am Arbeitsplatz Arbeitsschutz könnte bald Stressschutz bedeuten

Mit gesundheitsgefährdenden Substanzen hantieren Mitarbeiter des Recycling-Dienstleisters Remondis in Rieste im Osnabrücker Land. Die Sicherheitsstandards in Unternehmen steigen seit Jahren, die Arbeitsunfälle werden weniger. Foto: Swaantje HehmannMit gesundheitsgefährdenden Substanzen hantieren Mitarbeiter des Recycling-Dienstleisters Remondis in Rieste im Osnabrücker Land. Die Sicherheitsstandards in Unternehmen steigen seit Jahren, die Arbeitsunfälle werden weniger. Foto: Swaantje Hehmann

Geeste/Lingen/Dörpen. Arbeit kann lebensgefährlich sein. Immer wieder kommen Menschen in der Region im Berufzu Schaden. Die Gesamttendenz bei Arbeitsunfällen im Landist allerdings seit Jahrzehnten fallend.

Am 24. September traf es vier Männer auf dem Ölfeld Bramberge in der Nähe des Ortes Geeste im Emsland. Erdgas, ausgetreten aus einem Bohrloch des Unternehmens GdF Suez , entzündete sich und hüllte die Arbeiter in eine Feuersbrunst. Mit schwersten Brandverletzungen wurden sie in Spezialkliniken gebracht. Die Männer waren damit beschäftigt gewesen, ein Sicherheitsventil auf das Bohrloch zu schrauben – ein Gerät, das genau solche Unfälle verhindern soll.

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Zwei Wochen zuvor erwischte es einen Mitarbeiter einer Entsorgungsfirma in Ritterhude nördlich von Bremen. In dem Betrieb mitten in einem Wohngebiet explodierten entzündliche Substanzen. Der 60-Jährige starb an seinen Verletzungen. Im Juni begrub herabfallendes Metallgranulat einen Arbeiter unter sich, als dieser ein 40 Meter hohes Silo in der Raffinerie des Ölkonzerns BP in Lingen wartete. Sauerstoff aus seinem Atemschutzgerät reagierte mit Kühlungsstickstoff aus dem Silo. Der Mann erlitt schwerste Verbrennungen und starb.

Begünstigt Schichtarbeit Arbeitsunfälle

Tödliche Arbeitsunfälle in Deutschland haben in der ersten Hälfte des Jahres zugenommen. 211 Menschen kamen bei Unfällen während der Arbeitszeit ums Leben. Das waren 14 Arbeitnehmer mehr als im ersten Halbjahr 2013, teilte die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) Ende Oktober mit. Die meisten tödlichen Unglücke geschahen im Bereich der Berufsgenossenschaften Holz und Metall (53), Transport- und Verkehr (49) sowie in der Bauwirtschaft (46).

In vielen größeren Produktionsbetrieben wird in Schichten gearbeitet, einer Beschäftigungsform, die Arbeitsunfälle – der Statistik nach – möglicherweise begünstigt. Das zeigt ein Bericht des Statistischen Bundesamts. 2013 hatten danach 2,9 Prozent aller Erwerbstätigen einen Arbeitsunfall. Bei den Erwerbstätigen in Schichtarbeit waren es 4,2 Prozent. Der Grund muss jedoch nicht zwingend sein, dass Arbeitnehmer wegen der Schichtarbeit müder und unkonzentrierter sind und deswegen eher einen Unfall haben. Es kann auch daran liegen, dass die Berufe, in denen Schicht gearbeitet wird, besonders gefährlich sind.

Gefahren im Gartenbau

Besonders groß ist die Unfallgefahr im Bereich Land-, Forst- und Tierwirtschaft sowie im Gartenbau. Von den Erwerbstätigen in den Bereichen hatten 5,9 Prozent einen Arbeitsunfall. Hoch ist die Zahl auch im Bereich Bau, Architektur, Vermessung und Gebäudetechnik (5,1 Prozent). Ein sehr geringes Unfallrisiko haben Beschäftigte in Büroberufen (1,3 Prozent).

Insgesamt jedoch sank die Zahl der gemeldeten Arbeitsunfälle im ersten Halbjahr 2014 mit 430939 bundesweit leicht um ein Prozent – ein Trend, der seit Jahrzehnten zu beobachten ist. Anfang der Sechzigerjahre hatten die zuständigen Berufsgenossenschaften an die drei Millionen meldepflichtige Arbeitsunfälle registriert. Im Jahr 2012 waren es 969860.

Strengere Vorschriften, moderne Produktionsweisen und Sicherheitstechnik haben das Arbeiten in Deutschland weniger gefährlich für Leib und Leben gemacht. In jüngster Zeit vollzieht sich ein weiterer Bewusstseinswandel: Der Trend gehe „weg vom Arbeitsschutz in Form von Regeln, die Unternehmen aufgezwungen werden, und hin zu einer Sicherheitskultur“, sagt Matthias Hartwig (siehe Interview), Arbeitswissenschaftler und Experte für Mensch-Maschine-Interaktion an der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Dortmund. „Unternehmen begreifen das als Wettbewerbsvorteil für sich – zum Erhalt von Mitarbeitern und als Pluspunkt im Wettbewerb um neue Mitarbeiter.“

„Wir können alle Unfälle vermeiden“

Eine eigene Sicherheitskultur propagiert auch das Management des Papierwerkes UPM Nordland im emsländischen Dörpen . Das Werk mit rund 1700 Beschäftigten gehört zum finnischen Papier- und Holzproduktekonzern UPM. Dieser stellte seine Arbeitsschutzbemühungen im Jahr 2013 plakativ unter das Motto „Wir können alle Unfälle vermeiden“, veranstaltete seine erste „Sicherheitswoche“ und ruft seitdem jeden Monat unternehmensweit ein konkretes Sicherheitsthema aus. 2013 habe man die Rate von Unfällen, die Arbeitsausfälle zur Folge hätten, um 40 Prozent gesenkt, ist im UPM-Geschäftsbericht zu lesen. Das Dörpener Werk erhielt im Mai 2014 den konzerninternen „Frontrunner Safety Award“, mit dem UPM besonders gute Kennzahlen bei der Arbeitssicherheit honoriert.

Doch Arbeitssicherheit kostet Geld. Immer wieder gebe es aus den Unternehmen kritische Äußerungen, die besonders die Kosten und den mit Arbeitsschutz häufig einhergehenden bürokratischen Aufwand beklagten, berichtet die Industrie- und Handelskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim.

Zudem dürfte – von der Politik vorgegeben – das Feld größer werden, auf dem Firmen sich künftig mit Arbeitsschutzregeln beschäftigen müssen: Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will 2015 erste Kriterien für eine Anti-Stress-Verordnung vorlegen. „Es gibt unbestritten einen Zusammenhang zwischen Dauererreichbarkeit und der Zunahme von psychischen Erkrankungen, das haben mittlerweile auch die Arbeitgeber anerkannt“, wurde Nahles im Sommer von der „Rheinischen Post“ zitiert. Die Ministerin weiß in der anstehenden Debatte den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) hinter
sich. Dessen Vizechefin warnte kürzlich, Burn-out drohe zur „Volkskrankheit“ zu werden „Überstunden, ausgefallene Pausen, Schichtarbeit, Rufbereitschaft und schlicht zu viele Aufgaben – das gehört mittlerweile für Millionen von Beschäftigten zum Alltag“, sagte Buntenbach der Zeitung „Die Welt“ und bekräftigte die Forderung nach einer Anti-Stress-Verordnung. Bundeskanzlerin Angela Merkel und weitere CDU-Politiker hingegen haben sich zu dem Vorstoß bereits ablehnend geäußert.(Mit dpa)


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