„Ich sag Nein“ Wie ein Puppenspiel Kinder vor Missbrauch schützen will


Meckenbeuren. Wie sagt man der Tante, dass man ihre nassen Schlabberküsse nicht mag? Oder dem Onkel, dass er einen nicht so fest drücken soll? Das Konstanzer Puppenspiel „Pfoten weg“ will Kindern beibringen, sich gegen die unangenehme Nähe eines Menschen zu wehren.

Es dauert nur wenige Minuten und die Kinder sind völlig im Bann des Puppentheaters: Mit offenem Mund sitzen sie auf den Stühlen im ehemaligen Güterschuppen in Meckenbeuren am Bodensee und verfolgen die Geschichte um die Katzengeschwister Tom, Salome und Lotte. Denn die drei haben ein Problem: Onkel Burschi und Tante Herzi kommen zu Besuch - und die zwingen den Kindern immer feuchte Schlabberküsse und allzu feste Umarmungen auf. „Ich will das nicht“, piepst Lotte, die jüngste der drei Katzen. Aber was sie dagegen tun können, wissen die Kinder auch nicht. Bis sie Hilfe von ihren Freunden Igel, Hase und Wildschwein bekommen.

„Wir wollen den Kindern das Thema humorvoll nahebringen“, sagt die Macherin des Puppentheaters „Pfoten weg“, Irmi Wette. „So gehen die Botschaften viel sanfter zu ihnen.“ Die Pädagogin tourt seit einigen Jahren mit dem Schauspiel durch Deutschland. Mit der Geschichte der drei Katzen will sie Kinder darin bestärken, sich gegen die unangenehme Nähe eines Menschen zu wehren - und sie gegen sexualisierte Gewalt wappnen.

„Sowas kann man nicht verarbeiten“

Sie sei bei ihrer Arbeit als Erzieherin selbst immer wieder auf Kinder gestoßen, die von Missbrauch betroffen waren, sagt Wette. Auch ihre Jugendfreundin sei über Jahrzehnte hinweg von ihrem Vater missbraucht worden - sie habe sich später das Leben genommen. „Sowas kann man nicht verarbeiten“, sagt die Pädagogin.

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„Ich wollte etwas unternehmen und habe die Polizei gefragt, was man machen kann.“ Wette, die 1998 bereits die Konstanzer Puppenbühne gegründet hatte, schrieb die Geschichte der drei Katzenkinder, bastelte die Figuren und das Bühnenbild - seit 2003 ist sie mit „Pfoten weg“ unterwegs.

13640 Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch

In Deutschland wurden im vergangenen Jahr laut Statistik des Bundeskriminalamts etwa 13640 Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch, zudem wurden 4016 Kindesmisshandlungen polizeilich registriert. In Heidelberg wollten sich am Donnerstag Experten treffen, um über die Prävention von Gewalt- und Sexualstraftaten zu beraten. Zu der Tagung wurden Teilnehmer der Charité Berlin, der Forensischen Ambulanz Baden und der Uni Heidelberg erwartet.

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Direkt dargestellt wird das Thema Missbrauch in der Geschichte von „Pfoten weg“ nicht. Die Katzenkinder wehren sich gegen scheinbar harmlose Handlungen: Umarmungen, aufgezwängte Küsse. Es gehe auch gar nicht darum, Missbrauch detailliert darzustellen oder zu erklären, sagt der Leiter der Psychologischen Beratungsstelle beim Kinderschutzbund in Ulm, Lothar Steurer. „Mit Kindergartenkindern oder frühen Grundschulkindern kann man das Thema nicht direkt ansprechen. Das muss übersetzt werden, in Situationen, die auch Kinder kennen können. Zum Beispiel, wenn jemand zu ihnen sagt: Du bekommst ein Geschenk von mir, wenn du das oder das tust.“

„Das war blöd oder komisch“

Missbrauchsfälle bei solchen Stücken zu deutlich zu thematisieren, könne auch verängstigen: „Der Entwicklungsstand der Kinder im Publikum ist oft unterschiedlich. Manche sind aufgeklärt, andere wissen da kaum etwas. Aber was bleibt, sind die Gefühle und Empfindungen“, sagt Steurer. Kinder hätten für den Missbrauch durch Erwachsene oft keine Worte. „Betroffene sagen oft, das war blöd oder komisch.“

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Verteidigungskurse brächten bei Kindern in diesem Alter dagegen noch nichts: „Sie können sich in bestimmten Situationen nicht gegen Erwachsene wehren“, sagt Steurer. „Die Verantwortung dazu dürfen wir nicht den Kindern überlassen. Aber wir müssen ihnen einschärfen, dass sie sich Hilfe holen können.“

Salome, Lotte und Tom lernen, ihre Emotionen in einem Lied zur Melodie von „Hänschen klein“ auszudrücken: „Kuscheln, das mag ich sehr, es ist ja auch gar nicht schwer“, singen die drei - und nach wenigen Sekunden fallen fast hundert Kinderstimmen ein, die das Lied schon im Kindergarten gelernt haben. „Doch wenn ich mal nicht mag, ich das deutlich sag.“

Die letzte Strophe versteht man kaum noch, so laut schreien die kleinen Zuschauer: „Ich fühl mich gar nicht klein, ich sag einfach nein!“


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