Stürzende Linien und Panoramafreiheit NOZ-Fotoblog: Zehn Tipps zur Architekturfotografie

Von Christof Haverkamp

Die Kathedrale von Metz, aufgenommen mit Stativ. Die stürzenden Linien wurden im Programm Lightroom korrigiert. Foto: Christof HaverkampDie Kathedrale von Metz, aufgenommen mit Stativ. Die stürzenden Linien wurden im Programm Lightroom korrigiert. Foto: Christof Haverkamp

Osnabrück. Hochhäuser, Kirchen, Tempel, Burgen, Schlösser und Rathäuser – nicht nur für Urlauber bietet die Architektur zahlreiche Fotomotive. Hier einige Hinweise, wie sich stürzenden Linien vermeiden oder korrigieren lassen und warum es teuer sein kann, den Eiffelturm bei Nacht zu fotografieren.

Liebe Fotofreunde,

vermutlich geht es Ihnen wie mir: Wenn ich in Urlaub fahre, dann fotografiere ich immer auch sehenswerte, oft historische Gebäude. In diesem Jahr gehörte für mich die nachts angestrahlte Kathedrale in Metz dazu und die Festung Carcassonne im Süden Frankreichs. Mir kam es nicht auf eine rein dokumentarische Aufnahme an, sondern ich wollte auch die Stimmung wiedergeben. Wenn man einige Tipps beachtet, sehen die Bilder noch besser aus.

1. Um ein Gebäude vollständig aufzunehmen, braucht man in der Regel ein (Ultra-)Weitwinkel-Objektiv mit kurzer Brennweite, also 35mm, 24 mm oder noch weniger. Der Nachteil dabei ist, dass die Ränder oft verzerrt dargestellt werden. Gerade bei Weitwinkel-Aufnahmen sollten Sie darauf achten, einen guten Vordergrund zu haben.

2. Meistens fotografiert man ein Gebäude von unten. Dann entstehen stürzende Linien. Was das ist, wird hier recht gut erklärt: http://pixxel-blog.de/was-sind-eigentlich-sturzende-linien/ . Stürzende Linien erwecken den Eindruck, dass ein Gebäude nach hinten kippt. Sie lassen sich vermeiden, wenn der Aufnahmestandpunkt so weit weg ist, dass man die Kamera nicht nach oben neigen muss. Das gelingt aber längst nicht immer, denn oft hat man dafür gar nicht genug Platz. Wenn man den Aufnahmestandort höher verlegt, lassen sich stürzende Linien ebenfalls vermeiden. Aber auch diese Möglichkeit ist leider nur selten gegeben.

3. In der Bildbearbeitung, zum Beispiel mit Lightroom 5.6  lassen sich stürzende Linien nachträglich relativ leicht korrigieren. Im Modul Entwickeln findet man rechts in der Werkzeugpalette den Menüpunkt „Objektivkorrekturen“. Entweder geht man über „Grundeinstellungen“ und „Auto“ oder manuell über die Punkte Verzerrung, Horizontal oder Vertikal, um die Perspektive zu korrigieren. Eine kostenlose Software zur Behebung der stürzenden Linien ist das Programm ShiftN 4.0.

4. Einige Hersteller bietet spezielle Tilt-Shift-Objektive an. Diese Objektive lassen sich verschwenken oder knicken, sodass die Kamera parallel zum Gebäude bleiben kann. Nachteil: Tilt-Shift-Objektive sind wegen der optisch aufwendigen Konstruktion sehr teuer und in der Regel erst ab gut 1000 Euro zu haben.

5. Ein Polfilter verstärkt den blauen Himmel, sorgt für brillantere Farben und bessere Kontraste. Und es vermindert Reflexionen, etwa auf Fensterscheiben oder spiegelnden Dachziegeln. Wenn Sie sich ein Polfilter anschaffen, sollte es ein zirkulares sein, das man drehen kann.

6. Um große Schärfe zu erreichen und Verwacklungen zu vermeiden, sollten Sie mit Stativ fotografieren und einen niedrigen ISO-Wert wählen. Für die Tiefenschärfe ist eine hohe Blendenzahl (11, 16 oder 22) gut. RAW-Dateien bieten erheblich mehr Möglichkeiten als jpg-Dateien, das Foto noch nachträglich zu bearbeiten.

7. Eine kleinere Wasserwaage, die sich auf den Blitzschuh aufstecken lässt, verhilft dazu, dass die Fotos waagerecht ausgerichtet sind. Diese Wasserwaagen sind so groß wie ein Würfel. Sie sind über das Internet für unter 20 Euro erhältlich.

8. Die Frosch- oder Vogelperspektive – mit dem Blick senkrecht nach oben oder unten - vermitteln eine neue Sicht. Die meisten Bilder nehmen wir auf Augenhöhe auf. So kann man bestimmte Strukturen betonten, etwa in gotischen Kathedralen oder in Treppenhäusern.

9. Nehmen Sie ein Gebäude zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten auf. Günstig ist der frühe Morgen oder der späte Abend, weil es dann Streiflicht von der Seite gibt. Das erweckt einen dreidimensionalen Eindruck, weil die Strukturen von Fassaden besser erkennbar sind.

10. Grundsätzlich gilt in Teilen der EU die sogenannte Panoramafreiheit. Sie ist festgelegt in Paragraph 19 des Urheberrechts und besagt, dass jemand an öffentlich zugänglichen Straßen und Plätzen alles fotografieren darf, was er will. Ein nur vorübergehend aufgestelltes Kunstwerk darf man dagegen zwar ablichten, aber ohne Einwilligung des Rechteinhabers nicht veröffentlichen. Also Vorsicht, wenn Sie etwas in Facebook stellen.

Vor allem die Frage, was öffentlich zugänglich ist, hat immer wieder die Juristen beschäftigt. Wenn also jemand eine Leiter nimmt, damit oberhalb einer Hecke den Blick auf eine Villa bekommt, sollte er das Bild nicht ins Netz stellen. In Italien gibt es die Panoramafreiheit übrigens nicht. Dort kann ihnen ein Hausbesitzer verbieten, sein Gebäude zu fotografieren.

Die Bildrechte beim Eiffelturm

Und der Eiffelturm ist ein Sonderfall. Ein Unternehmen hat sich die Rechte an der Beleuchtung des Bauwerks bei Nacht gesichert. Wer davon ein Foto verkaufen will, muss sich eine Genehmigung besorgen. Die Panoramafreiheit hat immer wieder Rechtsanwälte beschäftigt. Einer von ihnen gibt zur Panoramafreiheit hier ganz gute Erklärungen:

http://www.ferner-alsdorf.de/rechtsanwalt/it-recht/urheberrecht/fotorecht-die-panoramafreiheit-im-urheberrecht-59-urhg-rechtsanwalt/8413/

Nun noch ein Link-Tipp für eine kleine nette Spielerei: Unter http://www.tiltshiftgenerator.com/de/ kann man eine kostenlose 30-Tage-Testversion eines sogenannten Tilt-Shift-Generators herunterladen. Damit wird eine geringe Tiefenschärfe erzeugt, die bei Gebäuden den Eindruck einer Miniaturlandschaft (als gehörte sie zu einer Modelleisenbahn) erweckt.

Gut Licht!

Christof Haverkamp

Weitere Beiträge zur Fotografie finden Sie hier: www.noz.de/fotografieren