zuletzt aktualisiert vor

Interview mit Kulturanthropologin Vatertag: Warum wird so viel gesoffen?



Osnabrück. In Deutschland wird am Vatertag eine Menge getrunken. Isabel Pagalies hat Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie in Göttingen studiert und ist als Museumspädagogin in der Ethnologischen Sammlung der Georg-August-Universität Göttingen beschäftigt. Sie erklärt, warum in Deutschland am Vatertag so viel gesoffen wird und berichtet, dass schon im Mittelalter an Christi Himmelfahrt gerne dem Wein zugesprochen wurde.

Frau Pagalies, warum wird am Vatertag so viel gesoffen?
Genau kann ich das auch nicht beantworten (lacht). Seinen Ursprung hat der Vatertag in Deutschland in Berlin und dessen Umland. Dort wurde er seit Ende des 19. Jahrhunderts begangen. Besonders junge alleinstehende Männer, die nur kleinen Wohnraum zur Verfügung hatten, trafen sich in großen Gruppen im Wald zum Wandern und zum Trinken . Die etwas besser gestellten Männer haben eine sogenannte Herrenpartie unternommen und sind mit der Kutsche aufs Land gefahren. Getrunken wurde dabei natürlich auch. Es gab auch sogenannte Schinkentouren. Das waren von Kutschunternehmen organisierte Fahrten ins Grüne, die speziell für Männer gedacht waren. Frauen waren nicht zugelassen.

Warum das?
Vielleicht weil die Sache mit dem Alkohol dabei so unelegant wurde, dass man Frauen lieber nicht dabei haben wollte.

Dass der Vatertag auf den christlichen Feiertag Christi Himmelfahrt fällt, ist reiner Zufall?
An Christi Himmelfahrt feiern die Christen die Rückkehr von Jesus Christus in den Himmel zu Gott – er kehrt also zu seinem Vater zurück. Insofern macht der Name Vatertag an diesem Tag durchaus ein bisschen Sinn. Am Vatertag unternehmen Männer jeden Alters, ob jung oder alt, gemeinsam einen Ausflug. Die Jugendlichen werden in die Welt der Männer eingeführt, heißt es.

Es dreht sich aber in erster Linie ums Saufen.
An Himmelfahrt waren früher Flurumgänge und Flurritte üblich. Gutsherren umrundeten hierbei einmal ihre Felder und ihr Grundstück. An diesen Umzügen nahmen traditionell nur Männer teil. Es gibt Schilderungen, wonach schon im Mittelalter der Alkohol hierbei eine große Rolle gespielt haben soll. An diesem Termin sollen des Weiteren Gottesdienste im Wald oder auf einem Berg stattgefunden haben. Bei den Prozessionen ins Grüne wurde auch damals schon Wein getrunken . Dabei hat der Alkoholpegel mit der Zeit wohl immer mehr zugenommen und die Frömmigkeit ab.

In der ehemaligen DDR hieß der Vatertag Herrentag.
Ja, oder Männertag. In der DDR wurde Christi Himmelfahrt als arbeitsfreier Tag 1967 abgeschafft. Es gab dort ja nur sehr wenige christliche Feiertage, die auch ein offizieller Feiertag waren. Den Herrentag und den dazugehörigen Brauch hat es aber trotzdem weiterhin gegeben. Die männlichen Werktätigen nahmen zwei Tage Urlaub: einen zum Wandern und Trinken und einen, um den Rausch auszuschlafen.

Gibt es eigentlich auch in anderen Ländern einen Vatertag?
Man feiert in vielen Ländern Vatertag, allerdings nicht am gleichen Tag und er wird weltweit anders zelebriert. Erfunden wurde der Vatertag übrigens 1910 in den USA von einer Frau. Dort findet er am 3. Sonntag im Juni statt und gilt seit 1972 als offizieller Feiertag. An diesem Tag sollen die Väter geehrt und die Bindung zwischen ihnen und ihren Kindern gefestigt werden. Auch in Italien und Spanien gibt es einen Vatertag, dort liegt er auf dem Josefstag, dem Namenstag von Josef, am 19. März.

Dreht es sich da auch nur ums Trinken?
Es ist ein Familientag; die Väter bekommen Geschenke. In den meisten Ländern gilt der Vatertag als Pendant zum Muttertag und wird recht ähnlich gefeiert. Es scheint als hätten die heutigen Feiern zum Vatertag hierzulande einen anderen Charakter, als es ursprünglich die Idee war. Wobei man auch sagen muss, dass in Deutschland immer mehr junge Familien den Brückentag nutzen, um in den Kurzurlaub zu fahren und das lange Wochenende mit den Kindern zu nutzen. Eine Sauftour gibt es dann nicht (lacht).


An vielen Orten hat die Polizei an Vatertag Ärger mit betrunkenen Jugendlichen, die randalieren. Die Zahl der Schlägereien steigt an Christi Himmelfahrt rasant an. Im Kreis Minden-Lübbecke gibt es beispielsweise regelmäßig Theater. Sportvereine haben in den vergangenen Jahren einzelne Veranstaltungen abgesagt, weil sich dort gegen Abend zahlreiche angetrunkene Jugendliche versammelt haben. In Osnabrück erwartet die Polizei aber keine größeren Probleme. Bisher sei es immer ruhig gewesen, heißt es.

In Deutschland wird der Vatertag an Christi Himmelfahrt begangen, dem 40. Tag nach Ostern.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN