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27.09.2014, 15:02 Uhr IPHONES VERBOGEN

Apple vor dem Niedergang? Sicher nicht!

Kommentar von Mark Otten


Osnabrück. Die Kritiker sind sich einig: Mit Apple geht es nur noch bergab. Verbogene iPhones, vermasselte Softwareupdates und fehlende Innovationen. Das Netz ist in Aufruhr, die Börse fällt darauf rein. Schuld ist vor allem ein verklärter Blick auf Apple unter Steve Jobs. Ein Meinungsbeitrag.

„Unter Steve Jobs hätte es das nicht gegeben.“ Dieser Satz ist so oder ähnlich zuletzt wieder häufig gefallen, wenn es um Apple ging. Seitdem der Apple-Mitgründer verstorben ist, fehle es der Firma an Innovationskraft und zunehmend auch an Qualität, sagen die Kritiker. Dabei wird das Fehlen früherer Kritikpunkte nun zur Schwäche Apples verklärt.

Das iPhone 6 im Test ››

1. Früher wusste Apple, was seine Kunden brauchen

Jahrelang ist Apple unter Steve Jobs für seine sture, bevormundende Art kritisiert worden. Der Konzern ignoriere konsequent die Wünsche seiner Kunden, lautete der Vorwurf damals. Apple verzichtete beispielsweise auf den Einsatz von Blu-Ray-Laufwerken, schaffte optische Laufwerke später ganz ab und untersagte dem weitverbreiteten Flash-Format die native Unterstützung auf iPhone und iPad. Mit den größeren Bildschirmen des iPhone 6 hat sich Apple tatsächlich nach den Wünschen der Kunden gerichtet – und wird dafür kritisiert. Doch Apple hat sich unter dem neuen Chef Tim Cook gewandelt. Er will den Konzern transparenter und nahbarer erscheinen lassen. Weg vom Sektenimage, hin zu einer Firma, die die Wünsche der Kunden und des Marktes berücksichtigt. Und plötzlich fehlen den Leuten die Geheimhaltung und die Bevormundung. Übrigens: Mehr als zehn Millionen iPhones hat Apple am Startwochenende verkauft.

2. Die Qualität der Produkte sinkt

Das iPhone 6 Plus hat unter dem Hashtag #bentgate ungewollte Aufmerksamkeit in den sozialen Medien erlangt. Der Vorwurf: Einige der 5,5-Zoll-Geräte hätten sich beim Transport in der Hosentasche verbogen. Obwohl es nur wenige Berichte darüber gab, nahm das Thema in den sozialen Medien Fahrt auf, selbst traditionelle Medien übernahmen die Meldungen ohne die passende Einordnung, dass es sich eben nur um einzelne Berichte handelt. Laut Apple haben sich bislang neun Kunden deswegen beschwert – von 10 Millionen iPhone-6-Käufern. Die Kritik ist unseriös und unverhältnismäßig.

Am Mittwoch legt außerdem das iOS-Update 8.0.1 die Telefonfunktion tausender iPhones lahm. Die Anleger scheinen genug zu haben und lassen Apples Marktwert binnen kurzer Zeit um 23 Milliarden Dollar sinken.

Sie haben sich vermutlich gedacht: „Unter Steve Jobs hätte es so etwas nicht gegeben.“ Nein? Ein kurzer Rückblick: Das iPhone 4 verlor in der Hand gehalten den Empfang (auch bekannt als „Antennagate), das noch unter Jobs entwickelte iPhone 5 war äußerst anfällig für Kratzer, iOS-Updates bremsten schon damals einige Geräte so sehr aus, dass sie nahezu unbenutzbar waren, das soziale Netzwerk „Ping“ scheiterte sang- und klanglos und auch das Fiasko von Apples eigenem Kartendienst hat sich unter Jobs abgespielt.

3. Apple fehlen ohne Jobs die Innovationen

Apple ist schon unter Jobs kritisiert worden, nur noch Evolutionen statt Revolutionen zu liefern. Dieser Umstand unterstreicht Apples Rolle als globaler Innovationsführer. Die Technikwelt giert nach neuen Ideen und Produkten und teilt diese Aufgabe allein Apple zu. Vom iPhone-Hersteller erwarten Anleger und Kunden schlichtweg Perfektion. Diesen Anspruch hat sich die Firma erarbeitet. Doch er wird mehr und mehr zur Bürde. Denn zeigt Apple Schwäche, senken Anleger und Kunden sofort die Daumen. Dabei hat Cook gerade erst die Apple Watch, den Bezahldienst Apple Pay und eine Plattform für Haussteuerung ins Leben gerufen. Es scheint, als traue man Cook nicht zu, dass diese Produkte wirklich spannend oder gar revolutionär sein könnten. Diese Eigenschaften passen in der öffentlichen Wahrnehmung nicht zum biederen, leicht steifen Cook. Und wieder wird dabei vergessen, dass zum Beispiel die iPod-Nano- und iPod-Shuffle-Modelle unter Jobs eher Ladenhüter waren.

Apple vor Niedergang?

Steht Apple also vor dem Niedergang? Mit Sicherheit nicht. Steve Jobs hat Apple zu dem gemacht, was es heute ist. Er war der Visionär, dem die Technikwelt gerne folgen wollte. Doch auch Steve Jobs war nicht unfehlbar. Und bei Weitem nicht alles, was Tim Cook bei Apple geändert hat und anders angeht als sein Vorgänger, ist zum Schlechten. Ein Blick auf die Verkaufszahlen und die Börsenkurse der vergangenen Monate macht das deutlich.


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