Einfluss auf Gene des Menschen Genregulatorische Software der Milch entdeckt

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Bodo Melnik ist Hautarzt in Gütersloh und Lehrbeauftragter an der Uni Osnabrück.Foto: Hermann PentermannBodo Melnik ist Hautarzt in Gütersloh und Lehrbeauftragter an der Uni Osnabrück.Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Einer der schärfsten Kritiker des Milchkonsums ist Bodo Melnik. Der Lehrbeauftragte für Umweltmedizin an der Universität Osnabrück formulierte mit seiner Arbeitsgruppe vor einem Jahr die Hypothese, dass Milch ein aktives Signalsystem sei, das nachhaltig in die Hormonregulation und das Wachstum des Körpers eingreife.

Diese Auffassung sieht Melnik jetzt durch eine Studie der Universität Nebraska-Lincoln betätigt: „Die genregulatorische Software der Milch ist entdeckt“, betont er im Gespräch mit unserer Redaktion.

Ausgangspunkt für Melniks Überlegungen ist das sogenannte mTORC1-Signalsystem, das maßgeblich für Zellteilung und Zellwachstum verantwortlich sei. „Unsere Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes, Krebs und Alzheimer gehen, wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, mit einer dauerhaft überhöhten Aktivierung des mTORC1-Signalwegs einher“, erläutert der Experte. Weiterhin geht er davon aus, dass die in Milch massenhaft enthaltenen virusartigen Nanopartikel genregulatorische Mikro-Ribonukleinsäuren (Mikro-RNS) auf das Neugeborene und auch auf den erwachsenen Milchkonsumenten übertragen. Im Blut und im Gewebe angekommen, griffen sie dann derart in die Genregulation ein, dass über das mTORC1-Signalsystem Stoffwechsel und Zellwachstum beschleunigt würden.

Das amerikanische Forscherteam um Scott Baier an der Universität Nebraska-Lincoln hat nun jüngst in einem Experiment den Nachweis dafür erbracht, dass die Mikro-RNS kommerzieller Kuhmilch tatsächlich in der Blutbahn und in den Blutzellen gesunder Milchkonsumenten in dosisabhängiger Weise ankommt. „Damit ist eines der bedeutendsten Experimente der Ernährungswissenschaften gelungen“, meint Melnik, „der Nachweis, dass der Mensch durch das Mikro-RNS-System des Rindes manipuliert wird.“ Baier geht davon aus, das die 245 verschiedenen Mikro-RNS-Typen der Milch mehr als 11000 Gene des Menschen beeinflussen.

Melnik ist der Ansicht, dass es die primäre Aufgabe der Milch ist, Wachstum und Programmierung des Neugeborenen während der zeitlich begrenzten Stillzeit zu fördern. Während beim Säugling die Muttermilch aber höchst erwünscht sei, da sie von der Evolution spezifisch auf die Bedürfnisse und Signalstärke des heranwachsenden Menschen abgestimmt sei, werde der Milchkonsum in späteren Lebensphasen zum Problem. „Die Natur sieht den Wachstumsbeschleuniger Milch nur für einen begrenzten Zeitraum, die Stillphase nach der Geburt, vor und nicht für den Dauerbetrieb.“

Die Effekte der Milch und weiterverarbeiteter sowie fermentierter Milchprodukte, wie zum Beispiel Joghurt, Käse und Butter, müssten aber in jedem Fall gesondert und differenziert betrachtet werden, betont Melnik. Denn während das genetische Signalsystem der Kuhmilch die Pasteurisierung und die Lagerung der Frisch- und ESL-Milch im Kühlschrank überlebe, werde die biologische Aktivität der Mikro-RNS beim Kochen und Fermentieren der Milch und Milchprodukte zerstört beziehungsweise abgeschwächt.

Dieser Problematik hatten sich auch die Wissenschaftler im schwedischen Uppsala angenommen: Sie untersuchten, ob auch der Verzehr fermentierter Milchprodukte (Käse, Joghurt, Quark etc.) mit einem veränderten Risiko für Knochenbrüche oder einen frühzeitigen Tod verknüpft war. Hier zeigte sich: Bei den Frauen, die viele dieser Lebensmittel konsumierten, waren diese Risiken verringert. Bei den Männern war dies weder mit einem erhöhten noch mit einem geringeren Risiko verknüpft.

Melnik nennt die Ausschaltung der genregulatorischen Mikro-RNS in Milchprodukten eine der wichtigen technischen Herausforderung unserer Zeit. „Wenn dies gelingt, wäre das ein erheblicher Beitrag zur Prävention unserer Zivilisationskrankheiten“, betont der Experte. Er verweist darauf, dass die Zahl derartiger Erkrankungen mit Einführung der flächendeckenden Kühltechnologie seit den 1950er-Jahren und der damit verbundenen Konservierung der bioaktiven Mikro-RNS in die Höhe geschnellt sei. „Ab dem Zeitpunkt also, als die Kühltechnologie flächendeckend eingeführt wurde und Milchprodukte länger aufbewahrt werden konnten.“


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