Plötzlicher Kindstod Wenn das Atmen stoppt: Interview zum plötzlichen Kindstod

Von Corinna Berghahn


Osnabrück. Beim plötzlichen Kindstod verstirbt das Baby unbemerkt und unerwartet im Schlaf. Mediziner Volkmar Kunde spricht im Interview über Risikofaktoren, die Effektivität von Heimmonitoren und die richtige Reaktion von Eltern, die ihr Kind leblos im Bett finden.

Dr. Volkmar Kunde ist Oberarzt der Station 8 des Christlichen Kinderhospitals Osnabrück. Betreut werden auf der gemischten Intensivstation vor allem Frühgeborene und Neugeborene mit schweren Erkrankungen.

Dr. Kunde, wann ist die Gefahr für den plötzlichen Kindstod am größten?

Generell ist es ein Ereignis, das nur im ersten Lebensjahr stattfindet – und dann am häufigsten im dritten bis vierten Lebensmonat. Danach gibt es noch eine sehr leichte Häufung um den achten Lebensmonat herum.

Warum endet diese Risikozeit mit einem Jahr?

Der dritte bis vierte Lebensmonat ist eine heikle Phase: Die Trimenonanämie, also die Blutarmut bei Säuglingen, wird zu diesem Zeitpunkt in der Regel erkennbar. Zudem ist der Nestschutz, den die Mütter ihren Kindern mitgeben, dann weitgehend abgebaut. Auch im Neurologischen entwickeln sich die Kinder zu dem Zeitpunkt noch einmal einen Schritt weiter, sodass Umstellungsvorgänge stattfinden. Wenn dann im Hirnstamm Regulationsvorgänge nicht adäquat stattfinden, kann es dazu beitragen, dass ein besonderes Risiko entsteht. Doch je älter und stabiler die Kinder werden, umso geringer ist das Risiko.

Wie stirbt das Kind?

Die Kinder versterben unbemerkt im Schlaf. Vermutlich, weil sie aufhören zu atmen.

Wie kann das passieren?

Die Kinder merken offensichtlich nicht, in welcher schwierigen Situation sie sind. Sie atmen also immer weniger bis sie ganz aufhören und versterben. „Normale“ oder gesunde Kinder würden, wenn sie merken, dass sie nicht genug Luft kriegen, unter Umständen anfangen zu schreien oder sich bewegen oder irgendeine Reaktion zeigen. Doch die vom plötzlichen Säuglingstod betroffenen Kinder haben eine gestörte Reaktion.

Sind die Kinder, die am Kindstod versterben, krank?

Nicht wirklich. Es ist zwar so, dass häufig banale Infekte wie Schnupfen festgestellt werden. Eine auslösende Ursache sind diese jedoch nicht. Eine Risikogruppe sind jedoch frühgeborene Kinder, die eine noch nicht stabile, nicht ausgereifte Atmung haben.

Gibt es eine Häufung bei den Geschlechtern?

Es gibt ein ganz leichtes Überwiegen bei Jungen. Warum das so ist, weiß man nicht.

Gibt es Warnzeichen für die Eltern?

Nein.

Weiß man, warum es zum Kindstod kommt?

Die letztendliche Ursache ist weiterhin unklar, trotz vieler Jahrzehnte intensiver Forschung. Es gibt Vorstellungen über die Ursachen oder über die Mechanismen, die dazu führen.

Vor wenigen Jahrzehnten noch wurden Babys auf den Bauch gelegt und warm gebettet. Das hat sich jetzt komplett geändert. Hat sich dadurch die Zahl der plötzlichen Kindstode vermindert?

Ja, sogar eklatant. Ende der 90er-Jahre gab es umfangreiche Studien, in denen die Umstände des plötzlichen Säuglingstodes analysiert wurden. Dabei hat sich rausgestellt, dass die Bauchlage der wohl größte Risikofaktor war. Dazu kamen Überwärmung, Überdeckung und viele Accessoires im Bett. In allen westlichen Ländern gab es daraufhin umfangreiche Aufklärungskampagnen. Die haben eindeutig dazu beigetragen, dass es weniger plötzliche Säuglingstodesfälle gibt. Heute ist es Standard geworden, dass man empfiehlt, die Kinder nur auf den Rücken zu legen.

Worauf sollten Eltern noch achten?

Die Mütter sollten nicht rauchen während der Schwangerschaft und die Kinder sollten nach der Geburt unbedingt in rauchfreier Umgebung aufwachsen. Und so lange wie möglich Stillen. Das sind die besten Maßnahmen, die man ergreifen kann. Ansonsten kann man, außer die Bauchlage strikt zu vermeiden, wenig tun, um den plötzlichen Kindstod zu vermeiden. Was auffällt ist, dass Kindstod häufiger in der Bevölkerungsschicht mit niedrigem sozioökonomischen Status auftritt.

Gibt es dafür eine Erklärung?

Nein, keine gute. Ein Hauptrisikofaktor ist jedoch das Rauchen. Diesbezüglich könnte man vermuten, dass es in niedrigen sozialen Schichten weiter verbreitet ist.

Wie reagiere ich, wenn mein Kind leblos im Bett liegt?

Sie sollten versuchen, ihr Kind zu wecken, vielleicht indem Sie es streicheln oder etwas kneifen oder die Fußsohlen massieren. Oder sie nehmen es auf den Arm und pusten es an. Wenn es dann nicht anfängt zu atmen, kann man nur Mund-zu-Mund-Beatmung oder Mund-zu-Nase-Beatmung machen.

In der Panik des Momentes ist es sicher nicht leicht, ruhig zu bleiben…

Stimmt. Trotzdem sollte heftiges Schütteln unbedingt vermieden werden. Es bedeutet eine zusätzliche Gefährdung für das Kind durch ein Schütteltrauma. Und das ist lebensgefährlich.

Seit wann gibt es den plötzlichen Säuglingstod?

Genau kann ich Ihnen nicht sagen, wann die Beschreibung dieses Phänomen in der modernen medizinischen Literatur aufgetaucht ist. Allerdings gibt es historische Berichte, die zeigen, dass der Kindstod schon bei den Griechen und bei den Römern ein bekanntes Phänomen war. Wahrscheinlich hat es das Krankheitsbild schon zu allen Zeiten der Menschheit gegeben.

Rauchen und warme Schlafzimmer sind abereher ein Phänomen der Neuzeit.

Möglicherweise ist der plötzliche Kindstod durch das Rauchen in der modernen Gesellschaft etwas stärker verbreitet, als es früher der Fall war. Oder auch durch die Wohnverhältnisse mit sehr warmen Schlafzimmern. Aber er ist generell keine neue Erkrankung.

Steigt die Gefahr für weitere Kinder, wenn man schon ein Kind durch den Kindstod verloren hat?

Ein Todesfall durch den plötzlichen Säuglingstod innerhalb einer Familie erhöht das Risiko für einen zweiten statistisch nur geringfügig. Erst nach dem zweiten Todesfall steigt das Risiko, das auch noch ein drittes Kind stirbt. Derlei Statistiken sind besorgten Eltern natürlich nur schwer zu vermitteln.

Wie kann man sie beruhigen?

Indem man den nachfolgenden Kindern einen Heimmonitor verordnet. Mit so einem Überwachungsgerät kann die Sauerstoffversorgung der Kinder überprüft werden und theoretisch könnte so eine kritische Situation rechtzeitig erkannt werden. Der Nutzen solcher Frühchen-Monitore ist zwar nicht nachgewiesen, aber auf Grund der Angst der Eltern wird er immer noch eingesetzt. Völlig ungeeignet sind aber Überwachungsgeräte, die nur die Atmung registrieren, wie Sensormatten.

Kann sein Einsatz denn den Kindstod verhindern?

Die Maßnahme ist tausendfach angewendet worden, aber hat nicht dazu beigetragen, die Rate an Todesfällen zu senken. Heutzutage geht man daher davon aus, dass es aus medizinischer Sicht keinen zwingenden Grund für den Monitor gibt. Es werden in der Regel also nur noch ausgewählte Kinder, beispielsweise Frühgeborene mit Atemstörung, damit ausgestattet.

Wie gehen Sie im Klinikum mit den Kindern um?

In den allermeisten Fällen ist es so, dass in der Notsituation die Notärzte erst einmal versuchen, das Kind zu reanimieren. Die Kreislaufwiederherstellung gelingt dies häufig, so dass die Kinder zwar mit Herz-Kreislauf, aber eben oft hirntot hier eingeliefert werden. In der Regel führen wir dann über ein, zwei Tage die Diagnostik durch und stellen fest, was mit dem Kind ist: Kann es überleben, ist es hirntot oder stirbt es auf Grund eines generellen Organversagens?

Wie oft kommen Sie mit dem plötzlichen Kindstod in Kontakt?

Man hat ein bis zwei oder drei Fälle pro Jahr. Manchmal erfährt man dann noch von irgendeinem anderen Fall, der nicht hier in die Klinik gekommen ist. Unter diesen drei, vier Kindern, sind aber auch oft ein, zwei dabei, die sich als Schütteltrauma herausstellen.

Ein Schütteltrauma ist ja fremdverschuldet. Wenn das Kind eingeliefert wird und tot ist oder in der Klinik verstirbt, schaut wahrscheinlich immer die Pathologie nach, was genau passiert ist, oder?

Wenn es außerhalb unseres Krankenhauses verstirbt, müssen wir auf dem Totenschein „ungeklärte Todesursache“ ankreuzen. Damit ist die Staatsanwaltschaft zumindest eingeschaltet und kann eine gerichtsmedizinische Obduktion veranlassen um zu klären, ob es nicht doch durch ein Schütteltrauma gestorben ist. Diese wurde in der Vergangenheit bei Säuglingen auch häufig durchgeführt, so dass zumindest Fremdverschulden immer sicher ausgeschlossen werden kann.

Und wenn es ausgeschlossen ist, endet die Untersuchung der Gerichtsmedizin?

Ja, denn die eigentliche Aufgabe der Gerichtmedizin ist vor allem Gewalteinwirkung, also Fremdverschulden auszuschließen, beziehungsweise offensichtlich natürliche Todesursachen zu erkennen. Häufig werden von unserer Seite - in Absprache mit der Gerichtsmedizin – danach gezielte Untersuchungen veranlasst, um Verdachtsmomente auf bestimmte Erkrankungen auszuschließen.

Was passiert mit den verstorbenen Kindern?

Es gab Kinder, bei denen wir eine Organspende machen konnten. Das sind aber Ausnahmen, denn in der Regel stimmen die Eltern dem nicht zu. Häufig sind die Kinder auch so jung, dass es keine passenden Empfänger für die Organe gibt.

Und wie gehen die Eltern mit dem Tod ihres kleinen Kindes um?

Wenn ein Kind stirbt, ist es immer ein sehr schwerer Schlag für die Eltern. Wir versuchen, sie durch Seelsorge oder Psychologen ein bisschen abzufangen. Doch letztendlich brauchen die Eltern einen Familienverband, der sie tröstet. Trotzdem haben viele noch Jahre später erhebliche Probleme wegen des Verlustes.