Spahn warnt vor Missbrauch Rezeptfreie „Pille danach“: Gröhes umstrittener Kurswechsel

Von dpa

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Darum geht es: In Deutschland können Frauen können bald die „Pille danach“ erhalten, ohne vorher einen Arzt aufgesucht zu haben. Foto: dpaDarum geht es: In Deutschland können Frauen können bald die „Pille danach“ erhalten, ohne vorher einen Arzt aufgesucht zu haben. Foto: dpa

Berlin. Nach dem Kurswechsel von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) bei der rezeptfreien „Pille danach“ hat der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn vor Missbrauch durch Minderjährige gewarnt.

„Die Pille danach ist ein Arzneimittel mit teilweise gravierenden Nebenwirkungen. Dass wir Minderjährige vor Missbrauch schützen, halte ich für legitim“, erklärte Spahn am Mittwoch in Berlin. „Bei Alkohol machen wir das doch auch.“ Eine Beratung durch den Apotheker helfe allen, um richtig mit der Pille danach umzugehen. „Es ist wichtig, sich der Risiken bewusst zu sein.“

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hatte nach einer Empfehlung des EU-Arzneimittelausschusses einen Kurswechsel vollzogen. Zuvor hatte auch er drauf bestanden, dass Frauen die Pille nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr nur auf Rezept und nach einer Beratung durch einen Arzt erhalten sollten.

Spahn hatte bereits am Vortag erklärt: „Wir wollen in jedem Fall ein hohes Niveau der Beratung bei der Pille danach sicherstellen. Daher könnte es in der Apotheke eine strukturierte Beratung mit Beratungsbogen wie in der Schweiz als Verpflichtung geben. „Zudem kann ich mir eine Erstattung der Kosten für Minderjährige weiterhin nur vorstellen, wenn es ein ärztliches Rezept gibt.“

SPD-Frauen begrüßen Kurswechsel

Die Frauen in der SPD-Fraktion haben dagegen den Kurswechsel von Gröhe begrüßt. Ein rezeptfreier Verkauf des Medikaments sei überfällig „und ein wichtiger Teil des Selbstbestimmungsrechts moderner Frauen“, hatte die SPD-Gesundheitspolitikerin Martina Stamm-Fibich am Dienstag erklärt. Allerdings forderte sie Gröhe auf, nicht nur Pillen mit dem Wirkstoff Ulipristal freizugeben, sondern auch die mit dem Wirkstoff Levonorgestrel, die preiswerter und viel besser erforscht seien.

Gröhe hatte bisher darauf bestanden, dass Frauen die Pille nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr nur auf Rezept und nach einer Beratung durch einen Arzt erhalten sollten. Nach einer Empfehlung des EU-Arzneimittelausschusses erklärte Gröhe am vergangenen Freitag: „Unser Ziel ist es, auch weiterhin eine gute Beratung (...) aus einer Hand sicherzustellen.“ Wenn diese „zukünftig nicht mehr zwingend durch einen Arzt vorgenommen werden muss, ist eine intensive Beratung auch in Apotheken der richtige Weg.“ Er wolle dann Frauenärzte, Apotheken und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte einladen, gemeinsam Kriterien für eine gute Beratung zu entwickeln, erklärte Gröhe weiter.

Hohe Hürden

In Deutschland sind die Hürden, um an die „Pille danach“ zu kommen, noch relativ hoch. Frauen bekommen sie nur auf Rezept – unter 20-Jährige kostenlos, ältere bezahlen den vollen Preis, wie bei der Pille. Ein Arzt muss sie also – am besten nach einem Beratungsgespräch – verschreiben. Das kann sich durchaus etwas schwierig gestalten. Am Wochenende oder in der Nacht könnten Frauen nur ärztliche Notdienste oder Notfallambulanzen anlaufen, wenn sie befürchten, dass sie ungewollt schwanger werden könnten.

Nach Erfahrungen des Beratungsverbundes Pro Familia kann es nun durchaus vorkommen, dass diese Frauen beim ärztlichen Notdienst oder auch im Krankenhaus weitergeschickt werden, weil niemand da ist, der sich zuständig fühlt. Viele Frauen bekämen in solchen Fällen oft auch nur das Rezept in die Hand gedrückt, ohne großartig beraten worden zu sein.

Eile wichtig

Eile tut in dieser Situation durchaus Not. Auch wenn Notfallverhütungsmittel mit dem Wirkstoff Ulipristal bis zu 120 Stunden nach ungeschütztem Sex oder Versagen anderer Verhütungsmittel möglich sind. „Die Wirkung der „Pille danach“ ist umso sicherer, je früher sie im Notfall eingenommen wird“, erläutert die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). „Ohne Rezeptpflicht könnten wir unseren Patientinnen noch schneller weiterhelfen.“ Apotheken sind am Wochenende oder in der Nacht im Zweifel leichter und schneller zu erreichen als Krankenhäuser oder Notfallambulanzen.

In 28 europäischen Ländern gibt es bereits die „Pille danach“ ohne Rezept, betont Pro Familia. Doch auch wenn der Druck vonseiten des Koalitionspartners SPD zunahm, die Union und ihr Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) wollten sich zunächst nicht bewegen. Erst als aus Brüssel ein deutlicher Wink kam, schwenkte Gröhe ein. Der EU-Arzneimittelausschuss erklärte, das Präparat mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat (ellaOne) könne ohne Rezept in ganz Europa eingesetzt werden.

Beratung der richtige Weg

Gröhe argumentiert nun, dass „eine intensive Beratung auch in Apotheken der richtige Weg“ sei. Er wolle Frauenärzte, Apotheken und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte einladen, gemeinsam Kriterien für eine gute Beratung zu entwickeln.

Die ABDA reagierte auf Gröhes Kurswechsel: „Selbstverständlich beraten wir die Patientinnen auch bei rezeptfreien Notfallverhütungsmitteln so, dass eine größtmögliche Arzneimittelsicherheit gewährleistet ist. Die Apotheker übernehmen Verantwortung dafür, dass Medikamente nicht missbräuchlich angewendet werden.“


Die „Pille danach“ wird auch als Notfallverhütung nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr bezeichnet. Sie kann bei rascher Einnahme eine Schwangerschaft zu einem hohen Prozentsatz verhindern. Demnach verschiebt oder verhindert sie den Eisprung so, dass keine Befruchtung stattfinden kann. Sollte die Eizelle sich bereits im Eileiter oder in der Gebärmutter befinden, verhindert sie weder deren Befruchtung noch das Einnisten in die Gebärmutter.

Nach Einnisten der befruchteten Eizelle ist sie nicht mehr wirksam. Das gilt für die in Deutschland zugelassen Mittel Levonorgestrel (LNG) und Ulipristalacetat (UPA). Sie sind laut Medizinern als Verhütungsmittel einzustufen und nicht als Mittel für einen Schwangerschaftsabbruch.

LNG-Präparate können in vielen Ländern Europas in der Apotheke gekauft werden. Sie sollen innerhalb von 72 Stunden, vorzugsweise aber 12 bis 24 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr genommen werden. Laut Berufsverband der Frauenärzte kann LNG innerhalb der ersten 24 Stunden aber nur etwa ein Drittel der Schwangerschaften verhindern.

Bei Einnahme von UPA können demnach zwei- bis dreimal mehr Schwangerschaften verhindert werden. Diese Pille ist zur Verhütung bis 120 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr zugelassen. UPA ist europaweit rezeptpflichtig, weil es Einfluss auf eine bestehende Schwangerschaft haben kann.

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