Nutzer über Manipulationen verärgert Facebook-Psychotest: Experte hält Klausel für unwirksam

Daumen runter:Facebook manipulierte für eine Studie die Newsfeeds von Nutzern und erntet dafür Proteste. Foto:ImagoDaumen runter:Facebook manipulierte für eine Studie die Newsfeeds von Nutzern und erntet dafür Proteste. Foto:Imago

Osnabrück. Facebook hat für ein Psychoexperiment die Neuigkeitenseiten von Hunderttausenden englischsprachigen Nutzern ohne deren Wissen gezielt manipuliert. Das Unternehmen rechtfertigt das mit seinen Nutzungsbedingungen. „Ich halte die Klausel in den Nutzungsbedingungen von Facebook, die die Freigabe der Nutzerdaten für „Analyse, Tests und Forschung“ ermöglicht, für unwirksam“, betonte dagegen der Kölner IT-Rechtsexperte Christian Solmecke am Montag in einem Gespräch mit unserer Zeitung.

Nach Ansicht von Solmecke verstößt die Einräumung von so weitgehenden Befugnissen gegen den Paragrafen 307 des Bürgerlichen Gesetzbuches. Der Nutzer werde durch das unentgeltliche Bereitstellen seiner persönlichen Daten zu Forschungszwecken auf unangemessene Weise benachteiligt. „Ein solcher Blankoscheck für die willkürliche Nutzung von Daten wäre überdies nicht mit dem deutschen Datenschutzrecht vereinbar“, betont der Experte. Dies ergebe sich aus den Grundsätzen, die das Kammergericht Berlin in dem von Verbraucherschützern erstrittenen „Freundefinder“-Urteil vom 24.01.2014, Az. 5 U 42/12 aufgestellt habe. Das Gericht habe festgestellt, dass zahlreiche Bestimmungen in den Nutzungsbedingungen von Facebook gegen deutsches Datenschutzrecht verstoßen würden. Die Entscheidung sei allerdings noch nicht rechtskräftig, so Solmecke. „Ich rechne jedoch damit, dass der Bundesgerichtshof die Rechtsauffassung des Landgerichtes Berlin und des Kammergerichtes Berlin bestätigen wird.“

Für die umstrittene Facebook-Studie hatten Forscher im Januar 2012 eine Woche lang die Inhalte der Timeline von rund 700000 englischsprachigen Facebook-Mitgliedern manipuliert, um herausfinden, ob Einträge sich auf die Emotionen auswirken. Die Nutzer des sozialen Netzwerkes reagierten mit blankem Entsetzen. Doch Facebook weist die Kritik zurück. In einem Facebook-Eintrag räumt Adam Kramer, der die Studie mit Kollegen durchgeführt hatte und heute als Datenanalyst bei Facebook arbeitet, allerdings ein, dass die durch die Studie gewonnenen Erkenntnisse rückblickend die ausgelösten Ängste wohl nicht gerechtfertigt hätten.

Die von den Manipulationen betroffene Timeline bekommen Facebook-Nutzer zu sehen, wenn sie sich bei Facebook im Browser einloggen oder ihre Facebook-App starten. Sie zeigt Postings ihrer Freunde. Bei dem Experiment wurden die Inhalte dieses persönlichen Nachrichtenstroms von Facebook bewusst manipuliert, ohne dass die betroffenen Nutzer darüber informiert wurden.

Die Forscher blendeten für ihre Untersuchung bei einer Teilgruppe vor allem Einträge mit positiven Gefühlsäußerungen in die Timeline ein, während für den anderen Teil der unfreiwilligen Testpersonen ein vor allem von negativen Emotionen geprägter Newsfeed zusammengestellt wurde. Unpassende Meldungen wurden jeweils herausgefiltert. Eine Kontrollgruppe bekam insgesamt weniger Postings mit emotionalen Inhalten als andere. So konnte nachgewiesen werden, dass Emotionen auch über Social Media ansteckend sind. Wer mehr Erfreuliches zu sehen bekam, äußerte sich auch selbst positiver. Eine ähnliche Korrelation trat auch bei negativen Gefühlen auf. Der Effekt sei mit einer Veränderung von weniger als einem Prozent jedoch klein gewesen, erklärten die Autoren. Über das Ergebnis der Untersuchung hatte bereits Anfang Juni das Magazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ berichtet. Doch erst die Erkenntnisse über das angewandte Verfahren lösten einen Proteststurm aus. Das Zuckerberg-Unternehmen wird mit einem Shitstorm überzogen. (Mit dpa)


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN