Neue Form der Essstörung Orthorexie: Die Sucht nach gesundem Essen

Von Eva Voß

Orthorektiker essen ausschließlich gesunde Lebensmittel – und sie lassen keine Ausnahmen zu. Foto: ImagoOrthorektiker essen ausschließlich gesunde Lebensmittel – und sie lassen keine Ausnahmen zu. Foto: Imago

Osnabrück. Pizza, Pasta, Currywurst: Was für viele ein Genuss ist, lehnen Orthorektiker strikt ab. Diese Menschen sind darauf bedacht, sich ausschließlich gesund zu ernähren. Das hört sich zunächst nach einer löblichen Einstellung an, kann aber krankhafte Züge annehmen.

Das Wort „Orthorexie“ setzt sich aus den griechischen Wörtern orthos für „richtig“ und orexie für „Appetit“ zusammen. Zum ersten Mal beschrieben hat die Sucht nach gesunden Lebensmitteln der US-amerikanische Arzt Steven Bratman 1997. Nach eigenen Angaben litt er sogar selbst unter dem Zwang, sich stets richtig und gesund zu ernähren, und mied Lebensmittel, die er für ungesund hielt.

Warum das zum Problem werden kann, erklärt Professor Reinhard Pietrowsky vom Institut für Experimentelle Psychologie an der Universität Düsseldorf: „Normal und gesund zu essen heißt, es sollte möglichst vielfältig und ausgewogen sein. Über die Stränge zu schlagen und mal eine Ausnahme zuzulassen, ist aber auch erlaubt. Bei der Orthorexie ist das nicht möglich. Die Betroffenen lassen keine Ausnahmen zu.“ Darüber hinaus gebe es bei Orthorektikern die Tendenz, immer strenger zu werden im Hinblick auf die erlaubten Lebensmittel. „Es fängt häufig damit an, dass die Betroffenen nur noch biologisch angebaute und hochwertige Nahrungsmittel essen. Es geht dann aber ähnlich wie bei einer Zwangserkrankung weiter. Das rigide Essen nimmt immer stärkere Ausmaße an. Irgendwann wird etwa nur noch gegessen, was vor zehn Minuten aus dem eigenen Garten geerntet wurde“, erklärt Pietrowsky. Immer mehr Lebensmittel würden gemieden, weil sie den immer höher werdenden Qualitätsansprüchen nicht mehr genügten.

Persönliche Kontakte

Ein weiteres Problem sei, dass irgendwann auch die persönlichen Kontakte betroffen seien, so der Psychologe: „Diese Menschen nehmen oft keine Einladungen mehr an, weil sie denken, dass dort nicht nach ihren Ansprüchen gekocht wird. Sie gehen aus diesem Grund auch nicht mehr auswärts essen.“ Sie würden sich zunehmend zurückziehen und keine Einsicht in ihr Verhalten zeigen. Vielmehr glaubten sie, dass alle anderen sich falsch ernährten und sie die Einzigen seien, die alles richtig machten.

In besonders schlimmen Fällen könne es bei den Betroffenen sogar zu körperlichen Schädigungen kommen. Denn obwohl sie versuchten, alles richtig zu machen, würden sie mit der Zeit so viele vermeintlich ungesunde Nahrungsmittel meiden, dass es zu einer Mangelernährung kommen könne.

Verursacht werde dieses Verhalten durch mehrere Gründe, die zusammenwirkten, meint Pietrowsky. Auffällig sei, dass die Betroffenen meist schon vorher ihr Essverhalten stark kontrolliert hätten, etwa weil sie eine Diät gemacht haben oder aufgrund von Unverträglichkeiten auf bestimmte Lebensmittel verzichten mussten. „Diese Kontrolle des Essens wird dann schleichend mehr und gerät außer Kontrolle. Die Betroffenen denken, dass sie sich zwar gesund ernähren, aber immer noch nicht genug tun.“ Verstärkt werden könne dies noch durch das vermehrte Auftreten von Lebensmittelskandalen: „Meist sind diese Menschen vorher sehr gesundheitsbewusst eingestellt, aber den letzten Anstoß zur Orthorexie geben dann häufig Lebensmittelskandale“, meint der Professor.

Eine anerkannte Krankheit ist die Orthorexie bisher nicht, obwohl sie sich wenig von anderen Essstörungen wie Magersucht und Ess-Brech-Sucht (Bulimie) unterscheidet. Auch hier seien die Betroffenen stark auf das Essen fixiert. Der Unterschied zur Magersucht sei nur, meint Pietrowsky, „dass es bei der Magersucht um die Menge der Nahrung geht. Bei der Orthorexie wird vor allem auf ihre Qualität geachtet.“ Der Psychologe glaubt, dass die Sucht nach gesundem Essen noch nicht anerkannt ist, weil dieses Phänomen relativ neu ist und es deshalb noch nicht so viele publizierte Fälle gibt.

Behandelt wird das problematische Verhalten wie auch andere Essstörungen , indem zunächst die Einsicht des Betroffenen geweckt wird: „Ihnen muss klar gemacht werden, dass ihre Ernährungsweise nicht mehr gesund, sondern schädlich ist.“ Wenn das erst einmal geschafft sei, könne man versuchen, das Essverhalten wieder flexibler zu gestalten, sodass hin und wieder Schokolade oder Pommes erlaubt sind.

Betroffen von Orthorexie sind, wie bei anderen Formen von Essstörungen auch, vor allem Mädchen und Frauen. Laut Pietrowsky sei das Verhältnis aber nicht so krass wie etwa bei Magersucht. Dort liege es bei zehn Frauen zu einem Mann, bei Orthorexie etwa vier bis fünf zu eins.

Mit einer Studie, für die die Düsseldorfer Forscher mehr als 2000 Menschen online befragt haben, wollten sie herausfinden, wie viele Frauen und Männer in Deutschland süchtig nach gesundem Essen sind.

Ergebnis: etwa ein Prozent. Das klingt nicht viel, doch Pietrowsky und sein Team glauben, dass es durch Lebensmittelskandale wie Dioxin in Eiern und Pferdefleisch in Lasagne bald mehr werden könnten.