Bildhauer mit Nadel und Faden Living -Dolls wollen Besucher in der Kulturnacht umgarnen

Von Waltraud Messmann


Osnabrück. Im Jahr 2005 beschloss die Amerikanerin Magda Sayeg, Farbe in das Grau ihrer texanischen Heimatstadt Houston zu bringen. Sie begann, Türklinken mit bunten Handarbeiten zu verschönern. Die „Urban Knitting“ oder auch „Guerilla Knitting“ genannte Straßenkunst war geboren. Und die Masche zieht auch heute noch: Überall auf der Welt hinterlassen die modernen Vertreter alter Handwerkskunst ihre wolligen Spuren im öffentlichen Raum.

Von New York über Berlin bis nach Tokio – die auch Garnbomben (Yarnbombs) genannten Farbtupfer sind inzwischen ein fester Bestandteil der Straßenkunst: In Deutschland tauchten die ersten Arbeiten im Jahre 2010 in Frankfurt und in Berlin-Charlottenburg auf. Die Guerilla Knitter bestrickten Parkuhren, Telefonhäuschen, Bäume, Wasserleitungen und Denkmäler. Einige schreckten sogar vor Bussen und Brücken nicht zurück.

Die Arbeiten werden auch als Knit-Graffiti bezeichnet. Statt gesprayt und gepinselt wird eben gestrickt und gehäkelt. Und ähnlich wie die herkömmlichen Graffiti an Häuserwänden sind Urban Knittings manchmal auch politisch motiviert. So umstrickten Gegnerinnen des Bahnprojekts Stuttgart 21 den Bauzaun nach dem Abriss des Nordflügels. Und Gegner der Atomkraft protestierten mit handgearbeiteten Mahnmalen gegen Kastortransporte.

Den meisten Strick-Aktivisten geht es vor allem darum, die Passanten durch ihre Straßenkunst zu irritieren, aufzurütteln und zum Nachdenken zu bringen. Die bunten Strickwerke sind dann oft eine Demonstration gegen die zunehmend industrialisierte und von Massenfertigung geprägte Welt. Und manchmal sollen Knit-Graffiti auch dazu dienen, das traditionelle Bild der Frau zu hinterfragen.

Allen Guerilla-Knittern gemeinsam ist die Kreativität, mit der sie ihr Handwerk ausüben. Das gilt auch für die Mitglieder der Maschengilde Osnabrück. „Sich trauen, etwas wagen, Fantasien und Ideen neu und kreativ umsetzen – mit welchen Materialien auch immer!“ lautet ihr Motto. Mit ihrem neuesten Projekt möchte die Gruppe die Strickkunst im wahrsten Sinne des Wortes mit Leben füllen: Statt an bunten Graffiti zur Zierde von Laternenmasten oder Straßenschildern arbeiten sie an gehäkelten und gestrickten All-over-Kostümen, in die sie sich selbst einhüllen.

„Wir sehen uns gerne als Bildhauer mit Nadel und Faden“, erklärt Designerin Ute Krugmann das Selbstverständnis der Gruppe, die im „Freestyle“ und nicht nach vorgegebenen Mustern handarbeitet. Als lebendige Skulpturen werden sie sich erstmals am Samstag im Rahmen der Kulturnacht in Osnabrück präsentieren und die Besucher umgarnen.

„Unser puppenhaft theatralisches Auftreten soll als Blickfang wirken und zu anregenden Diskussionen mit dem Publikum führen“, erläutert die Designerin Ute Krugmann die Absicht hinter dem Konzept der „Living Dolls“, das die Gruppe gemeinsam erarbeitet hat. In jedes der aufwendigen Kostüme haben die Mitglieder der Maschengilde circa 100 bis 150 Arbeitsstunden investiert. So hat Ingrid Görtz für die gefiederte Hülle ihres „Blauen Vogels“ zunächst 24 Meter bunte Stoffreste in mühevoller Handarbeit in kleine Streifen schneiden müssen, bevor sie sie verstricken konnte.

Herausgekommen sind fast plastische Arbeiten, die die Gruppe nun erstmals präsentieren wird: So werden zwei in Strick gehüllte Doubles der Jacob-Sisters Autogramme an die Besucher der Kulturnacht verteilen. Eine maskierte „Walküre“ will sich am hohen C versuchen. Und als „Modepuppe“ wird sich Ute Krugmann mit ausladendem Reifrock den Weg durch die Besuchermenge bahnen. Eine andere „Living Doll“ trägt filigrane Häkelkunstwerke auf dem Kopf, mit denen sie Träume einfangen will. Und „Ancient Love“ hat sich von Kopf bis Fuß in traditionelle Handarbeiten gehüllt.

Für ein wenig Sommerfeeling im Vorherbst wird die Sonnenblume sorgen. Und mit Bürste, Schrubber und Schwamm bewaffnet, will die „Putzfee“ den Gästen der Kulturnacht Beine machen. Für die gibt es auch Geschenke: So zaubert die „Blumenfrau“ gehäkelte Blüten aus ihrem bunten Hut hervor, und der „Eiermann“ hält in seinem Täschchen handgearbeitete Spiegeleier als Souvenir bereit. Das Konzept der „Living Dolls“ dient aber nicht nur der Kommunikation, es hat auch noch einen anderen großen Vorteil: Die normalen Strick-Graffiti an Flächen im öffentlichen Raum sind oft nur von kurzer Lebensdauer: Ein Griff genügt, und sie liegen zum Wollknäuel aufgerippelt am Boden. Mit den All-over-Kostümen, die die Strickkünstlerinnen am eigenen Leibe tragen, kann das so leicht nicht passieren.


Die Maschen-Gilde Osnabrück ist eine Gruppe maschenbegeisterter Frauen, die seit 2011 besteht. Mit dem 1. Projekt 2011 hat sie die Osnabrücker Altstadt während der Kulturnacht mit Strick-Graffiti bezaubert.Seitdem findet die Maschen-Gilde immer wieder neue Themen für ihre Maschen-Kunst. Besucher der Kulturnacht önnen in den Altstädter Bücherstuben einen „Ewigen Strickkalender“ mit Abbildungen der Kostüme erwerben.

Eine Auswahl ihrer Arbeiten aus den letzten drei Jahren stellt die Maschen-Gilde unter dem Titel „Kuriose Maschen“ vom 19.09. -05.10. auch in der Alten Mädchenschule Ostercappeln aus.

Öffnungszeiten: Di-So 15-17 Uhr

Internetadressen: maschengilde@gmx.net bzw. info@ute-krugmann.de