Interview mit Rosa Maria Puca Vor- und Nachteile der Online-Nachhilfe: Ein Interview

Nachhilfe - klassisch oder online? Hauptsache individuell. Symbolfoto: dpaNachhilfe - klassisch oder online? Hauptsache individuell. Symbolfoto: dpa

Osnabrück. Das neue Schuljahr steht vor der Tür. Der Dreisatz, die Mendelschen Regeln und Goethe wollen bewältigt werden. Wer das nicht alleine tun möchte, der kann sich Hilfe holen - Nachhilfe. Immer beliebter wird dabei die Online-Variante. Dazu ein Interview mit Rosa Maria Puca, Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität Osnabrück.

Was halten Sie von Online-Nachhilfe?

Die Frage lässt sich so pauschal gar nicht beantworten. Es gibt viele verschiedene Arten von Online-Nachhilfe, die jeweils unterschiedliche Vor- und Nachteile haben. Die Nachhilfe, die der „klassischen“ Präsenznachhilfe am meisten ähnelt, ist die, bei der eine Lehrkraft per Video-Chat mit den Lernenden kommuniziert. Die Arbeitsblätter und Aufgaben werden auf dem Computer bearbeitet. Rückmeldungen und Erklärungen können durch die Lehrkraft per Chat oder Skype gegeben werden.

Dann gibt es Lernvideos, in denen Themengebiete anschaulich dargestellt werden. Das dient primär der Vermittlung von Fakten und der Wiederholung und Vertiefung von Lernstoff. Hier gibt es aber keine Interaktion, weder mit einer anderen Person noch mit dem Lernstoff. Das bedeutet, dass der Lernende nichts mit dem Lernstoff tut, sondern eher eine passiv-aufnehmende Rolle übernimmt. Das ist aus pädagogisch-psychologischer Sicht eher ungünstig. Trotzdem können solche Videos von Nutzen sein, eben wenn es zum Beispiel darum geht, reines Faktenwissen aufzunehmen. Das ist etwa so wie beim Frontalunterricht oder einer Vorlesung.

Es gibt aber auch Angebote, bei denen die Kinder und Jugendlichen aktiv am Lernprozess beteiligt sind. Das ist zum Beispiel bei interaktiven Lernprogrammen der Fall, die man online nutzen kann oder teilweise auch lokal auf dem PC, Tablet oder Smartphone. Hier ist der Lernstoff in der Regel in kleine Einheiten unterteilt und Lernende haben oft viel Freiraum. Sie können bestimmte Themen selbst wählen und das Tempo der Aufgabenbearbeitung selbst bestimmen. Den Lehreinheiten folgen Tests zur Überprüfung des Lernfortschritts, zu denen die Lernenden dann auch prompte Rückmeldung erhalten. Der Schwierigkeitsgrad der Aufgaben kann im Idealfall individuell an die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Schüler angepasst werden.

Ob Nachhilfe gut oder schlecht ist, kann man nicht daran beurteilen, ob sie online oder face-to-face erfolgt. Es kommt letztlich immer darauf an, wie gut die Nachhilfe den Bedürfnissen der Lernenden gerecht wird.

Wie finde ich die richtige Online-Nachhilfe für mein Kind? ››

Was sind die Vorteile bzw. Nachteile zur „klassischen“ Nachhilfe?

Als Vorteil könnte man sehen, dass der Lernende prinzipiell das Haus nicht verlassen muss. Das kann eine Entlastung für die Eltern sein, die ihn vielleicht sonst irgendwo hinfahren müssten und für den Lernenden, der dadurch Zeit gewinnt. Ob das allerdings von Vorteil für den klassischen Stubenhocker ist, der sowieso schon den größten Teil seiner Zeit am Computer verbringt, liegt sicher im Auge des Betrachters.

Damit ist auch schon ein Nachteil angesprochen. Bei der Art von Online-Nachhilfe, bei der es keinen Chat oder kein Skype gibt, fehlt die soziale Interaktion, die aber von wichtiger Bedeutung für das Lernen ist.

Ansonsten kann man auch hier nicht pauschal die Online-Nachhilfe mit der klassischen Nachhilfe vergleichen. Es kommt letztlich nicht darauf an, ob der Lernstoff durch eine Lehrperson oder durch ein Medium vermittelt wird. Es kommt vielmehr darauf an, wie der Lehrstoff vermittelt wird. Ich habe in diesem Zusammenhang mal einen sehr schönen Satz gehört. „Einen schlechten Lehrer kann man nicht durch einen Computer ersetzen, sondern nur durch einen guten Lehrer!

Wie sieht denn gute Nachhilfe aus?

Leider ist seriöse Forschung zu dem Thema eher rar. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass diese Art von Forschung sehr aufwändig ist, wenn sie wissenschaftlichen Standards genügen soll. Letztlich ist Nachhilfe gut, wenn sie die Motivation und die Lernstrategien sowie selbständiges Lernen fördert und damit auf lange Sicht auch die Leistung verbessert. Es gibt einige Studien, in denen Faktoren identifiziert wurden, die genau das bewirken.

Welche Faktoren sind das?

Wichtig ist zunächst mal die Qualität der Instruktion. Dabei geht es um die Frage, wie gut die Lehrperson erklären kann und ob sie didaktisch sinnvolle Mittel und Methoden einsetzt. Dazu gehört auch, dass sie das Vorwissen der Lernenden berücksichtigt und daran anknüpfen kann. Zu diesem Zweck muss man natürlich das Vorwissen der Lernenden kennen. Wenn etwas allerdings nicht gut und verständlich erklärt und das Vorwissen nicht berücksichtigt wird, ist letztlich auch egal, ob das eine Lehrperson oder ein Computerprogramm schlecht macht.

Nachhilfe ist auch dann gut, wenn sie Hilfe zur Selbsthilfe leistet, d.h. den Lernenden Lernstrategien vermittelt und sie zu selbständigem Lernen anregt. Interessanterweise ist es übrigens auch genau das, was sich die Schüler von Nachhilfe erhoffen. Das ist aber etwas anderes als Eltern möchten. Eltern erhoffen sich nämlich in erster Linie eine Leistungsverbesserung. Die Haltung der Kinder und Jugendlichen ist da also eine völlig andere aber eindeutig günstiger für den Lernerfolg als die Haltung ihrer Eltern.

Ein anderer Wirkfaktor, der für den Erfolg der Nachhilfe nicht zu vernachlässigen ist, ist die Motivierung. Individuelle Bezugsnormen bei der Leistungsbewertung und Strategierückmeldungen sind dabei wichtig. Nur, wenn man die Lernenden nicht dazu animiert, andere, sondern sich selbst zu übertreffen, kann man ihnen vermitteln, dass sie Fortschritte machen. Wenn jemand z.B. schwach in Mathe ist, kann es zwar sein, dass er dauerhaft unter dem Klassendurchschnitt liegt. Das heißt aber nicht, dass er nichts dazugelernt hat. Das sieht man nur im Selbstvergleich. Und was die Rückmeldung betrifft, so ist es erfolgversprechender, bei Misserfolg den Schüler/innen bessere Strategien aufzuzeigen, als nur zurückzumelden, dass ein Ergebnis falsch ist.

Bei der Frage, was guten Unterricht/ gute Nachhilfe ausmacht, ist ein wesentlicher Faktor, inwieweit der Unterricht der Individualität der einzelnen Person gerecht wird. Um das nochmal ganz klar zu sagen: Bei gutem Unterricht oder guter Nachhilfe spielt es zunächst mal keine Rolle, ob der Unterricht durch eine Person oder ein Medium erfolgt.

Wie wichtig ist die Face-to-Face-Situation beim Lernen?

Da sprechen Sie einen ganz wichtigen Aspekt an. Ich hatte das ja bei den Nachteilen vorhin schon kurz angedeutet. Bei den Online-Nachhilfeangeboten, bei denen keine persönliche Interaktion stattfindet, fehlt ein entscheidender Baustein des erfolgreichen Lernens. Es gibt jenseits der Nachhilfeforschung viele Studien, die zeigen, wie wichtig die soziale Interaktion zwischen Schülern, aber auch zwischen Schülern und Lehrern für den Lernerfolg ist. Ob ein Programm einem zurückmeldet, dass man etwas gut und richtig gemacht hat, oder ob eine Person dies tut, ist ein großer Unterschied.

Reden Sie mal mit erfahrenen Nachhilfelehrer/innen! Die werden Ihnen bestätigen können, dass zwar die „Bekämpfung“ von Wissenslücken und Verständnisschwierigkeiten im Fokus des Nachhilfeunterrichts stehen, es letztlich aber oft auch um die Bekämpfung von Selbstzweifeln und Unzulänglichkeitsgefühlen geht. Eine Unterstützung in diesem Sinne können Eltern in vielen Fällen nicht leisten. Gerade bei Schulschwierigkeiten kommt es oft zu Konflikten. Da ist eine erwachsene Person, zu der die Schüler eine Beziehung aufgebaut haben, und die von außen einen Blick auf die Situation werfen kann, von entscheidender Bedeutung. Ich sehe nicht, wie ein Online-Nachhilfeprogramm ohne Interaktionsmöglichkeiten das leisten könnte. Ich habe dafür jetzt keine verlässlichen Daten, aber ich würde mal vermuten, dass der direkte Face-to-Face Kontakt hier auch bessere Dienste leistet als ein Chat- oder Skype-Kontakt.

Manchmal sind aber offenbar auch Faktoren relevant, die in keiner wissenschaftlichen Studie Beachtung finden. Da ist es dann womöglich die einfühlsame Sekretärin einer Nachhilfeschule, die zur Ansprechpartnerin wird, bei der sich die Kinder oder Jugendlichen mit ihren Problemen „ausweinen“ können.

Wie wichtig ist der spielerische Aspekt/die Vielfalt beim Lernen?

Vielleicht macht Lernen mehr Spaß, wenn es diesen spielerischen Aspekt gibt. Aber der ist nicht nur dem Online-Lernen vorbehalten. Den kann man als gute Lehrkraft auch in die Nachhilfe einbauen, ohne viel Technik zu bemühen. Der springende Punkt ist aber, dass Spaß beim Lernen nicht unbedingt gute Lernergebnisse garantiert. Es gibt genügend Studien, bei denen man herausgefunden hat, dass Lernenden multimedial unterstütze Lerneinheiten besser gefallen, dass sie aber nicht unbedingt mehr dabei lernen. Um mal ein Beispiel zu nennen: In einer Studie hat man Lernenden einen Sachverhalt durch einen unterhaltsamen Film oder durch einen eher sachlichen Text zum gleichen Thema präsentiert und hinterher einen Wissenstest durchgeführt. Die Lernenden fanden den Film spannender und glaubten auch mehr gelernt zu haben. Das Ergebnis des Wissenstest hat aber eine ganz andere Sprache gesprochen. Er ist nämlich besser in derjenigen Gruppe ausgefallen, die den vermeintlich langweiligen Text gelesen hat, als in der Gruppe mit dem spannenden Film.

Das hängt vermutlich damit zusammen, dass multimediale Elemente auch vom eigentlichen Lerngegenstand ablenken können. Vor allem, wenn die Unterhaltung im Vordergrund steht, besteht die Gefahr, dass der Lernstoff weniger gründlich, sondern eher oberflächlich verarbeitet wird. Die Kunst besteht also darin, die Medien im Sinne des Lerngegenstands zu nutzen und damit gleichzeitig das Interesse der Lernenden zu wecken. Ein wichtiger Aspekt beim Lernen ist, dass die Lerner Kontrolle über den Lernprozess haben. Wenn z.B. ein Lehrvideo gezeigt wird und die Lerner nicht selbst eingreifen können, ist der Lerneffekt geringer, als wenn der Lerner z.B. bei einer interaktiven Lernsoftware selbst tätig werden kann. Insgesamt wird ein Sachverhalt umso besser gelernt, je mehr man sich aktiv damit auseinandersetzt.

Wenn man z.B. im Unterrichtsfach Deutsch Versmaße, also den Rhythmus der Sprache in Gedichten erklären will, kann es helfen, die Schüler momentan aktuelle Liedtexte analysieren und evtl. sogar mitsingen und den Rhythmus mitklatschen zu lassen. Das kann die Nachhilfelehrerin genauso tun, wie es in einem Lernprogramm verwirklicht werden kann.

Ist der Anreiz höher mit neuen Medien (Chat, Videos,…) zu lernen?

Es kommt darauf an, womit man das vergleicht. Wenn man Lernen mit neuen Medien mit einer langweiligen Nachhilfesituation vergleicht, bei der die Lehrkraft auch noch schlecht erklärt und wenig auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler eingeht, ja.

Heutzutage sind Kinder und Jugendliche sehr an den Umgang mit neuen Medien gewöhnt, da ist es schon nichts so Besonderes mehr, mit Videos oder Computerspielen zu lernen. Dass eine erwachsene Person sich für sie Zeit nimmt und auf ihre Bedürfnisse eingeht vielleicht aber schon.

Ist die Ablenkung im Internet größer?

Natürlich ist sie das. Das wissen wahrscheinlich alle, die am Computer arbeiten und das Internet im Hintergrund haben. Während man einen vielleicht unliebsamen Text bearbeitet, blinkt die Anzeige für den Posteingang der E-Mail oder ein Chatfenster poppt auf. Schon ist die Aufmerksamkeit abgelenkt. Und wenn man dann erstmal eine Internetseite aufgerufen hat, kann man sich auch schnell mal die neuesten lustigen Videos auf Youtube anschauen.

Aus der Unterrichtsforschung wissen wir, dass der Lernerfolg umso größer ist, je mehr der zur Verfügung stehenden Zeit effektiv für Lernen genutzt wird. Das gilt für jede Art von Unterricht, auch für die Online-Nachhilfe und für die klassische Nachhilfe. Ablenkungen, also Beschäftigung mit aufgabenfremden Inhalten sind deshalb zu vermeiden. Bei der Online-Nachhilfe brauchen die Lernenden bestimmte Selbststeuerungskompetenzen, die es ihnen ermöglichen, sich selbst vor Ablenkungen zu schützen. In der Präsenznachhilfe kann auch die Lehrkraft für die Vermeidung von Ablenkung sorgen. Das kann vor allem für lernschwache Schüler hilfreich sein, oder generell für solche, die schwach ausgeprägte Selbststeuerungskompetenzen haben.

Ist die Hemmschwelle geringer Online-Nachhilfe in Anspruch zu nehmen?

Darüber kann ich jetzt nur spekulieren, da mir keine Studien zu dem Thema bekannt sind und ich auch keine gefunden habe. Es gibt aber Studien, die zeigen, dass die Hemmschwelle bei Online-Beratung für Kinder und Jugendliche geringer ist als die Hemmschwelle Face-to-Face Beratung in Anspruch zu nehmen. Da geht es allerdings um die Beratung bei persönlichen Problemen (z.B. Ängste und Süchte) oder um Beratung bei familiären Problemen. Das kann man aber mit der Hemmschwelle für Online-Nachhilfe nicht wirklich vergleichen. Nachhilfe wird heute nicht unbedingt als etwas Peinliches empfunden, das man verheimlichen muss.

Eine kürzlich veröffentlichte Jugendstudie, die im Auftrag des Bertelsmann Verlags durchgeführte wurde, legt nahe, dass es gar nicht in erster Linie die lernschwachen oder versetzungsgefährdeten Schülerinnen und Schüler sind, die Nachhilfe in Anspruch nehmen. Etwa 40 Prozent der Nachhilfeschüler haben in den Kernfächern Mathematik, Deutsch und Englisch einen Notendurchschnitt von 1.5 bis 2.5, weitere 50 Prozent liegen zwischen 2.5 und 3.5. Nachhilfe dient heute offenbar eher der Notenverbesserung als wirklich dem Beheben von Defiziten.

Gibt es Studien, die Lernerfolge gegenüberstellen?

Es gibt sowieso recht wenig wissenschaftlich seriöse Forschung zur Wirkung von Nachhilfe. Solche Studien müssten längsschnittlich angelegt sein. Sie müssten also die Leistung der Nachhilfeschüler vor und nach einem Nachhilfeunterricht überprüfen, der über einen längeren Zeitraum durchgeführt wurde. Schließlich müsste die Leistung von Nachhilfeschülern mit der einer Kontrollgruppe verglichen werden, die keine Nachhilfe erhalten hat. Eine Leistungsverbesserung könnte ja auch einfach durch die verstrichene Zeit stattgefunden haben. Die Schüler haben sich vielleicht zwischen den beiden Zeitpunkten der Leistungserfassung in ihrer Persönlichkeit, Lernfähigkeit, Motivation usw. weiterentwickelt. Wenn man nun noch untersuchen wollte, ob sich klassische Nachhilfe und Online-Nachhilfe in ihrer Wirkung unterscheiden, wird es noch aufwändiger. Oft haben Nachhilfeschulen oder Nachhilfelehrer und Online-Portale völlig unterschiedliche Lehrkonzepte. Die Lehrkonzepte unterscheiden sich z.B. darin, welche interessanten und medienunterstützen Beispiele man verwendet, wieviel Rückmeldung man den Schülern gibt und wieviel Wertschätzung man ihnen ganz persönlich entgegenbringt.

Wenn man dann in einer Wirksamkeitsstudie tatsächlich einen Unterschied finden würde, könnte man nicht sagen, ob es am Lehrmedium (online-klassisch) oder am Unterrichtskonzept liegt.


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