Interview Frank Dieter Stolt „Herr Stolt, wie erkennt man eine Brandstiftung?“

Von Sven Kienscherf


Osnabrück. Wie ermittelt man an einem Brandort? Woran erkennt man Brandstiftung? Frank Dieter Stolt arbeitet als Brandsachverständiger für Ermittlungsbehörden und Versicherer und schult Polizisten in Deutschland und Luxemburg.

Herr Stolt, was sind die häufigsten Brandursachen?

Der häufigste Brandverursacher ist immer noch der Mensch. Entweder durch unachtsame Handlungen, durch nicht korrekte Ausführung von Arbeiten, aber auch durch vorsätzliche Brandstiftung.

Wie viel Brände im Jahr werden vorsätzlich gelegt?

Wir haben in Deutschland keine Statistik mit soliden Daten. Zwar führen Polizei, Feuerwehr und Versicherer jeweils ihre eigenen Statistiken, es gibt aber keine einheitlichen Kriterien.

Wird bei jedem Brand ein externer Brandgutachter hinzugezogen, oder liegt das im Ermessen der Staatsanwaltschaft?

Das ist Sache der Staatsanwaltschaft und ist von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. Es gibt Bundesländer, wo bis 50.000 Euro Schaden sogar die Schutzpolizei die Brandsachen bearbeitet. Da kommt noch nicht einmal die Kriminalpolizei. Erst ab einer bestimmten Schadenssumme oder bei Personenschaden wird überhaupt ein Sachverständiger hinzugezogen. In Niedersachsen ermittelt die Polizei meistens selbst.

Die Polizei hat Brandermittler, Sie selbst sind Brandsachverständiger. Was ist der Unterschied?

Brandsachverständige sind spezialisierter ausgebildet. Die Brände werden immer komplizierter. Das hängt mit den modernen Kunststoffen zusammen, das hängt aber auch mit der modernen Bauweise zusammen. Früher ist Holz abgebrannt, da war der Aufwand beim Ermitteln überschaubar. Das ist bei sehr komplexen Bränden nicht mehr so einfach. Das ist nicht die Schuld der Beamten, aber die Ausbildung bei der Polizei kann nicht so speziell und umfangreich sein.

Wie schwer ist es, eine mutwillige Brandstiftung zu unterscheiden von einer fahrlässigen Brandstiftung oder von einem technischen Defekt?

Zwei Dinge muss man unterscheiden. Das eine ist das Aufklären der Brandursache. In über 90 Prozent der Fälle lässt sich feststellen, ob es mutwillige oder fahrlässige Brandstiftung oder eben nur ein technischer Defekt war. Aber Sie müssen Brandstiftung juristisch einer Person nachweisen können. Und da haben wir ein Problem. Das ist oft nicht einfach. Ich weiß zwar, es war Brandstiftung, aber ich weiß nicht, wer das Feuer gelegt hat.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich hatte mal einen Fall, da ging es um vorsätzliche Brandstiftung. Zwei Personen waren zufällig in einem sehr engen zeitlichen Abstand am Tatort. Beide waren Serienbrandstifter, die sich aber nicht kannten. Und das Problem war: Sie können nicht beide anklagen. Sie wissen zwar, dass einer von beiden der Täter war, bestraft werden kann aber nur einer. Ich konnte mit wissenschaftlichen Methoden den wahren Täter für das Gericht ermitteln. Er wurde verurteilt.

Wie erkennt man eine Brandstiftung?

Zunächst sucht man am Tatort die Stelle, wo der Brand ausgebrochen ist. Dort sucht man die Zündquelle. Und wenn man keine findet - wie zum Beispiel verschmorte Kabel - dann kommt noch Selbstentzündung, Blitzschlag oder Erdbeben infrage. Wir arbeiten nach dem Ausschlussprinzip: Wenn man das alles ausschließen kann, kommt nur menschliches Handeln oder Unterlassen in Betracht. Beides sind Straftatbestände.

Sagt Ihnen manchmal schon Ihr Bauchgefühl, wenn an einem Brandort etwas nicht stimmt?

Sicherlich hat man auch ein Bauchgefühl, wenn man das viele Jahre lang macht. Aber eine Brandermittlung ist immer ein Puzzle mit zehntausend Teilchen und die haben alle die gleiche Farbe. Und erst wenn alle zehntausend Teilchen da liegen, wo sie hingehören, und keine mehr übrig geblieben sind, weiß ich, wie es wirklich zugegangen ist. Das kann manchmal ein Jahr dauern. Journalisten fragen nach einem Brand ja immer direkt nach der Ursache. Man muss sich als Brandgutachter hüten, zu voreilig Schlüsse zu ziehen. Dann braucht man nämlich nicht zu ermitteln, sondern kann direkt in eine Glaskugel gucken.

Welche Brände sind besonders schwer zu ermitteln?

Das sind die Brände, wo nachher nichts mehr da ist: Alles ist abgebrannt, oder die Feuerwehr hat bei den Lösch- und Rettungsarbeiten alle Spuren kaputt gemacht. Dann habe ich ein großes Problem. Man kann schon noch was machen, aber das ist die ganz, ganz hohe Schule.

Lagen Sie mit dem Ergebnis ihrer Ermittlungen auch schon mal falsch?

Natürlich mache ich auch Fehler, und durch die Fehler lerne ich dann. Das Problem ist nicht, dass man Fehler macht, man muss sie aber eingestehen und sich korrigieren.

Wann passieren denn Fehler?

Die größte Gefahr ist, dass man zu schnell meint, man wüsste, wie es gelaufen ist. Oder das man um jeden Preis meint, man müsste einen Fall aufklären. Manchmal geht das aber nicht.

Sind Sie selbst von Feuer fasziniert?

Nö. Ich werde immer wieder von Freunden angesprochen: Hast du die Nachrichten gehört? Da und da hat es einen Riesenbrand gegeben. Ich sage immer, das interessiert mich so wie die Wasserstandsmeldung vom Oberrhein. Mich können Sie mit Feuer jagen.