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„My wheelchair“ Rollstuhlfahrerin Laura Gehlhaar bloggt gegen Vorurteile

Von Manuela Kanies

„It‘s not a bug, it‘s a feature“ - es ist kein Fehler, sondern eine Besonderheit, sagt Laura Gehlhaar über ihren Rollstuhl. Foto: Arne Vossfeldt„It‘s not a bug, it‘s a feature“ - es ist kein Fehler, sondern eine Besonderheit, sagt Laura Gehlhaar über ihren Rollstuhl. Foto: Arne Vossfeldt

Osnabrück. Laura Gehlhaar bloggt über ihre Interessen – und ihren Alltag als Rollstuhlfahrerin. Zusammen mit Lorenz Meyer hat sie ein „Bullshit Bingo“ entworfen und damit eine notwendige Diskussion über den Umgang mit Menschen mit Behinderung entfacht.

Laura Gehlhaar mag Handwerken. Sie spielt Theater. Außerdem arbeitet sie als Coach. Sie sitzt im Rollstuhl. Sie erinnert sich an ihre Träume und schreibt sie in ihrem Blog „Frau Gehlhaar: My wheelchair – It’s not a bug, it’s a feature“ auf. Sie hat lange blonde Haare und spielt demnächst in einem Werbe-Spot mit. Laura Gehlhaar hat so viele Eigenschaften und Merkmale wie jeder andere auch. Und trotzdem gibt es immer wieder Menschen, die sie auf ihren Rollstuhl und damit auf ihre Behinderung reduzieren. Deshalb hat sie zusammen mit Lorenz Meyer ein „Rollstuhlfahrer Bullshit Bingo“ entworfen.

Das Spiel geht so: Wenn ein Rollstuhlfahrer einen der folgenden Sätze hört, streicht er sie von seiner Liste. Bei einer gefüllten Reihe, Spalte oder Diagonale dann „Bingo!“ rufen. Das können solche Sätze sein: „Du Arme… So hübsch und dann im Rollstuhl.“ Oder: „Oh, Unfall gehabt? Selbst verschuldet?“ Oder auch: „Kannst Du Sex haben?“ Das sind alles Sätze, die Laura Gehlhaar selbst fast täglich hört, seitdem sie seit acht Jahren im Rollstuhl sitzt. „Das sind einfach unhöfliche Fragen“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Unhöfliche und respektlose Sätze, die niemand einfach so zu jemand anderem sagen würde.

Ein viraler Coup

Deshalb also das „Bullshit Bingo“, das in Foren und sozialen Netzwerken verbreitet und diskutiert wurde. Mit den zahlreichen Reaktionen hätte sie aber nie gerechnet: „Das war eine spontane Aktion“, erzählt sie. Lorenz Meyer, bekannt für seine „Bullshit Bingos“, bei Facebook als Guru und durch seine satirische Webseite shengfui.de, hatte ihr das Bingo vorgeschlagen. Damit landeten sie einen viralen Coup. Zum Beispiel teilte das Süddeutsche Magazin das Bingo bei Facebook, die Reaktionen waren gemischt. Viele fragten sich, was sie überhaupt noch zu Rollstuhlfahrern sagen könnten, wenn selbst die Frage „Geht’s?“ bei Menschen im Rollstuhl nicht angemessen sei. Außerdem wurde kritisiert, dass Laura Gehlhaar ihre Behinderung mit diesem Bingo in den Mittelpunkt stellen würde, obwohl sie ja eben nicht auf ihren Rollstuhl reduziert werden wolle.

„Das Bingo ist nicht als Ratgeber gemeint, sondern mit einem Augenzwinkern“, sagt die Sozialpädagogin und Psychologin, die zurzeit als Coach arbeitet. Und damit hebelt sie auch die Kritiker aus, die ihr vorwerfen, jeden dieser Sätze viel zu ernst zu nehmen. Die 31-Jährige nimmt sogar ziemlich vieles mit Humor, nur die Unhöflichkeit anderer nagt an ihr. Sie weiß, da spielt viel Unsicherheit mit, die Menschen wissen nicht, was sie zu ihr sagen sollen. Aber ein ernst gemeintes Hilfsangebot würde sie nie ins Lächerliche ziehen. Mit dem Bingo sei eine notwendige Diskussion angestoßen worden, die sie begrüße. Und sie bekommt auch viel Zuspruch für das Bingo. Viele Leser, die ebenfalls im Rollstuhl sitzen, finden es gut, dass die Alltagsprobleme von Menschen mit Behinderungen thematisiert werden. So wurde zum Beispiel ihr eigener Blogeintrag dazu hauptsächlich positiv bewertet.

Um Diskussionen anzustoßen und Unsicherheiten auszuhebeln, bloggt Laura Gehlhaar seit Anfang Februar über ihren Alltag im Rollstuhl. Aber auch über andere Dinge, über Gedanken, die ihr durch den Kopf gehen, ihre Hobbys wie Handwerken, ihre Liebe zum Theater, wie schwer es ist, als Rollstuhlfahrerin einen Job zu bekommen: Eben über alles, was sie berührt und ausmacht. Über ein Jahr habe sie darüber nachgedacht, wie es wäre zu bloggen, ausschlaggebend für den Anfang war dann der Zuspruch von Freunden und Kollegen.

Interaktive „Wheelmap“

Ein Kollege ist zum Beispiel Raúl Krauthausen, er ist Gründer des Vereins Sozialhelden und hat unter anderem die Wheelmap ins Leben gerufen. In dieser interaktiven Karte, die Laura Gehlhaar mit unterstützt, werden Restaurants, Geschäfte, Cafés und andere Orte beurteilt, ob sie behindertengerecht sind. Die Map gibt es auch als App für die Betriebssysteme Android und iPhone, sodass jeder nach den vorhandenen Kriterien Orte von unterwegs aus bewerten kann. Seit dem Start 2010 wurden laut Beschreibung auf wheelmap.org über 400000 Orte weltweit markiert, täglich kommen über 300 hinzu.

Den Blog von Raúl Krauthausen liest Laura Gehlhaar sehr gern. Oder den Blog von Ninia Binias alias Ninia LaGrande. Die Social Media Managerin schreibt unter anderem über das Leben, Großstadtgeschichten und Feminismus, die Mischung gefällt Laura Gehlhaar sehr gut.

Sie taucht aber auch gerne in die Welt von „Fee ist mein Name“ ein. Die Bloggerin „berichtet über alles, was sie glücklich macht“, also über Reisen, Kochen und Backen, Musik und Do-it-Yourself. Die Blogroll, also die Liste mit Blogs, die Gehlhaar regelmäßig liest und empfiehlt, spiegelt die vielfältigen Interessen der Düsseldorferin und momentanen Wahl-Berlinerin wider.

Nicht nur drüber schreiben, auch etwas tun: Laura Gehlhaar, die zurzeit als Coach und freie Texterin für den Verein Sozialhelden arbeitet, will aktiv Vorurteile über Menschen mit Behinderungen abbauen. Daher gibt sie unter anderen mit Lilian Masuhr, Mitgründerin und Projektleiterin von leidmedien.de und ebenfalls Mitglied bei den Sozialhelden, Schulungen zum Thema Berichterstattung über behinderte Menschen. Vorurteilsfrei und offen mit Rollstuhlfahrern umgehen, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, das ist ihr Ziel. Damit am Ende nicht mehr thematisiert wird, dass jemand im Rollstuhl sitzt, sondern Künstler oder Sportler ist oder irgendetwas anderes gut macht. Nicht trotz Behinderung, nicht wegen, sondern einfach, weil derjenige es kann.