Kunde wehrt sich mit Erfolg Lebensversicherer kürzte Anteil an Bewertungsreserven zu früh

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Osnabrück. Das am 6. August in Kraft getretene Lebensversicherungsreformgesetz (LVRG) kann Kunden mit Altverträgen Tausende Euro kosten. Denn es räumt den Versicherungen die Möglichkeit ein, bei Fälligkeit des Vertrages die Beteiligung der Versicherten an den Bewertungsreserven zu senken. Das ist gut für die Versicherer und schlecht für diese Kunden: Ganz ärgerlich wird es, wenn wie im Fall des Nordhorners Helmut Dwertmann die Versicherung die Neuregelung schon früher anwendet, als es der Gesetzgeber erlaubt.

Der 65-Jährige traute seinen Augen nicht, als er den Auszahlungsbetrag seiner am 1. August dieses Jahres fälligen Lebensversicherung sah: Laut Schlussabrechnung der Huk-Coburg betrug sein Anteil an den Bewertungsreserven nur 390 Euro. Noch im Juli 2013 hatte die Versicherung den aber auf rund 2230 Euro beziffert. Nach der alten Regelung galt, dass ein Versicherer seine Kunden hälftig an den Bewertungsreserven zu beteiligen hatte. Dwertmann ist empört: „25 Jahre lang habe ich brav eingezahlt, und ganz zum Schluss schießen die mir noch ins Knie“, sagt er. „Das wollte ich mir nicht einfach gefallen lassen.“

Hier lesen Sie: Bundesrat billigt Reformgesetz für Lebensversicherungen

Doch am Telefon und auch schriftlich speiste ihn die Versicherung mit dem Hinweis ab, dass der Gesetzgeber das so gewollt habe. Erst ein Gespräch mit der Stiftung Finanztest brachte Klarheit: Die Experten bestätigten Dwertmann, dass sein Vertrag, der ja am 1. August und damit knapp eine Woche vor Inkrafttreten des Reformgesetzes fällig geworden war, natürlich noch unter die alte Regelung falle. Die vorgenommene Kürzung seines Anteils an den Bewertungsreserven sei deshalb nicht rechtens.

Amtliche Erlaubnis für Kürzungen?

Per Einschreiben an die Huk bestand Dwertmann darauf, dass sein Vertrag nach den alten Bedingungen abgerechnet wird. „Erst jetzt lenkte die Huk ein und entschuldigte sich“, berichtet der Nordhorner. Auf Dwertmanns Frage, was mit den anderen Kunden geschehen werde, bei denen der gleiche Fehler gemacht worden sei, ohne dass diese das gemerkt hätten, habe ihm die Huk zugesagt, die Betroffenen aktiv zu informieren.

Dwertmann ist tatsächlich kein Einzelfall: Die Zeitschrift „Finanztest“ berichtet, dass der Fehler neben der Huk auch der Debeka, CosmosDirekt, Axa, Alte Leipziger und Zurich Deutscher Herold unterlaufen sei. Auch diese Kunden hätten so nicht selten einige Tausend Euro weniger bekommen, als ihnen zugestanden hätten. Einige Versicherer hätten die zurückgehaltenen Beträge erst auf Beschwerden der Kunden nachgezahlt, heißt es weiter. Die Versicherung Zurich Deutscher Herold habe es sogar auf ein Ombudsverfahren ankommen lassen.

Die Sprecherin des Bundes der Versicherten Bianca Boss bestätigt unserer Redaktion: „Ja, auch uns liegen solche Fälle vor.“ Nach ihrer Einschätzung dürfte es sich meist um Beträge zwischen 1000 und 3000 Euro handeln. „Kürzung der Bewertungsreserven und Benachteiligung durch zu vorzeitige Abrechnung des Vertrags nach dem LVRG – und eventuell eine Nachzahlung nur auf Nachforderung des Verbrauchers. Das kann und darf nicht sein. Hier sollte sich jeder Betroffene zur Wehr setzen“, betont Boss.Lebensversicherungen:

Neue Kundeneinbußen vom Tisch

Experten raten Kunden, deren Versicherung in den Wochen vor dem 7. 8. 2014 ausgezahlt wurde, diese in Bezug auf die Beteiligung an den Bewertungsreserven zu prüfen. Am besten sei ein Vergleich mit einer vorangegangenen Standardmitteilung des Versicherers. Sei der Posten „Bewertungsreserven“, wie im Fall des Nordhorners Dwertmann, deutlich niedriger, sollte bei der Versicherung nachgehakt werden. Dies gelte auch dann, wenn gar keine Bewertungsreserven ausgewiesen seien. Reagiere die Versicherung auf die entsprechende Anfrage nicht oder nicht befriedigend, sollte eine Beschwerde beim Ombudsmann oder bei der staatlichen Versicherungsaufsicht für klare Verhältnisse sorgen.

Die Ursache für die fehlerhaften Abrechnungen sieht Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft, in einer Überlastung der Versicherer: „Es ist für unsere Unternehmen ein gewaltiger technischer und finanzieller Kraftakt, die vom Gesetzgeber geforderten Änderungen umzusetzen“, klagt er auf der Webseite des Verbandes.

Dwertmann lässt diese Entschuldigung nicht gelten. Im Gegenteil. „Diese Nummer finde ich ganz besonders heftig. Die stilisieren sich jetzt zu Opfern, obwohl sie eigentlich Täter sind“, sagt er. Schließlich hätten doch die Versicherungen die Gesetzesänderung betrieben und seien auch die Profiteure. „Und jetzt stellen sie sich in der Öffentlichkeit hin und jammern über den Aufwand, den sie deshalb betreiben müssen. Das ist mehr als dreist.“

Tatsächlich geht das am 6.8.2014 in Kraft getretene Lebensversicherungsreformgesetz (LVRG) für Lebensversicherer auf Initiative der Versicherungen zurück. Ein erster Gesetzentwurf war im Dezember vergangenen Jahres nach heftigen Protesten von Bürgern und Verbraucherschützern im Bundesrat gescheitert.

Bianca Boss weist darauf hin, dass der Gesetzgeber in dem jetzt gültigen Reformgesetz ausdrücklich festgeschrieben habe, dass die Versicherung den Anteil des Versicherten an den Bewertungsreserven nur dann kürzen dürfe, wenn „Sicherungsbedarf“ bestehe: Das heißt, der Versicherer muss diese Reserven benötigen, um seine Garantieverpflichtungen aus anderen Verträgen zu erfüllen. Grundsätzlich hätten die Versicherungsnehmer aber weiterhin Anspruch auf eine Beteiligung an den Bewertungsreserven auf festverzinsliche Wertpapiere, wie das vor der Änderung des Gesetzes der Fall gewesen sei, betont Boss.

Sie rät von Kürzungen betroffenen Verbrauchern deshalb, ihren Versicherer um eine Stellungnahme zu der Frage zu bitten, ob für ihn Sicherungsbedarf im Sinne des Lebensversicherungsreformgesetzes bestehe und – gegebenenfalls – wie die erfolgte Kürzung der Bewertungsreserven ermittelt worden sei. „Die Antwort des Versicherers sollte dann am besten von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Sektor Versicherungsaufsicht, überprüft werden“, sagt Boss.


Bewertungsreserven entstehen, wenn der Marktwert einer Kapitalanlage des Versicherers über dem Anschaffungswert liegt. 2008 wurden die Lebensversicherer per Gesetz verpflichtet, Kunden mit auslaufenden oder gekündigten Verträgen zur Hälfte an den zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Bewertungsreserven zu beteiligen. Durch die ständig sinkenden Zinsen sind die Kurswerte für ältere Staatsanleihen stark gestiegen, da diese höher verzinst sind als jetzt ausgegebene Staatsanleihen. Hier sind hohe Bewertungsreserven entstanden, die die Versicherungsunternehmen an die Kunden, deren Verträge auslaufen oder gekündigt werden, auszahlen müssten.

Dagegen wehrten sich die Versicherungen erfolgreich mit dem Argument, in der jetzigen Niedrigzinsphase die Garantieleistungen für ältere Lebensversicherungsverträge nicht mehr erfüllen zu können.

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