Dunkelgelb, braun oder doch rot? Warum sind manche Menschen farbenblind?

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Die Rot-Grün-Schwäche ist vor allem unter Männern verbreitet. Foto: dpaDie Rot-Grün-Schwäche ist vor allem unter Männern verbreitet. Foto: dpa

Osnabrück. Viele Männer haben das Problem, Rot und Grün nicht richtig auseinanderhalten zu können, Frauen sind nur verhältnismäßig selten betroffen. Doch woran liegt das, und wie wird man eigentlich farbenblind?

„Farbenblindheit ist ein zu schwerwiegender Begriff. Dass jemand gar keine Farben sehen kann, ist äußerst selten. Das betrifft nur einen von 50000 Menschen und ist mit starker Blendung und einer auf zehn Prozent herabgesetzten Sehschärfe verknüpft“, erklärt Prof. Dr. Hermann Krastel von der Universitätsaugenklinik in Mannheim. Die sogenannten Rot-Grün-Störungen gebe es dagegen viel häufiger: Etwa acht Prozent der Männer und 0,4 Prozent aller Frauen seien davon betroffen. „Das liegt daran, dass die Geninformationen für Farbsehen auf dem x-Chromosom liegen“, so der Mediziner. Da Frauen über zwei x-Chromosomen verfügen und damit über die betreffenden Gene in doppelter Ausführung, sei die Wahrscheinlichkeit bei ihnen viel geringer, eine Farbensinnstörung zu haben. Männer besitzen nur ein x-Chromosom. Wenn dieses eine genetische Fehlfarbeninformation trage, sei derjenige auch von einer Farbsinnstörung betroffen, so Krastel. Betroffene hätten allerdings meist eine normale Sehschärfe.

Das menschliche Auge sieht laut Krastel mit Sinneszellen, den sogenannten Stäbchen und Zapfen: „Mit den fünf Millionen Zapfen sehen wir am Tag, mit 120 Millionen Stäbchen in der Nacht.“ Es gebe drei Typen von Zapfen: einen Typ für lang-, einen für mittel- und einen für kurzwelliges Licht. Die Verrechnung der Signale aus den drei Zapfen in Auge und Gehirn führe in einem mehrstufigen Prozess zur Wahrnehmung der vier Farben Rot, Grün, Gelb und Blau.

„Bei angeborenen Rotgrünsinn-Defekten tragen entweder die lang- oder die mittelwellig empfindenden Zapfen einen schwächeren Sehstoff, oder ein Zapfentyp fehlt sogar ganz“, erklärt Krastel. „Fehlen die Zapfen für langwelliges Licht oder tragen sie den schwächeren Sehstoff, leidet der Betroffene unter einem sogenannten Protan-Farbdefekt.“ Rot und Grün könnten schlechter von Gelb unterschieden werden, und Rot erleide einen Helligkeitsverlust. Rot werde dann als dunkelgelb oder sogar braun wahrgenommen, wenn die entsprechenden Zapfen fehlten. Insgesamt wirkten für sie rote Farben weniger oder nicht rot, schwächer und dunkler.

In diesem Fall würden die Farben nicht nur abweichend gesehen, sondern rote Objekte würden auch im Gesichtsfeld geringer wahrgenommen. Das Gesichtsfeld für Weiß sei aber normal. Für Rot sei es in unterschiedlichem Ausmaß eingeschränkt: „Es ist verständlich, dass Menschen mit Protan-Farbdefekt ab einem bestimmten Ausmaß der Störung nicht in der Personenbeförderung tätig sein dürfen, weder als Taxi- noch als Busfahrer“, erklärt Krastel.

Seien dagegen die mittelwelligen Zapfen gestört, handele es sich um eine Grünschwäche, eine sogenannte Deuteranomalie, die häufigste der angeborenen Rotgrünsinn-Störungen. Betroffene könnten laut Krastel die Farben Rot, Gelb, Grün und eventuell Grau nicht so gut voneinander unterscheiden, oder deren Wahrnehmung sei verändert. Es gebe aber keinen Helligkeitsverlust wie bei der Rotschwäche.

Eine Farbsehstörung falle dem Betroffenen selbst wenig auf, denn er habe ja seit Geburt nie eine andere Seherfahrung gemacht. Oft würden Farbsinnstörungen erst kurz vor der Einschulung festgestellt, oder erst bei den Eignungstests für Berufe, bei denen der Mitarbeiter farbtüchtig sein muss: Polizisten, Piloten, Lokführer und Förster etwa seien darauf angewiesen, Farben richtig zu erkennen. Aus nachvollziehbaren Gründen: „Ein Polizist könnte zum Beispiel eine falsche Täterbeschreibung durchgeben und ein Förster die kranken Bäume im Wald nicht erkennen“, gibt der Professor zu bedenken.

Eine Korrektur von Rotgrünsinn-Störungen mit Farbfiltern gelinge leider nicht, denn das Auge versuche, die Filterwirkung auszugleichen – so würden nur andere Farbverwechslungen unterlaufen als ohne Filter. Allerdings sieht Krastel auch Hoffnung: „Zumindest für die so seltenen, schwer betroffenen Patienten mit totaler Farbenblindheit gibt es ein Stück Hoffnung. Das fehlerhafte Gen sei gefunden und auch die Fehlfunktion, die es bewirkt. Eventuell ergibt sich für diese – sehr kleine – Patientengruppe in Zukunft eine Behandlungschance.“


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