Neues Produktionsverfahren Nichts ist unmöglich: Feiner Zwirn aus saurer Milch

Von Eckhard Stengel

Mikrobiologin Anke Domaske stellt Kleider aus Milchfasern her. Foto: Katrin Zempel-BleyMikrobiologin Anke Domaske stellt Kleider aus Milchfasern her. Foto: Katrin Zempel-Bley

Bremen. Wenn Milch sauer und klumpig wird, ekeln sich die meisten Verbraucher davor. Nicht so Anke Domaske. Denn für sie ist das ein wertvoller Rohstoff, aus dem sich Fasern und am Ende Textilien herstellen lassen.

Die 31-jährige Mikrobiologin, Betriebswirtin und Modedesignerin hat in Zusammenarbeit mit dem Faserinstitut Bremen das passende Produktionsverfahren entwickelt. Ihre ersten Milch-Modestücke gibt es bereits übers Internet und in ausgewählten Boutiquen zu kaufen, Anfang 2015 soll die Faserproduktion in größerem Stil anlaufen.

Aber wie wird Milch zu Textilien? Anke Domaske und ihr Team haben jahrelang daran herumgetüftelt. Das Grundmaterial ist überschüssige Milch, die sauer geworden ist oder mit Essig gesäuert wird. Wenn sich oben Flocken aus einem Eiweiß namens Kasein gebildet haben, werden sie abgeschöpft und zu einem Pulver getrocknet. Das wiederum wird gemeinsam mit Wasser und anderen Zutaten in einer Art Nudelmaschine bei 80 Grad Celsius zu einem Teig geknetet. Am Ende wird er ähnlich wie bei einem Fleischwolf durch eine Lochplatte gepresst. Das Ergebnis: dünne Fäden, die dann an Spinnereien oder Stoffhersteller verkauft werden – für 25 Euro pro Kilo, wie Domaske erzählt. Das sei zwar wesentlich teurer als Baumwolle, aber etwas günstiger als Seide.

Dabei seien Stoffe aus Milchfasern sogar noch weicher und glatter als Seide, zugleich aber ähnlich reißfest wie Baumwolle, meint die Erfinderin. „Man kann sie auch ganz normal bei 60 Grad in der Maschine waschen.“ Dass dabei keine Milchsuppe herauskommt, war eine besonders große Herausforderung bei den Laborexperimenten.

Domaske hält ihre Neuentwicklung für besonders umweltfreundlich. Denn ein Maschinendurchlauf dauere nur fünf Minuten und verbrauche höchstens zwei Liter Wasser pro Kilo – ein Klacks, verglichen mit den Unmengen von Energie und Wasser, die für die Baumwollproduktion draufgehen.

Dass hier Lebensmittel zweckentfremdet würden, bestreitet die Firmenchefin. Im Gegenteil: Sie verwende nur überschüssige Milch, die nicht zum Verzehr geeignet sei und normalerweise weggeschüttet würde. Also zum Beispiel die sogenannte Kolosteralmilch von Mutterkühen nach dem Kalben; oder Molkereiabfälle; oder Milchtüten aus Supermärkten mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum. Domaskes Team baut dafür gerade ein Lieferantennetzwerk auf.

Wer zum ersten Mal ein Kleid oder Nachthemd aus Milchfasern in den Händen hält, neigt dazu, sofort daran zu schnuppern. „Es riecht nicht nach saurer Milch“, versichert Domaske. „Und es schimmelt nicht, es wird nicht schlecht.“ Nicht etwa, weil die junge Firma nur H-Milch verwenden würde – nein, für die Haltbarkeit ohne Ablaufdatum sorgen vor allem Aminosäuren, die in dem Kasein stecken. „Sie sind verantwortlich für die antibakterielle Wirkung“, sagt die Mikrobiologin.

Eigentlich hat ihre Erfindung („mein Lebenswerk“) einen traurigen Hintergrund: Ihr schwer kranker Stiefvater verträgt keine handelsüblichen Textilien. Deshalb suchte Domaske nach Alternativen und entdeckte dabei, dass schon in den 1930er-Jahren Stoffe aus Milch hergestellt wurden. Aber bei dem alten Verfahren sei zu viel Energie und Chemie nötig gewesen.

Das muss doch auch anders gehen, dachte sich die junge Geschäftsfrau, die damals bereits eine eigene Modemarke entwickelt hatte. Gemeinsam mit ihrem Modeteam kaufte sie sich für 200 Euro im Supermarkt ein paar Utensilien wie Kochplatte und Mixer, richtete sich damit ein kleines Labor in ihrer Firmenküche ein und experimentierte ein dreiviertel Jahr mit verschiedenen Rezepturen. 2011 holte sie sich schließlich Unterstützung beim Faserinstitut Bremen, und so reifte allmählich ihr neues Verfahren heran, das sie inzwischen zum Patent angemeldet hat.

Für 5,5 Millionen Euro - finanziert durch Bankkredite, Privatinvestoren und öffentliche Fördergelder - baute sie in Hannover die Firma QMilch auf, mit mittlerweile 20 Beschäftigten in einer 3000 Quadratmeter großen Produktionshalle. Domaske: „Das Herzstück ist unsere Faserspinnanlage“. Sie kann bis zu 100 Kilogramm pro Stunde produzieren. „Wir sind noch in der Optimierungsphase und stellen alles genau ein, damit die Qualität immer gleich bleibt.“ Anfang kommenden Jahres, so hofft sie, „sind wir dann richtig in der Produktion“.

Was dabei herauskommt, kann man sogar essen. „Es schmeckt halt neutral. Aber man sollte es doch lieber anziehen“, findet Domaske.

Wenn das Milchkleid irgendwann mal unansehnlich geworden ist, lässt es sich ganz einfach entsorgen: Wer es nicht verspeisen will, versenkt es in der Biotonne.