terre des hommes fordert für Flüchtlingskinder „vollen Zugang zum Gesundheitssystem“ „Kindeswohl muss Vorrang haben“

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Ein Korb voll mit Plüschtieren lässt diese Flüchtlingskinder im Dresdner Zoo für einen Augenblick ihren Kummer über den Verlust der Heimat vergessen. Foto:dpaEin Korb voll mit Plüschtieren lässt diese Flüchtlingskinder im Dresdner Zoo für einen Augenblick ihren Kummer über den Verlust der Heimat vergessen. Foto:dpa

Osnabrück. Die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland dürfte im kommenden Jahr weiter ansteigen. Und jeder dritte Flüchtling ist ein Jugendlicher oder ein Kind. Viele sind gesundheitlich und psychisch angeschlagen. Doch sie haben nur ein eingeschränktes Recht auf medizinische Versorgung. terre-des-hommes-Vorstand Albert Recknagel fordert, diesen Kindern – unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus – den vollen Zugang zum Gesundheitssystem zu ermöglichen. Er kritisiert, dass die asyl- und ausländerrechtlichen Bestimmungen – auch für Kinder – in Deutschland überwiegend ordnungspolitisch ausgerichtet seien und mit den Prinzipien der UN-Kinderrechtskonvention nicht im Einklang stünden.

Vor allem die Zahl der Flüchtlinge aus Konfliktgebieten wie zum Beispiel in Syrien und im Irak steigt drastisch. Wenn diese Kinder in Deutschland ankommen, ist ihnen vorher oft Schreckliches widerfahren, und sie sind häufig schwer traumatisiert. Wird diesem Umstand bei uns ausreichend Rechnung getragen?

Leider nein. Wenn Kinder hier ankommen, ist es wichtig, dass sie möglichst bald zur Ruhe kommen können und in ihr neues Leben finden. Leider dauern Asylverfahren sehr lange, manchmal Jahre. Im Moment haben 65000 Mädchen und Jungen keinen sicheren Aufenthaltsstatus, weitere 40000 Minderjährige befinden sich im Asylverfahren, und 25000 Kinder sind lediglich geduldet. Darunter sind auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die völlig auf sich allein gestellt sind. Wenn sie mit Familien kommen, müssen sie in manchen Bundesländern oft wochen- und monatelang in Sammelunterkünften leben – zusätzlicher Stress, denn die Unterkünfte sind oft überfüllt, und es fehlt an Spielmöglichkeiten oder Hilfen bei der Eingliederung in die Schule.

Woran fehlt es noch?

Besonders problematisch ist es, dass diese Kinder nur ein eingeschränktes Recht auf medizinische Versorgung haben, nämlich nur bei akuten Erkrankungen und Notfällen. Das heißt, Flüchtlingskinder bekommen zum Beispiel beim Zahnarzt Schmerzmittel – sie bekommen aber keine Vorsorge oder zahnerhaltende Behandlungen. Traumatisierte Kinder können psychologische Hilfe bekommen, allerdings ist das aus unserer Erfahrung in jedem Einzelfall ein monatelanger, zäher Kampf bis zur Genehmigung. Das Problem fängt bereits vorher an: Wir kennen viele Kinder, die schwer traumatisiert hier ankamen, es hat aber weder im Asylverfahren noch in Unterkünften jemand bemerkt. Wir brauchen dringend größere Aufmerksamkeit für die Belange und die Rechte von Kindern!

Und wie steht es um die Bildungschancen dieser Kinder?

Auch der Zugang zu Bildung ist für Flüchtlingskinder sehr schwierig: Zwar gilt die Schulpflicht inzwischen auch für Flüchtlingskinder. Aber es fehlen in ganz Deutschland weiterhin Unterstützungsangebote, damit diese Kinder überhaupt im Schulsystem zurechtkommen, die fremde Sprache lernen. Dadurch wird Kindern und ihren Familien Integration sehr schwer gemacht.

Häufig leben diese traumatisierten Kinder mit ihren Familien jahrelang in Gemeinschaftsunterkünften ohne Privatsphäre, in denen nicht selten eine aggressive, wenn nicht sogar gewalttätige Stimmung herrscht. Auch außerhalb stoßen sie möglicherweise auf Ablehnung. Welche Auswirkungen könnte das auf die ohnehin schon traumatisierten Kinder haben?

Fatale Auswirkungen: Traumata verfestigen sich, der seelische und körperliche Zustand der Kinder verschlechtert sich. Kinder ziehen sich völlig in sich selbst zurück oder verhalten sich aggressiv. Ein Teufelskreis setzt ein: Die Kinder können selbst nicht ausdrücken, was mit ihnen los ist. Sie sind voller Angst und können sich zum Beispiel überhaupt nicht auf neue Freundschaften mit anderen Kindern oder Spielangebote einlassen. Andere Kinder, Betreuer, Lehrerinnen und Eltern sind ratlos, schimpfen, distanzieren sich und grenzen die Kinder damit unabsichtlich weiter aus.

Welche Folgen kann es langfristig für diese Kinder haben, wenn sie nicht qualifiziert betreut und behandelt werden?

Kinder mit einem klinischen Trauma sind aufgrund ihrer seelischen Verfassung nicht in der Lage, sich auf die für sie völlig fremde und neue Lebenswelt einzulassen. Sie haben keine Chance, in Kindergarten oder Schule mitzumachen und aufgenommen zu sein, Beziehungen und neue Freundschaften einzugehen. Ihre weitere Entwicklung ist schwerwiegend beeinträchtigt.

Sie haben sehr viele Erfahrung mit der Betreuung traumatisierter Kinder. Welche Bedingungen sind aus Ihrer Sicht unerlässlich für ihre Genesung?

Die psychischen Probleme der Kinder müssen frühzeitig erkannt werden. Kinder mit einem klinischen Trauma brauchen dringend qualifizierte psychologische Betreuung – damit es nicht zur Verfestigung von Traumata kommt. Diese Kinder brauchen, was alle Kinder brauchen: Sicherheit, zuverlässige Bezugspersonen, liebevolle Zuwendung, kindgerechte Spiel- und Lernangebote.

Sie haben im ostasiatischen Raum nach dem Tsunami 2004 eine Art mobile Eingreiftruppe für die Traumahilfe etwa nach Naturkatastrophen aufgebaut. Wäre so etwas auch in Deutschland wünschenswert?

terre des hommes hat ein Netzwerk von Traumahelfern aufgebaut um bei Katastrophen und in Kriegsgebieten schnell und qualifiziert Hilfe leisten zu können. In Deutschland gibt es ein Gesundheitssystem. Hier geht es darum, dass Kinder – unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus – den vollen Zugang zum Gesundheitssystem bekommen.

Was tut terres des hommes bereits auf diesem Gebiet? Gibt es weitere Pläne?

Wir fordern gemeinsam mit anderen Hilfswerken in der National Coalition für die Umsetzung der Kinderrechte in Deutschland die Bundesregierung auf, sicherzustellen, dass Flüchtlingskinder in den Genuss ihrer Rechte kommen.terre des hommes unterstützt konkrete Hilfsprojekte für Flüchtlingskinder: Von Bayern über Thüringen bis Osnabrück und Hamburg sorgen unsere Projektpartner dafür, dass Flüchtlingskinder – darunter viele Kinder, die allein geflohen sind – sich willkommen fühlen, spielen und lernen können, in der Schule zurechtkommen. Wir sorgen auch dafür, dass Traumatisierungen erkannt und die Kinder therapeutisch unterstützt werden.

Welche Forderungen haben Sie an die hiesigen Verantwortlichen?

Wir setzen uns dafür ein, dass das Kindeswohl Vorrang hat vor allen anderen Gesichtspunkten. So legt es die Kinderrechtskonvention der UN fest. Die asyl- und ausländerrechtlichen Bestimmungen – auch für Kinder – sind in Deutschland überwiegend ordnungspolitisch ausgerichtet und stehen mit den Prinzipien der Kinderrechtskonvention nicht im Einklang. Der Koalitionsvertrag sieht einige Schritte in die richtige Richtung vor – noch aber ist längst nicht alles umgesetzt. Gefragt sind auch Länder und Gemeinden und sicher auch jeder einzelne Bürger: Denn wir alle können etwas dafür tun, dass Kinder sich willkommen fühlen und eine neue Lebensperspektive finden können.

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Kinder und Jugendliche haben Rechte. Das Recht auf Überleben, auf Bildung, auf Beteiligung an wichtigen

Entscheidungen, auf Schutz vor Missbrauch und Gewalt. Weltweit festgeschrieben sind diese Rechte in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, genannt auch UN-Kinderrechtskonvention. Die Konvention gilt für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre.

Die Konvention ist am 20. November 1989 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet und bis heute von den meisten Staaten der Erde (bis auf die USA und Somalia) ratifiziert worden.

Als einer der ersten Staaten der Welt hat die Bundesrepublik Deutschland am 26. Januar 1990 die Konvention unterzeichnet. Sie ist dann in Übereinkunft mit dem Deutschen Bundestag ratifiziert worden und am 5. April 1992 in Kraft getreten.

Die UN-Kinderrechtskonvention definiert Grundrechte, die völkerrechtlich verbindlich sind. Die Staaten, die das Dokument unterzeichnet und ratifiziert haben, stehen in der Pflicht, diese Rechte in ihren nationalen Gesetzen umzusetzen und zu verwirklichen.

Die Konvention bildet ein Wandel in der Wahrnehmung der Kinder ab. Sie geht davon aus, das Kinder nicht einfach als unmündige, unfertige Wesen sind, sondern Teilhabende unserer Gesellschaft und Gestalter unserer Zukunft. Wie jedem Menschen, so sind auch jedem Kind auf dieser Welt individuelle Rechte eigen. Erziehungsberechtigte und staatliche Stellen haben somit ihre Interessen stellvertretend zu wahren und zu schützen.

Einziges Druckmittel der UN-Kinderrechtskonvention auf die Unterzeichner ist die Bestimmung des Artikels 44: Darin haben sich die Unterzeichnerstaaten verpflichtet, dem Komitee für die Rechte des Kindes bei den Vereinten Nationen in Genf zwei Jahre nach Inkrafttreten der Konvention erstmals und danach alle fünf Jahre einen Rechenschaftsbericht abzuliefern. Sie müssen darlegen, inwieweit die Kinderrechte bei ihnen garantiert sind, und welche Fortschritte seit dem jeweils vorhergehenden Bericht erreicht wurden.

Eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung der Menschen- und Kinderrechte spielen die regierungsunabhängigen Kinder- und Jugendorganisationen (NGOs).

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