Die Besseresser Ernährung: Gesund und moralisch einwandfrei

Nicht nur Veganer, sondern fast alle Menschen fühlen sich bestimmten Gruppen moralisch überlegen, um sich abzugrenzen. Foto: ImagoNicht nur Veganer, sondern fast alle Menschen fühlen sich bestimmten Gruppen moralisch überlegen, um sich abzugrenzen. Foto: Imago

Osnabrück. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt Gesundheitspsychologe Claus Vögele, was richtige Ernährung bedeutet und warum die moralische Bewertung von Ernährung nicht neu ist.

Osnabrück. Dass gesunde Ernährung wichtig ist, weiß jedes Kind. Doch vielen Menschen in Industrieländern geht es schon lange nicht mehr nur um die Gesundheit. Ernährung ist für sie vielmehr ein Ausdruck von Individualität. Daneben ist die Frage nach der richtigen Ernährung mittlerweile auch zu einer moralischen geworden – und die Antwort darauf scheint jeder besser zu wissen als der andere. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt Claus Vögele, Professor für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie an der Universität Luxemburg, was richtige Ernährung in Wirklichkeit bedeutet und warum die moralische Bewertung von Ernährung nicht neu ist.

Herr Vögele, was ist richtige Ernährung?

Richtig bedeutet sicherlich zunächst einmal „ausgewogen“ im ernährungsphysiologischen Sinne – also eine vollwertige Ernährung, die bedarfsgerecht und gesundheitsfördernd sein sollte. Auf Nährstoffebene bedeutet dies eine ausreichende Zufuhr von Flüssigkeit und eine dem Bedarf entsprechende Energiezufuhr, wobei die energieliefernden Nährstoffe in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Eine vollwertige Ernährung liefert außerdem Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe in ausreichender Menge. Regeln, Beispiele und praktische Tipps für eine vollwertige Ernährung findet man beispielsweise auf der Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Ernährung .

Welche Folgen hat falsche Ernährung?

Wichtig ist eine solche vollwertige Ernährung, weil sie vielen ernährungsbedingten oder mit falscher Ernährung in Zusammenhang gebrachten Erkrankungen vorbeugt. Dazu gehören fast alle chronisch-körperlichen Erkrankungen, die in der Bevölkerung häufig sind, also beispielsweise Herz-Kreislauferkrankungen, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, bestimmte Formen von Gelenkerkrankungen und Übergewicht. Was, wie viel und wann gegessen wird, hat jedoch nicht nur Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit, sondern kann auch das psychische Wohlbefinden beeinflussen. Dies ist besonders deutlich bei Essstörungen wie Magersucht, Bulimie oder der so genannten Binge-Eating-Störung, bei der es zu periodischen Heißhungeranfällen mit Verlust der bewussten Kontrolle über das Essverhalten kommt. Die richtige Ernährung hat also vielfache Wirkungen auf die körperliche und seelische Gesundheit.

Woher kommt die Zunahme an Essstörungen in unserer Gesellschaft?

Die relative Zunahme der psychischen Erkrankungen, die mit gestörtem Essverhalten in Verbindung gebracht werden, geht vermutlich mit dem größer werdenden Druck, einem uniformen Schlankheitsideal zu gehorchen, einher. Immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft sind übergewichtig, das Schlankheitsideal wird immer dünner. Diese gegensätzliche Entwicklung ist nur scheinbar ein Widerspruch. Tatsächlich bekommt das immer unerreichbarer werdende Schlankheitsideal eine besondere Wertigkeit, während Diäten um schlanker zu werden, oft genau das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung erzielen (d.h. eine noch größere Gewichtszunahme nach Beendigung der Diät). Diäten dieser Art sind ein nachgewiesener Risikofaktor für gestörtes Essverhalten, das sich in einigen Fällen zu einer Essstörung entwickelt. Etwas mehr Gelassenheit bei der Selbstbeurteilung der eigenen Attraktivität wäre also sicherlich gesundheitsförderlich.

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Warum ist Ernährung heute zu einer moralischen Frage geworden?

Was, wie viel und wann wir essen, wird auch von kulturellen Einflüssen mitbestimmt, also beispielsweise moralischen oder religiösen Verhaltensregeln. Dies ist kein neues Phänomen, sondern ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheitsgeschichte. Ein paralleler Verhaltensbereich betrifft die Sexualität. Für beide Verhaltensbereiche, Essen und Sexualität, gibt es biologische Grundlagen, die jedoch weitgehend kulturell überformt und über diese kulturellen Normen gesellschaftlich reguliert werden.

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Ist eine spezielle Ernährungsweise auch ein Ausdruck von Individualität?

Ganz sicher. Gute Ernährung sollte eigentlich immer an den individuellen Bedürfnissen ausgerichtet sein, die sich im Laufe des Lebens im Übrigen auch ständig ändern. Trotzdem ist Ernährung aus kulturellen Gründen auch sozial reguliert, was sich auch darin zeigt, dass das gemeinsame Essen in den meisten Kulturen von großer Bedeutung ist, die über die Nahrungsaufnahme hinausgeht.

Warum fühlen sich viele der jeweils anderen Ernährungsweise überlegen? Fleischesser den Veganern und umgekehrt oder Frutarier den Veganern?

Wie ja bereits dargestellt, unterliegt das Essverhalten kulturellen Normen, die aufgrund ihres normativen Charakters ausschließlich und allgemeingültig sind. Wenn beispielsweise die Norm „man soll keine tierischen Produkte essen“ heißt, dann trifft diese Verhaltensregel prinzipiell auf alle zu; Menschen, die diese Regel verletzen, werden als nicht zur selben Gruppe gehörend oder amoralisch betrachtet. Essensnormen definieren also auch die soziale Gruppenzugehörigkeit, und diese schafft soziale Identität, besonders auch durch die Abgrenzung von anderen Gruppen.

Wird sich diese Entwicklung in Zukunft noch verschlimmern, sodass Freunde, die sich unterschiedlich ernähren, vielleicht nicht mehr zusammen essen können?

Das hoffe ich nicht. Gemeinsames Essen ist prinzipiell mit Angehörigen verschiedenster Esskulturen möglich, wie dies ja auch in unserer durch viele Kulturen geprägten Gesellschaft täglich der Fall ist. Es ist eher eine Frage, ob sich die Freundschaft nur durch die gemeinsamen Essensregeln definiert, oder ob es übergreifende – das heißt über das Essen hinausgehende – Prinzipien und Gemeinsamkeiten gibt, die das Fundament für diese Beziehung darstellen.


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