TV-Serien, Filme, Computerspiele Illegal, total egal? Warum Millionen kinox.to nutzen

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Warum machen die das? Unverdrossen steuern sie zig Millionen Nutzer kinox.to an. Foto: ImagoWarum machen die das? Unverdrossen steuern sie zig Millionen Nutzer kinox.to an. Foto: Imago

Osnabrück. Ihre Gründer werden mit internationalem Haftbefehl gesucht, doch die illegale Filmtauschbörse kinox.to ist noch immer online. Unverdrossen steuern sie zig Millionen Nutzer an. Warum machen die das?

Stell dir vor, man bricht in dein Geschäft ein, klaut alles von Wert und verteilt deine Ware an jeden, der rechtzeitig „hier“ rufen kann. Und das Schlimmste: Kaum einer zeigt sich beeindruckt, als er erfährt, dass die vermeintlichen Geschenke Diebesgut sind.

Der Vergleich mit Hehler-Ware trifft es nicht hundertprozentig, wenn es um illegale Streaming-und Download-Portale geht. Schließlich sind Filme im Netz sogenannte immaterielle Güter: Man kann sie kopieren und stehlen, ohne sie dem Besitzer faktisch wegzunehmen. Trotzdem ist der Vergleich hilfreich. Er lenkt den Fokus auf eine interessante Frage: Warum greifen Millionen Nutzer auf illegal kopierte Filme und TV-Serien zu, obwohl es inzwischen Dutzende legale Alternativen gibt?

„Aus Versehen“?

Mit Netflix startete im September der amerikanische Marktführer in Sachen Videostreaming mit seinem Deutschland-Angebot. Serienfans hatten es sehnlichst erwartet. Schon länger sind daneben etwa Amazon, Watchever, Sky Online und Maxdome auf dem Markt, die Tausende Filme und Fernsehserien im Flatrate-Tarif zeigen. Und Apples iTunes-Bibliothek ist vollständiger als jeder DVD-Verleih.

Dass die meisten Nutzer dennoch alles andere als „aus Versehen“ auf illegale Inhalte klicken, davon ist Prof. Michel Clement überzeugt. Er forscht am Lehrstuhl für Marketing und Media in Hamburg. „Man muss sich nur fragen, wer Filme und Serien im Netz schaut: Das sind junge Leute, die meist genau wissen, wie und wo sie suchen müssen“, sagt er.

Enorme Verluste

Besonders nachgefragt seien aktuelle Kinofilme und Serien-Staffeln, die es bis dato weder im Free-TV noch auf sämtlichen Streaming-Portalen zu sehen gibt. Nutzer, die Linkbörsen wie kinox.to oder movie4k.to ansteuern, wollten schlicht nicht warten, bis sie das Angebot auf legalem Wege auf der heimischen Couch (dann allerdings gegen Bezahlung) anschauen können. Aber das müssten sie. „Game of Thrones“ ist so ein Beispiel. Die HBO-Produktion ist eine der erfolgreichsten Serien aller Zeiten – und bricht regelmäßig Piraterie-Rekorde. Der Grund? Die wenigsten Menschen empfangen HBO oder leisten sich ein Sky-Abo.

Filesharing verursacht enorme Einnahmeverluste für die Filmindustrie. Tauschbörsen, Download-Verzeichnisse und Filehoster verbindet wie im Fall kinox.to oftmals ein Netz krimineller Strukturen. Die Hintermänner verdienen ordentlich am Geschäft mit geklauten Inhalten.

Es gab eine Zeit, in der hatte das Musikbusiness noch gravierende Probleme: Die Branche war kurz davor, vor den Raubkopierern zu kapitulieren. „Doch dann gelang es, das klassische Bezahlmodell an die neue Technologie, das Internet, anzupassen“, erklärt Prof. Michael Grünberger, Experte für Technikrecht an Uni Bayreuth. Apple brachte mit iTunes eine umfassende digitale Musikbibliothek an den Start. Allerdings zahlte auch hier die Musikindustrie ihren Preis: iTunes erreichte eine solche Marktmacht im Download-Bereich, dass Apple künftig die Bedingungen der Verträge mit den Musikrechteinhabern diktieren konnte – zu deren Nachteil.

Radikal veränderter Musikmarkt

Musik-Streaming-Dienste wie Spotify sind der nächste Entwicklungsschritt. Nutzer zahlen eine monatliche Flatrate und können dafür von aktuellen Topcharts bis zu Klassikern auf nahezu sämtliche Musikproduktionen zurückgreifen, die es gibt. Von Musik-Piraterie spricht heute kaum noch jemand.

Dass im Bereich Film derweil nicht möglich ist, was den Musikmarkt radikal veränderte, liege – anders als oft behauptet – weniger an den komplizierten Lizenzrechten, sondern an den Filmherstellern und Serienproduzenten selbst, ist Grünberger überzeugt. „Das Recht ist hier nur das Instrument, um zu verhindern, dass alle Inhalte ständig überall verfügbar sind“, sagt er. Das Beispiel iTunes habe die Filmbranche abgeschreckt. Nun sei es Geschäftsstrategie der Hersteller, ihr Angebot zu verknappen. Das Nachsehen haben die Nutzer. Für sämtliche Staffeln einer Serie müssten sie in manchen Fällen theoretisch drei unterschiedliche Portale ansteuern und dort jeweils Abos abschließen.

Zwischen Filmen und Musik gibt es außerdem einen zentralen Unterschied: Während Musikalben zeitgleich zur Veröffentlichung direkt auch online zum legalen Download und Streaming zur Verfügung stehen, gibt es für Filme eine strikte Verwertungskette, wie Medienmarketing-Experte Clement erklärt: „Der Film geht erst ins Kino, wird dann auf DVD, Bluray und zeitgleich zum Kauf auf Video-on-Demand-Plattformen angeboten, landet anschließend im Online-Verleih und danach im Pay-TV.“ Jeder einzelne Schritt ist Gold wert.

Nachfrage unbefriedigt

Die Marktteilnehmer hätten kein Interesse daran, an diesen Zeitfenstern etwas zu ändern. Denn: Einkünfte aus Downloads und Video-on-Demand-Abos könnten die Einnahmen an der Kinokasse bei Weitem noch nicht ersetzen, sagt Clement. Verbunden mit der Tatsache, dass es auch weiterhin viele Nutzer gibt, die generell nicht bereit sind, ihren Filmkonsum nach den Vorstellungen der Hersteller zu bezahlen, ergibt sich die unliebsame Konsequenz: Piraterie im Filmbereich wird es weiterhin geben. So lange, bis ein legales Angebot die Nachfrage befriedigen kann, glaubt auch IT-Rechtler Grünberger: „Der Ball liegt im Spielfeld der Rechteinhaber.“


Rechtswidrig?

Film-Portale wie Kinox.to funktionieren nach einem ausgeklügelten Modell. Sie sind von der Struktur her nicht mehr als Download-Verzeichnisse, die erst über Links auf andere Websites den Zugriff auf illegale Kopien von Filmen, TV-Serien, E-Books oder Computerspielen ermöglichen. Die Server stehen meist außerhalb Europas in Ländern mit lascher Internet-Aufsicht. Geld wird über Werbung auf den Seiten verdient.

Im Fall kinox.to wird nach den Betreibern mit internationalem Haftbefehl gesucht. Ihnen werden gewerbsmäßige Urheberrechtsverletzungen, Steuerhinterziehung, Erpressung und Brandstiftung vorgeworfen. Die Männer sollen „massiv“ versucht haben, Konkurrenz aus dem Internetmarkt zu drängen.

Ob sich Nutzer rechtswidrig verhalten, die illegale Kopien im Netz anschauen, ist unter Juristen umstritten. Bisher konzentrieren sich die Strafverfolger aber vor allem auf die Uploader und Hintermänner. (mit dpa)

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