Zahnpflege bei Kindern Wie pflege ich die Zähne meines Kindes richtig?

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Osnabrück. Die auf Kinder spezialisierte Zahnärztin Christina Hüsemann erzählt im Interview über die Wandlungen der Zahnpflege, den richtigen Einsatz von Fluorid und den Vorbildcharakter der Eltern, denn die „sind für die Gesundheit der Zähne ihrer Kleinen verantwortlich.“

Christina Hüsemann ist Doktor der Zahnmedizin und hat ein spezielles Curriculum im Bereich der Kinderzahnheilkunde absolviert. Sie praktiziert in Osnabrück und ist Mutter eines Kindes.

Frau Hüsemann, mein erster Zahnarztbesuch mit sechs Jahren war traumatisch: Es wurde gebohrt, geplombt und geschimpft. Heutzutage ist das anders, oder?

Ja. Kinderzahnheilkunde war früher eher ein Randbereich. Doch in den vergangenen Jahren ist die Mundgesundheit für Kinder immer mehr in den Vordergrund gerückt.

Wie äußert sich das?

Im Prinzip beginnt man heute bereits mit der Aufklärung und Prophylaxeberatung der Schwangeren. Das bedeutet, dass regelmäßig Zahnreinigungen stattfinden, über Mundgesundheit und Ernährung aufgeklärt wird und Karies und Parodontitis behandelt werden. Letzteres kann im schlimmsten Fall nämlich zu einer Frühgeburt führen.

Wie geht es dann nach der Geburt weiter?

Die Eltern können noch vor dem Durchbruch des ersten Zahns das Zahnfleisch des Kindes ein bisschen massieren, damit das Kind die Routine kennen lernt. Da gibt es verschiedene Hilfsmittel wie Fingerbürstchen, ein Fingerling oder ein weiches Schwämmchen.

Wie wichtig ist Flourid für Kinderzähne?

Sehr. Besonders der Kontakt am Zahn ist wichtig, damit sich eine Deckschicht bilden kann, die vor Karies schützt und den Zahn säureresistenter macht.

Daher auch die Kombination Vitamin D /Fluoridtabletten, die viele Babys verschrieben bekommen?

Genau. Jedoch ist es wichtig, dass diese sich im Mund auflösen und nicht sofort runtergeschluckt werden. Bekommt das Baby diese Tabletten, sollte die Zahnpasta kein Fluorid enthalten, denn mehr ist nicht unbedingt besser; zu viel Fluorid kann später an den bleibenden Zähnen zu Verfärbungen/Flecken führen. Eltern, die keine Fluoridtabletten für ihr Baby wollen, rate ich zu flouridhaltiger Zahnpasta. Anfangs sollte diese nicht mehr als 500 ppm (Parts per Million) Fluorid enthalten. Ab dem ersten Zahn sollte einmal am Tag damit geputzt werden, vorzugsweise abends, ab dem zweiten Lebensjahr dann zweimal täglich. Ich bevorzuge die fluoridierte Zahnpasta, da so sicher gestellt ist, dass das Fluorid auch in den Kontakt mit den Milchzähnen kommt.

Wieviel Zahnpasta sollte auf die Bürste?

Bis zum zweiten Lebensjahr nur sehr wenig, ab dem zweiten Lebensjahr ungefähr eine erbsengroße Menge. Ab ca. dem sechsten Jahr kann etwas mehr Paste und eine höher dosierte Zahnpasta genommen werden, mit 1000 bis 1500 ppm Fluorid. Dann kann man auch damit anfangen, Zahnseide - die kann allerdings auch schon vorsichtig im Milchgebiss angewendet werden - und andere Hilfsmittel wie Mundduschen (z.B. wenn kieferorthopädische Geräte getragen werden) in den Putzvorgang zu integrieren.

Sollte man Kinder selber putzen lassen?

Erst, wenn sie schreiben können, also im Schulalter, sind die Kinder in der Regel in der Lage, ihre Zähne gründlich zu reinigen. Dann können sie motorisch auch die Schwingbewegung ausführen. Davor sollte man sie aber ruhig schon alleine putzen lassen, wenn Mama oder Papa noch einmal nachputzen.

Das klingt alles schön und gut, aber wie bekomme ich mein Kind zum Putzen?

Man kann das Kind beispielsweise über den Schoß auf den Rücken zu legen und so versuchen, es spielerisch heranzuführen. Und dann die Zähne mindestens zwei Minuten lang putzen. Das ist zugegeben nicht immer leicht (lacht). Es funktioniert aber besser, wenn die Kinder es von Anfang an als spielerisches Tagesritual kennenlernen.

Wann sollte ein Kind zum ersten Mal zum Zahnarzt?

Der erste Praxisbesuch kann bereits stattfinden, wenn der erste Milchzahn durchgebrochen ist. Dieser erste Termin dreht sich in der Regel nur ums Kennenlernen, denn in der Praxis riecht es meist für die Kinder komisch und hier sieht alles ein bisschen anders aus. Doch die Angst kommt trotzdem noch vor. Daran sollten Arzt und Eltern auch nicht verzweifeln, denn die Kinder haben ja schon andere Ärzteerfahrungen gemacht. Meistens bei Impfungen - und das sind keine schönen Erlebnisse.

Wie nehmen Sie den Kindern die Angst?

Zum einen bieten wir eine feste Kindersprechstunde an. An dem Nachmittag können wir uns dann extra Zeit nehmen. Das Kind ist das Wichtigste, daher gehe ich zunächst auf die Augenhöhe des Kindes runter und begrüße es persönlich. Ideal ist es, wenn Mama oder Papa mitkommen. Ich schaue dann zuerst bei diesen in den Mund, nehme dafür „Zauberstab“, und/oder eine Handpuppe zu Hilfe.

Was ist denn der „Zauberstab“ ?

Wir versuchen dem Kind spielerisch zu erklären, wie wir Zähne kontrollieren. Beispielsweise hält es einen richtigen „Zauberstab“, um diesen bei notwendigen Pausen oder Fragen zu heben. Das Kind sieht, dass nichts Schlimmes passiert und lässt sich dann zumeist auch in den Mund gucken. Ob es dafür auf dem Zahnarztstuhl oder auf dem Schoss von der Mama sitzt, ist egal. Ich sage auch nicht: „Ich muss mir das jetzt unbedingt mal anschauen“, sondern „Wir wollen mal Zähne zählen, hast du die denn mitgebracht?“ Alles geschieht möglichst entspannt. Danach sollte das Kind zweimal jährlich zur Vorsorgeuntersuchung kommen. So ist bereits eine Vertrauensbasis aufgebaut, wenn die ersten Prophylaxemaßnahmen wie Zahnreinigungen, Versiegelungen oder Behandlungen anstehen.

Und was tun Sie, wenn es zu spät ist und das kleine Kind bereits Karies hat?

Ich versuche, ihm den Eingriff zu erklären, auch wieder mit Begriffen wie „Kitzeldings“ für den Bohrer oder „Zauberlampe“ für das Polymerisationsgerät. Wenn nichts mehr hilft, kann leider eine Vollnarkose notwendig werden. Das ist schade, denn es wäre zu verhindern gewesen. Die Eltern sind für die Gesundheit der Zähne ihrer Kleinen verantwortlich.

Was können Eltern und Kinder tun, damit die Zähne gesund bleiben?

Es ist eigentlich gar nicht so schwierig: Gesunde, zahnfreundliche Ernährung, gute Mundhygiene, Fluoridierung, zweimal im Jahr zum Zahnarzt und niemals den Vorbildcharakter vergessen. Denn wenn Mama und Papa Cola trinken oder Süßes essen, dann möchten die Kleinen das irgendwann auch.

Gehen Eltern heute anders mit der Zahnhygiene um als noch vor zwanzig Jahren?

Auf jeden Fall. Den früher typischen Spruch „Die fallen ja sowieso raus“ über Milchzähne höre ich nur noch selten. Das ist auch gut so, denn er ist so nicht richtig: Die Milchzähne sind nicht nur zum Kauen wichtig, sondern auch für die Sprachentwicklung. Mit kaputten oder ohne Zähne lispeln manche Kinder. Nicht vergessen werden dürfen auch Hänseleien, die Kinder mit schlechten Zähnen erleiden können.

Sind kariöse Milchzähne eine Gefahr für die bleibenden?

In gewisser Weise schon, denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ein Zahn, der in einer kariösen Mundhöhle aufwächst, auch Karies bekommt. Zudem kann das Durchbrechen durch eine chronisch entzündete und eitrige Mundhöhle Formveränderungen am bleibenden Zahn verursachen.

Welche Karies kommt bei kleinen Kindern am häufigsten vor?

Oft ist es die sogenannte Flaschenkaries, die sich entwickelt, wenn Kinder Säfte in die Flasche bekommen und permanenten Zugang dazu haben, besonders wenn sie die Flasche nachts mit ins Bett bekommen. Aber auch Schorlen und mit Zucker gesüßter Tee oder Limonade sind Gift für den Zahnschmelz. Wenn ständig Fruchtsäure und Zucker an den Zahn kommen, können Sie fast bei zusehen, wie die Zähne kariös werden.

Dürfen die Kinder abends im Bett noch etwas trinken?

Nach dem Zähneputzen sollten sie höchstens noch Wasser trinken. Selbst Milch enthält Milchzucker und nachts, wenn der Speichelfluss vermindert ist, kann der die Zähne angreifen.

Seit einigen Jahren werden Zähne bei Kindern versiegelt. Hilft das gegen Karies?

Es gibt die sogenannte Fissuren-Versiegelung an den bleibenden Backenzähnen, dabei werden die tiefen und schlecht zu reinigenden Furchen auf den bleibenden Backenzähnen mit flüssigem Kunststoff versiegelt. Das erleichtert das Putzen, ist aber nur möglich bei kariesfreien Zähnen. Ansonsten könnte die Karies unter der Schicht weiter den Zahn zerstören.

Wie effektiv ist Fluorid-Lack?

Fluorid-Lack, der auf die bleibenden Zähne aufgetragen wird, ist sehr gut, da er besonders bei erhöhtem Karies-Risiko den Zahnschmelz stärkt. Allerdings ist er nicht dauerhaft haltbar und muss je nach Kariesrisiko mehrmals appliziert werden.

Welche Hilfsmittel sind neben Zahnpasta und –bürste sinnvoll?

Elektrische Zahnbürsten eignen sich meist erst für Kinder, die in die Schule kommen. Spüllösungen sollten kleine Kinder auf keinen Fall nehmen, da sie sie oft runterschlucken. Ich bin auch kein Fan von Kinderzahnpasta, die nach Erdbeeren oder anderen süßen Früchten schmeckt, denn auch hier neigen Kinder vermehrt zum Runterschlucken. Mundduschen hingegen sind sinnvoll für Kinder mit kieferorthopädischen Geräten im Mund, jedoch nie als alleinige Maßnahme.

Ohne regelmäßiges Bürsten wird es also nie gehen?

Ja. Genauso wichtig ist aber auch die Ernährung, denn so banal es klingt: Alles, was Zucker enthält, ist nicht gut für die Zähne.

Einem Kind Süßigkeiten zu verbieten ist aber nicht einfach…

… sondern sehr schwierig, ja. Doch es gibt Hilfsmöglichkeiten. Beispielsweise Bonbons anbieten, die mit einem „Zahnmännchen“ versehen sind. Sie enthalten den Zuckeraustauschstoff Xylit, und der ist Karies hemmend. Und alles was süß und klebrig ist, ist natürlich gefährlicher als das, was schnell gegessen ist und dabei Speichel erzeugt.

Gefährlich ist für die Zähne übrigens nicht nur die Menge an Zucker, die man zu sich nimmt, sondern vielmehr die Frequenz: je häufiger und länger die Zähne angegriffen werden, desto weniger haben sie eine Chance, sich zu remineralisieren.

Für die Zähne sind wenige große Mahlzeiten also besser als viele kleine.

Stimmt. Auch wenn sich hier Ernährungsberater und Zahnärzte manchmal in die Quere kommen.

Merken Sie, dass die Zahnprophylaxe von heute Früchte trägt?

Auf jeden Fall. In der Generation nach uns haben viele ganz tolle Zähne. Das liegt zum einen an der Aufklärung, Pflege und Prophylaxe, aber auch am Stellenwert, den Zähne heute haben. Für Jugendliche sind sie auch durch viele Beispiele aus Film und Fernsehen ein Schönheitsideal.

Bei vielen Stars ist aber nicht alles echt, was man da sieht – bei Stefan Raab sieht beispielsweise jeder, dass da nachgebessert wurde…

Das stimmt… (schmunzelt)


Weitere Tipps zum Zähneputzen

1. Der Zahnputzreim:

Hin und her, hin und her, Zähneputzen ist nicht schwer.

Rundherum, rundherum, Zähneputzen ist nicht dumm.

2. Die Zahnputz-App

Die App Ginger für Android und iOS Smartphones zeigt einen roten Kater, der schnurrt, wenn man ihn streichelt. So weit, so niedlich. Doch Ginger kann zudem jeden Tag und mit allem hygienischen Drum und Dran bettfertig gemacht werden - Zähneputzen inklusive. Und weil Kinder, die gerne ihre Zähne putzen, selten sind, sollten Eltern die App als Vorbildbeispiel einsetzen: Wenn Ginger die Zähne putzt, putzt das Kind auch

(cob)

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