Kugel, Zylinder, Würfel Was ist gutes und schlechtes Spielzeug für Kinder?


Osnabrück. Je weniger Kinder es gibt, desto aggressiver werden Produkte für Kinder von der Wirtschaft angepriesen. Mit Erfolg: Spielzeug wird in diesem Jahr wohl das am meisten gekaufte Geschenk für Weihnachten. Aber was macht gutes Spielzeug aus? Und warum spielen Kinder überhaupt?

Kugel, Zylinder, Würfel: Mehr Dinge brauchen Kinder nicht zum Spielen. Dieser Ansicht war jedenfalls Friedrich Fröbel. Der Pädagoge lebte von 1782 bis 1852 und erfand nicht nur den „Kindergarten“, sondern erkannte im 19. Jahrhundert als einer der ersten die Bedeutung der frühen Kindheit für das weitere Leben eines Menschen. Seine drei sogenannten „Fröbelgaben“ gelten immer noch als beispielhaft – besonders als Mittel gegen die Spielzeugflut in übervollen Kinderzimmern.

Die Spielwarenindustrie würde Fröbels Idee jedoch niemals zustimmen: Die Ausgaben für Spielzeug sind pro Kind in Deutschland seit 2008 um 30 Prozent auf inzwischen 269 Euro im Jahr gestiegen. Das macht Spielzeug zu einem enormen Wirtschaftsfaktor und Kinder zu einer umworbenen Konsumentengruppe mit vielen Wünschen – vom Lego-Bausatz bis zur Modepuppe. Zu Weihnachten droht dann oftmals der Geschenke-Gau unter dem Baum.

Gespielt wird immer

Gespielt wurde wohl schon seit Anbeginn der Menschheit. Dafür sprechen Beigaben, die in Kindergräbern der Steinzeit gefunden wurden: Lärminstrumente wie Rasseln und Klappern. Und spielen tut der Mensch von Anbeginn seines Lebens an: „Kinder spielen im Grunde genommen von der Geburt an, zunächst einmal mit ihrem eigenen Körper“, erklärt die Osnabrücker Erziehungswissenschaftlerin Renate Zimmer im Gespräch mit unserer Redaktion. Zimmer ist Vorsitzende des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) an der Universität Osnabrück.

„Von eigentlichen Spielen kann man aber wohl erst dann sprechen, wenn sich das Kind mit etwa fünf bis sechs Monaten aktiv mit den Dingen, die es in seiner Umwelt entdeckt, auseinandersetzt“, sagt sie weiter. Wichtig wird dann, dass das Spielzeug einen Effekt hervorruft und die Kinder merken, sie können selbst etwas bewirken. Der Ball ist hierfür ein Paradebeispiel, so Zimmer: „Ich stoße den Ball an, er rollt weiter, er stoppt nicht und ich habe das Gefühl, ich habe den Ball ins Rollen gebracht, aber ich kann ihn auch anhalten.“ All das erzeugt im Kind ein Erfolgserlebnis, das es wiederholen will.

Warum Kinder so gerne zerstören

So erklärt es sich auch, warum kleine Kinder immer wieder gerade aufgebaute Türme umschmeißen und Dinge vom Tisch werfen. Auch wenn das ständige Aufheben manche Eltern in den Wahnsinn treibt: Kinder wollen wissen, wie sie selbst etwas bewirken. Und sie wollen nach ihren eigenen Regeln spielen, allen gut gemeinten Ratschlägen der Eltern zum Trotz: „Für ein Kind ist es ganz wichtig, dass der Erwachsene wertschätzt, was es an Ideen hat und nicht immer sagt ,Ach, du könntest es doch mal so machen und probiere das mal so‘.“ (Weiterlesen: Was schenkt man einem Anderthalbjärigen, der alles hat? Die Vater-Muter-Kind-Kolumne.)

Die Faszination, die Alltagsgegenstände wie Kartons auf Kinder haben, erklärt Zimmer folgendermaßen: „Sie sind interessant, weil ihr Spielwert von den Kindern selbst entdeckt wird; so wie beim Karton, der als Tunnel, als Haus oder als Versteck dient.“ Doch brauchen Kinder dann überhaupt Spielzeug? „Ja und nein, sie machen ja aus jedem Gebrauchsgegenstand ein Spielzeug. Andererseits können Spielzeuge wie Autos, Puppen, Kuscheltiere ihre Spielfähigkeit auch anregen und ihre Ideen und ihre Kreativität erweitern“, findet Zimmer.

Ein Inbegriff für schlechtes Spielzeug sind für Zimmer „Diese piependen und scheppernden und blinkenden Sachen, die man aufzieht. Sie tun etwas, ohne dass ich selbst etwas tun muss.“ Ebenfalls abraten würde sie von sogenanntem Lernspielzeug: „Jedes Spielzeug ist Lernspielzeug. Jedes. Nur: Wenn das schon draufsteht und damit geworben wird, dann ist es meist kein Spielzeug mehr.“

Gegen die Spielzeugflut

Doch was tun, wenn das Kind sich etwas unbedingt wünscht – und die Eltern damit gar nicht einverstanden sind? „Wenn die Wünsche so groß sind, würde ich immer Mittelwege gehen und die Nutzungsdauer dieser Dinge dosieren.“ Zudem sollten Eltern ihre Kinder nicht unterschätzen: „Beispielsweise braucht man bei Barbies für alles ein besonderes Equipment – und diesen Trick der Industrie bemerken Kinder auch.“

Wenn das Kinderzimmer vor Spielzeug überquillt, sollten Eltern ruhig eingreifen, findet Zimmer, und mit dem Kind vereinbaren, dass ein Teil der Sachen „Urlaub“ macht. „Wenn man sie nach einem halben Jahr wieder rausholt, kriegen sie plötzlich eine ganz neue Bedeutung.“


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