Stiftungsgründung vor 50 Jahren Meist gute Noten für Warentester

Die erste Ausgabe der Zeitschrift „Der Test“ vom April 1966. Foto: dpaDie erste Ausgabe der Zeitschrift „Der Test“ vom April 1966. Foto: dpa

epd Berlin. Ihre Mitarbeiter gehen undercover einkaufen und rutschen schon mal mit aufblasbaren Schlitten Schneehänge hinunter. Sie prüfen Kameras, Staubsauger, Handys, Zahnbürsten, Waschmaschinen, Schokolade. Der Stiftung Warentest wird nachgesagt, jedes Haar in der Suppe zu finden, manchmal ist es auch Zimtrinde im Erdbeerjoghurt. Ihr Urteil ist bei Herstellern gefürchtet und bei deutschen Verbrauchern gefragt. Heute feiert sie den 50. Jahrestag ihrer Stiftungsgründung.

Am 16. September 1964 gab das Bundeskabinett den Startschuss für die Einrichtung eines Warentestinstituts. Das erste „Test“-Heft erschien 1966. Darin ging es um Nähmaschinen und Stabmixer. Die Bewertungen – angefangen bei „sehr gut“ – gibt es seit 1968. Damals endete die Skala bei „nicht zufriedenstellend“. Heute heißt es „mangelhaft“.

Im Jahr 1964 – knapp 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg – boomte die deutsche Wirtschaft. Immer mehr und immer neue Produkte füllten die Regale der Läden. Es entstand ein schwer durchschaubarer Dschungel für den Verbraucher, der in den Augen der Politik die Stiftung Warentest nötig machte. Schon damals stieß sie auf den Argwohn der Wirtschaft. „In der Bundestagsanhörung zu dem Thema sagte der Vertreter des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, man brauche keine Stiftung, weil die Information über Werbung genüge“, erzählt der heutige Stiftungsvorstand Hubertus Primus. Auch beim Verbraucher sei das Bewusstsein noch nicht vorhanden gewesen, „das nicht alles, was bunt und schön ist, auch gut ist“, sagt Primus.

In monatlichen Heften deckte die Stiftung dann auf, was die Werbung verschwieg. Getestet werden seit jeher Alltagsgegenstände, bei denen der Käufer im Handel vor der Entscheidung zwischen zig Marken steht. In 50 Jahren gab es nach Angaben der Stiftung insgesamt mehr als 5400 Tests. Über 92000 Produkte wurden geprüft, dazu kamen Tests zu Dienstleistungen und Finanzprodukten. Das Testszenario überlegt sich jeweils die Stiftung. Die Tests selbst überlässt sie unabhängigen Instituten. Mit 130 Einrichtungen arbeitet die Stiftung auf diese Weise zusammen. Im Laufe der Jahre hat die Stiftung Warentest auch eine Sammlung kurioser Tests angesammelt: Pop-Konzerte, Aufklärungsbücher, Drogenberatungen, Sexualtonika und FKK-Urlaube wurden getestet oder als Warenkunde analysiert. 1987 schickte die Stiftung Prüfer zu Astrologen. Manche Produkte wie der aufblasbare Schlitten oder ein Föhn mit Bügelaufsatz für knitterfreie Kleidung auf Reisen setzten sich nicht durch, obwohl die Stiftung Innovation und Qualität bescheinigte.

Um Unabhängigkeit zu wahren, gehen die Mitarbeiter der Stiftung grundsätzlich anonym einkaufen. Produkte von den Herstellern selbst werden nicht angenommen. Das kostet: Nach Angaben von Stiftungssprecherin Heike van Laak war der teuerste Test in der Geschichte die Überprüfung von E-Bikes im vergangenen Jahr. Er schlug mit 600000 Euro zu Buche.

Über eigenes Kapital in Höhe von 72 Millionen Euro verfügt die Stiftung Warentest erst seit einigen Jahren. Der Jahresetat liegt nach Angaben von Stiftungschef Primus aktuell bei rund 50 Millionen Euro. Die Stiftung lebt vor allem vom Verkauf ihrer Hefte „Test“ und dem 1991 dazugekommenen „Finanz-Test“ sowie Einnahmen aus kostenpflichtigen Internetangeboten. Rund zehn Prozent des Etats steuert jährlich der Bund bei.

Die Urteile ihrer strengen Tests zieht für die Stiftung regelmäßig auch Gerichtsstreitigkeiten nach sich. Vier bis fünf Verfahren seien es derzeit jährlich, sagt Sprecherin Laak. In der 80er und 90er Jahren habe die Zahl zwischen 10 und 15 gelegen. Prominentester Fall aus der jüngsten Vergangenheit ist der Streit um ein Aroma in der Vollnuss-Schokolade von „Ritter Sport“. Die Stiftung bewertete die Sorte als „mangelhaft“. „Ritter Sport“ klagte erfolgreich gegen das Urteil. Die Stiftung ging in Berufung, allerdings erfolglos. Das Schokoladenurteil führte zu verstärkter Kritik an der Stiftung. Nicht nur Hersteller, auch manche Schadstoffexperten warfen ihr vor, zu strenge Grenzwerte für die Tests anzulegen – sie seien manchmal deutlich schärfer als die gesetzlichen.

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Stiftungsvorstand Primus weist dies zurück: „Wir legen Grenzwerte nicht willkürlich fest, sondern orientieren uns an bestehenden Werten aus anderen Bereichen, die wir im Sinne des Verbrauchers für sinnvoll halten.“ Bei Spielzeug beispielsweise würden „besonders lasche“ gesetzliche Grenzwerte gelten. Auf der anderen Seite gebe es immer auch Produkte, die ohne Schwermetalle oder Gifte auskämen. „Dann müssen wir doch den Finger in die Wunde legen und sagen dürfen: Ohne Schadstoffe ist auf jeden Fall besser.“


Nicht nur die Auseinandersetzung mit „Ritter Sport“, sondern auch andere Resultate der Warentester sorgten für Schlagzeilen oder beschäftigten Gerichte. Hier ein Überblick:

1975: Zum ersten Mal befasst sich der Bundesgerichtshof mit der Arbeit der Stiftung und entscheidet in einem Grundsatzurteil den von einem Skibindungshersteller angestrengten Rechtsstreit zugunsten der Stiftung.

1987: In einem Rechtsstreit, den ein Hersteller von Komposthäckslern angestrengt hatte, ging es um die Frage, ob Sicherheitsprüfungen der Stiftung höhere Anforderungen enthalten dürfen als entsprechende DIN-Regelungen. Der BGH bejahte diese Frage das und stellte fest, dass es auch zu den Aufgaben der Stiftung gehöre, öffentlich auf Mängel von DIN-Normen hinzuweisen und deren Beseitigung zu verlangen.

2002: Erstmals wird eine Ausgabe des „Finanz-Test“ aus dem Handel zurückgerufen. Der Grund: Fehler bei der Bewertung von Riester-Rentenversicherungen.

2005: Bei einem Test von Olivenölen der höchsten Güteklasse werden von 26 Ölen gleich neun mit „Mangelhaft“ bewertet. Einige Öle waren mit gesundheitsgefährdenden Weichmachern belastet.

2006: Beim Test der baulichen Sicherheit in den Fußball-WM-Stadien stellt die Stiftung Warentest bei vier Stadien „erhebliche Mängel“ fest, bei weiteren vier Spielorten „deutliche Mängel“ und „geringe Mängel“. lediglich bei den restlichen vier Stadien fest. Die Untersuchung stößt auf ein außergewöhnlich hohes Medieninteresse.Im gleichen Jahr sorgt erneut ein Rechtsstreit für Medienrummel, der am Ende aber zugunsten der Stiftung entschieden wird: In dem Prozess ging es um die Note „Mangelhaft“ für die „Uschi Glas Hautnah Face Cream“, die wegen ihrer schlechten Hautverträglichkeit im Test schlecht abgeschnitten hatte. (wam)

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