Mensch und Maschine Arbeitsschutz: „Arbeiten direkt neben dem Roboter“


Dortmund. Der Arbeitswissenschaftler und Psychologe Matthias Hartwig sagt angesichts vernetzter Produktion in der Industrie neue Anforderungen an den Arbeitsschutz voraus. Hartwig ist Experte für Mensch-Maschine-Interaktion an der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund.

In der sogenannten Industrie 4.0 sollen Maschinen selbstständig miteinander kommunizieren. Digitale Vernetzung soll Betriebe produktiver machen. Wenn es so kommt: Was erwartet den Menschen?

In diesem Trend steckt ein ganzer Strauß von Chancen und Risiken – hauptsächlich in den sogenannten Cyberphysical Systems, die Personen mit Information und Arbeitsmitteln vernetzen. Ihre Integration kann den Spielraum erhöhen, in dem man Arbeitsplätze und -prozesse gestaltet.

Was sind die Risiken?

Bei wenig menschengerechter Gestaltung können Probleme für die Arbeitssicherheit und die Mitarbeitergesundheit entstehen.

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Zum Beispiel?

Bei der sogenannten Pick-by-Light-Technologie in der Logistik wird ein Mitarbeiter durch ein Head-mounted-Display, eine Art Datenbrille, im Lager zu dem Artikel geleitet, den er holen soll. Das kann seinen Handlungsspielraum erheblich einschränken und seine Arbeit sehr monoton machen. Im schlimmsten Fall ist der Arbeitnehmer nur noch damit beschäftigt, angezeigten Artikeln nachzulaufen. Das ist nah an der Negativ-Vision, dass Menschen nur noch Resttätigkeiten erledigen, die Cyberphysical Systems autonom nicht leisten können.

In diesem Szenario werden die Menschen also zu Handlangern der Maschinen?

Drastisch formuliert ist das das zentrale Risiko. Das heißt nicht, dass es so kommen muss. Denn auf der anderen Seite steht die Chance, Arbeit menschengerechter zu machen, Systeme intuitiv und lernförderlich zu gestalten. In diesem Szenario erkennt die Technologie durch Sensorik sehr viel und passt sich dem Menschen und seinen Nutzungsbedingungen an – nicht umgekehrt.

Sie beschreiben die psychischen Auswirkungen. Welche physischen kann die Industrie 4.0 haben?

Momentan wird in diesem Zusammenhang viel über die Interaktion zwischen Mensch und Roboter gesprochen. Bisher setzt man in der Produktion zwischen Industrieroboter und Menschen sogenannte Schutzzäune, also physische Barrieren. Aber bei immer ausgereifterer Sensorik und dem Streben nach möglichst reibungslosen Abläufen kommt jetzt der kollaborierende Einsatz in die Diskussion: Dabei arbeitet der Mensch direkt neben dem Roboter – ohne trennende Schutzvorrichtung. Das passiert in einigen Unternehmen bereits. Sicherheit wird hier gewährleistet durch optische oder durch Berührungssensoren, die erkennen, ob da ein Mensch im Weg ist, ob Kollisionsgefahr besteht. Wenn ja, stoppt der Roboter seine Bewegung.

Das klingt ein wenig nach den Robotergesetzen des Science-Fiction-Autors Isaac Asimov, die – in der Literatur – den Schutz des Menschen vor Robotern garantieren sollen?

Ein wenig schon. Aber von so komplexen Verhaltensanforderungen wie denen der Asimov’schen Gesetze ist man natürlich noch weit entfernt. In der aktuellen Forschung geht es eher um die ganz konkrete Umsetzung, etwa die Frage: Können solche sensorischen Systeme dieselbe Sicherheit gewährleisten wie Schutzbarrieren? Wenn ja, liegt darin natürlich eine große Chance, Prozesse effizienter zu machen.

Hat sich die Sichtweise von Unternehmen auf den Arbeitsschutz in den letzten Jahren verändert?

Das Bewusstsein hat sich verschoben – weg vom Arbeitsschutz in Form von Regeln, die Unternehmen aufgezwungen werden, und hin zu einer Sicherheitskultur – bis hin zu einer „Vision zero“, also null Arbeitsunfälle. Unternehmen begreifen das als Wettbewerbsvorteil für sich – zum Erhalt von Mitarbeitern und als Pluspunkt im Wettbewerb um neue Mitarbeiter. Ich beobachte, dass Unternehmen sehr offensiv damit werben, dass sie viel Energie in dieses Thema stecken.

Fällt kleinen Unternehmen Arbeitsschutz schwerer als großen?

In der Fachwelt erlebe ich kleine Unternehmen als genauso engagiert wie große, aber oft haben sie für Arbeitsschutz einfach weniger Ressourcen zur Verfügung. Arbeitsschutz verursacht proportional mehr Aufwand, wenn man über weniger Arbeitsplätze verfügt. Eine Gefährdungsbeurteilung für einen Arbeitsplatztyp kostet weniger, wenn ich sie auf 100 Arbeitsplätze anwenden kann, als wenn fünf Arbeitsplätze betroffen sind. Deshalb berücksichtigen wir kleine und mittlere Unternehmen beim Wissenstransfer besonders. Die Bundesanstalt legt großen Wert darauf, Informationen so praxistauglich zur Verfügung zu stellen, dass sie besonders auch kleinen und mittleren Unternehmen nützen.

Auf dem Personalmarkt macht die demografische Entwicklung den Unternehmen zu schaffen – hat die Tatsache, dass die Belegschaften immer älter werden, auch Auswirkungen auf den Arbeitsschutz?

Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten, ist angesichts des demografischen Wandels natürlich wichtiger denn je. Das ist aber kein Thema, das die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin verengt auf ältere Arbeitnehmer betrachtet. Wir verfolgen den Grundsatz ‚Gestaltung für alle‘. Das heißt, dass man Systeme für ältere Arbeitnehmer ergonomisch nicht anders gestaltet, als man das ohnehin menschengerecht tun sollte. Dinge wie die Vorsorge gegen den Verschleiß von Gelenken und Bandscheiben gelten für Ältere wie für Jüngere ja gleichermaßen.

Arbeitsschutz betrifft nicht nur Menschen in der Produktion, sondern auch Büroarbeiter. Großraumbüros stehen in der Kritik – dennoch richten Unternehmen immer noch solche Büros ein. Wie kommt das?

Dafür, dass Großraumbüros grundsätzlich die Mitarbeiter belasten, sind mir keine Belege bekannt. Natürlich müssen sie den Mitarbeitern und ihren Aufgaben angepasst werden. Auf Forschungsseite gibt es aktuell Bestrebungen, Lärmbelastungen mit Gegenschall zu kontern - basierend auf der Feststellung, dass Geräusche ohne Informationsgehalt auf einer konstanten Lautstärke als deutlich weniger störend wahrgenommen werden als beispielsweise Gesprächsfetzen. Am Strand entspannt uns Meeresrauschen, in der Bahn fühlen wir uns von Gesprächen Mitreisender gestört. Es gibt Überlegungen, Geräusche wie Meeresrauschen einzuspielen. Das ist aber noch in der Forschungsphase.


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