Digitaler Nachlass Was passiert mit den Daten von Verstorbenen?

Von Christian Lang

Auf den Tod des Angehörigen folgt häufig der nächste Schock: Der Verstorbene hinterlässt oftmals noch Verträge und Online-Konten. Foto: Colourbox.deAuf den Tod des Angehörigen folgt häufig der nächste Schock: Der Verstorbene hinterlässt oftmals noch Verträge und Online-Konten. Foto: Colourbox.de

Osnabrück. Der Tod einer nahestehenden Person ist für die Angehörigen ein einschneidendes Erlebnis. Häufig bleibt gar nicht genug Zeit zum Trauern – zu viele Sachen müssen in den Tagen und Wochen danach erledigt werden. Die Verstorbenen hinterlassen nicht mehr nur Möbel, Geld und Immobilien – auch den digitalen Nachlass müssen die Angehörigen regeln. Und sich dabei in einer mehr als unübersichtlichen Rechtslage zurechtfinden.

Viele Menschen gehen nicht mehr in der Stadt shoppen, sondern machen es von zu Hause aus. Um eine Rechnung zu bezahlen, müssen sie nicht vor die Haustür gehen – ein paar Klicks auf dem Rechner reichen schließlich aus. Sie schließen ihre Verträge über das Internet ab und kommunizieren mit ihren Freunden über Facebook. Vor wenigen Jahren hat sich die Frage noch nicht gestellt, und auch heute noch ist sie tabuisiert: Was passiert mit meinen Daten, wenn ich sterbe? Viele Verträge oder Benutzerkonten enden nicht mit dem Tod. Das ist eine Angelegenheit, um die sich die Angehörigen nach dem Todesfall kümmern müssen. Dass dies nicht so einfach ist, liegt an einer undurchsichtigen Rechtslage.

Problem wird größer

Die wenigsten Menschen informieren ihre Angehörigen darüber, welche Verträge sie abschließen oder auf welchen sozialen Netzwerken sie angemeldet sind. Nach dem Tod bedeutet es dann erhebliche Probleme für die Angehörigen, sich durch diesen Wust aus verschiedenen Online-Konten durchzuarbeiten. Dass das Problem immer größer wird, belegen die „nackten“ Zahlen: Drei Viertel der Deutschen sind im Internet aktiv, die Mehrzahl davon kauft auch online ein, etwa alle drei Minuten stirbt in Deutschland ein Facebook-Nutzer, ohne vorher festgelegt zu haben, was nach dem Tod mit seinen geposteten Inhalten passiert. Dadurch können Daten unwiderruflich verloren gehen – ein „zweiter“ Tod des Nutzers tritt ein. Deshalb ist es umso fataler, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit bisher eher stiefmütterlich behandelt wird. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hat die Kampagne #machtsgut ins Leben gerufen, um die Bevölkerung für das Problem zu sensibilisieren. „Viele Menschen denken bei Nachlass an Schmuck, Geld oder Immobilien. Im digitalen Zeitalter stellen sich aber neue Nachlassfragen. Es ist an der Zeit, den digitalen Nachlass aus seinem Nischendasein rauszuführen“, sagt Michaela Zinke, Referentin im Projekt Verbraucherrechte in der digitalen Welt. Auf der Homepage www.machts-gut.de gibt der vzbv zahlreiche praktische Tipps, wie man seinen eigenen Nachlass am besten regelt.

Rechtliche Unsicherheit

Stirbt eine Person, gehen deren laufende Verträge auf die Erben über. Diese müssen dann zum Beispiel für die Bestellung bei Ebay oder den online gebuchten Urlaub aufkommen. Zudem haben die Erben Zugriff auf den PC und die Speichermedien des Verstorbenen: Die dort gespeicherten Daten darf er legal lesen und entscheiden, was mit ihnen passieren soll. Die geldwerten Dinge des Verstorbenen (Verträge, eigene Homepages, Guthaben bei Online-Spielen) gehen auf den Erben über. Genauso wie die Festplatten oder andere Datenträger (USB-Sticks, CDs). Die Regelung gilt jedoch nur, solange der postmortale Persönlichkeitsschutz des Verstorbenen nicht betroffen ist. Der Erbe erbt außerdem die gekaufte Software sowie die eBooks und MP3s. Vieles davon ist jedoch an den Account des Nutzers bei einem bestimmten Portal gebunden. Eine Umschreibung des Kontos ist in der Regel nicht möglich. Da der digitale Nachlass ein neues Phänomen ist und bei Anwälten und Nachlassverwaltern bisher noch kaum eine Rolle spielt, gibt es keine allgemeine Rechtsprechung darüber.

Strenge Richtlinien

Bei immateriellen Gütern – also Daten, die nicht lokal, sondern im Web gespeichert sind – ist die Sache noch komplizierter. Davon sind unter anderem soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter betroffen. Bislang entscheidet noch jeder Betreiber einer Online-Plattform, ob die Daten preisgegeben werden. Beim Netzwerk Xing werden die Daten nicht an die Erben weitergegeben. Vor allem bei deutschen Anbietern gelten harte Datenschutzrichtlinien – wenn der Nutzer stirbt, ohne einen Erben testamentarisch die Erlaubnis zu erteilen, auf die Daten zuzugreifen, sind die Hinterbliebenen auf den guten Willen des jeweiligen Konzerns angewiesen. Immerhin hat der Mensch auch nach seinem Tod noch ein Recht auf Schutz seiner Persönlichkeit. Die Nutzerkonten bei sozialen Netzwerken laufen erst einmal weiter – der Erbe hat zu entscheiden, was erhalten bleiben und was gelöscht werden soll.

Gedenkstatus?

Manche Menschen wünschen sich, dass die Profilseiten des verstorbenen Angehörigen aus dem Netz verschwinden, andere wiederum möchten eine digitale Gedenkstätte als Ort des gemeinsamen Trauerns einrichten. Bei Facebook haben die Hinterbliebenen die Wahl: Löschen oder in einen Gedenkstatus versetzen. Um den Account des Toten zu löschen, müssen sie ein spezielles Formular ausfüllen und den Totenschein oder die Todesanzeige des Verstorbenen hochladen. Auch der Nachweis, dass man ein unmittelbarer Verwandter oder der Nachlassverwalter des Toten ist, muss eingereicht werden. Nach Auskunft von Facebook wird das Profil dann gelöscht.

Möchten die Angehörigen die digitalen Spuren des Toten dagegen bewahren, bietet das soziale Netzwerk die Möglichkeit an, das Profil in einen sogenannten „Gedenkzustand“ zu versetzen. Den können auch (Facebook)-Freunde des Toten beantragen – eine Todesanzeige reicht dafür aus. Kontaktinformationen und Status-Updates werden dann gelöscht, das Profil ist nur noch für bestätigte Freunde sichtbar. Diese können auf der Pinnwand weiterhin Beiträge verfassen und so gemeinsam trauern. Eine elegante Lösung bietet Google+ mit seinem Inaktivitätsmanager an. Der Nutzer kann festlegen, was mit seinen Daten geschieht – entweder werden sie gelöscht oder bis zu zehn Personen, die der Nutzer festlegt, erhalten Zugriff.

Für die Angehörigen ist es meist ein dringendes Bedürfnis, angemessen zu trauern – und das auch im Netz. In den vergangenen Jahren haben sich virtuelle Friedhöfe etabliert. Mit diesen Seiten können Familiengehörige und Freunde ihre Kondolenz bezeugen, indem sie beispielsweise virtuelle Kerzen anzünden.

Problem E-Mail-Konten

Juristisch umstritten ist der Umgang mit E-Mail-Konten. Das Telekommunikationsgeheimnis gilt nicht nur für den Verstorbenen, sondern auch für die Personen, mit denen er per Mail kommuniziert hat. Eine gesetzliche Regelung fehlt noch. Das Vorgehen im Todesfall variiert von Anbieter zu Anbieter. Die Mail-Provider können den Zugriff verweigern – so wie „Yahoo“. „Wenn uns ein offizieller Nachweis wie die Sterbeurkunde zugeht, löschen wir alle Daten“, so eine Sprecherin des E-Mail-Dienstes. Bei anderen Anbietern wie GMX und web.de müssen die Erben den Erbschein vorlegen und sich ausweisen, dann erhalten sie einmalig Zugriff auf das Mail-Konto.

Wie soll ich vorsorgen?

Auch wenn der eigene Tod für viele Menschen ein Thema ist, über das sie nicht nachdenken möchten, gilt: Um den Erben eine aufwendige Spurensuche zu ersparen, sollte man den digitalen Nachlass testamentarisch regeln. Die Zugangsdaten für die einzelnen Online-Konten kann die Person bei einem Notar hinterlegen. Per Testament lässt sich genau festlegen, wer Zugang zu den eigenen Daten haben soll. Der Verbraucherzentrale Bundesverband empfiehlt zudem, dass man bereits zu Lebzeiten Absprachen trifft. Man sollte idealerweise ein Verzeichnis seiner E-Mail-Accounts, Shopping-Konten oder Profile in sozialen Netzwerken und den zugehörigen Passwörtern anlegen.

Tipps für die Erben

Es gibt Unternehmen, die den Computer des Toten gegen eine Gebühr analysieren, die Daten aufspüren und gegebenenfalls Accounts löschen. Danach wird ein Gutachten für die Hinterbliebenen erstellt, um ihnen einen Überblick über die Daten zu verschaffen. Der vzbv warnt jedoch vor unseriösen Anbietern – generell werden bei einer solchen Methode zu viele persönliche Daten an Dritte weitergegeben, so die Verbraucherschützer. Empfohlen werden dagegen Unternehmen, die nur wenige Daten benötigen, um online auf Spurensuche zu gehen. Oftmals reichen bei solchen Diensten schon Name und Adresse des Verstorbenen aus, um herauszufinden, welche Online-Konten und Accounts bestehen.