Besser wissen .... „Public Viewing“ ist mehr als nur Leichenschau


ack/wie Osnabrück. Früher nannte man es „Besserwisserei.“ Inzwischen hat sich der fast noch plastischere Begriff „Klugscheißen“ für das identische Verhaltensmuster eingebürgert: Man profiliert sich, indem man sein Umfeld mit dem eigenen Wissen beglückt. Besonders viel Spaß macht das immer dann, wenn andere noch in den Weiten der Unwissenheit oder an den Riffen der Fehlinformationen herumschippern. Doch Obacht: Nicht immer ist das, was Klugscheißer zu wissen glauben, auch richtig. Und immer dann wird gnadenlos zurück, ge - äähm gebesserwußt.

In Medien und Mails macht derzeit wieder dieses besserwisserisch gefährliche Halbwissen die Runde: Weißt Du eigentlich, dass ,Public Viewing‘ im Englischen ,Leichenschau‘ bedeutet…?“ Oder: „Warum nimmt eigentlich niemand zur Kenntnis, dass „Public Viewing“ umgangssprachlich im Englischen, eine „öffentliche Leichenschau“ ist.“

Die Public Viewings in der Region

Ja, warum nur? Das Ergebnis unserer Recherche: Tatsächlich sprechen Amerikaner von einem „Public Viewing“, wenn ein meist prominenter Verstorbener aufgebahrt wird, damit die Öffentlichkeit von ihm Abschied nehmen kann. Auch das Online-Wörterbuch Leo bietet als erste und einzige Übersetzung von Public Viewing „Ausstellung eines aufgebahrten Leichnams“ an. Haben die Halbwissenden also recht? Ist Public Viewing wirklich eine öffentliche Leichenschau?

Public Viewings in Stadt und Landkreis Osnabrück

Sie haben nicht recht, sondern stolpern schon im Vorfeld über sprachliche Feinheiten: Im deutschen Sprachraum gibt es nämlich einen Unterschied zwischen Aufbahrung und Leichenschau. Die Leichenschau oder auch Leichenbeschau ist - wikipedia als Bibel der Klugscheißer sei dank - die Untersuchung der sterblichen Überreste eines Menschen zur Feststellung des Todes und zur Bestimmung der Ursachen und näheren Umstände eines Todes. Man sollte „Public Viewing“ also nicht als Leichenschau, sondern als Aufbahrung übersetzen - zumindest im deutschen Sprachraum.Wer weiß schon sicher, ob nicht irgendein Rechtssystem auch die Leichen(be)schau grundsätzlich für öffentlich erklärt.

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Entscheidender aber ist, dass „Public Viewing“ auch im Englischen ganz andere Bedeutungen haben kann und im Zusammenhang mit fast allem verwendet wird, was öffentlich zugänglich gemacht wird oder besichtigt werden kann. Das Spektrum reicht von „Public Viewing of Transit of Venus“, sprich: von der öffentlichen Beobachtung des zugegeben seltenen Venus-Transits, über private Kunstsammlungen, die ausnahmsweise zugänglich gemacht werden bis hin zu öffentlich ausgelegten Bebauungsplänen. Für all das verwenden Amerikaner und auch Briten gerne die Wendung „Public Viewing of…“.

Und, Achtung: Selbst der Disney-Konzern benutzt die Formulierung „Regulations for Public Viewing of Disney Movies“ als Überschrift für die rechtlichen Voraussetzungen, unter denen Filme aufgeführt werden dürfen.

Die Bilder vom Public Viewing

Wo so viel klugscheißerisches Licht ist, gibt es natürlich auch Schatten, den ein echter Besserwisser kennen sollte: Die Übertragung eines Sportereignisses auf Großleinwand wird im angloamerikanischen Raum normalerweise nicht als „Public Viewing“ bezeichnet – es gibt dort überhaupt keinen festen Begriff für ein solches „Event“. Ein Amerikaner oder Brite kann aber immerhin nachvollziehen, was ein Deutscher mit „Public Viewing“ meint, ohne gleich an einen Trauerfall zu glauben – anders als bei anderen deutschen Schöpfungen wie „Handy“ oder „Dressman“.

Damit bleibt eigentlich nur eine Frage: Warum hat sich in Deutschland ein englischer Begriff eingebürgert, der zwar nicht ganz falsch, aber eben auch nicht ganz richtig ist? Gut möglich, dass sich hier ein ganz neues Betätigungsfeld auftut ...


Nein, völlig neu recherchiert sind die hier vorgetragenen Hilfen für und gegen Besserwisser nicht. Till hat sich schon Mitte 2012 mit dem Thema beschäftigt. Richtig, da fand gerade die Europameisterschaft mit vielen Public Viewings statt. Und etliche Besserwisser behaupteten schon damals: „Das heißt doch Leichenschau...“