Atomreaktor in Jülich Störfälle vertuscht – Osnabrücker Kritiker rehabilitiert

Meine Nachrichten

Um das Thema Gut zu wissen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Der aus Osnabrück stammende „Whistleblower“ Rainer Moormann erfährt späte Genugtuung. Der ehemalige Sicherheitsexperte am Forschungszentrum Jülich, das die Entwicklung des Kugelhaufenreaktors wissenschaftlich begleiten sollte, hatte 2008 das hohe Risikopotenzial der Anlage öffentlich gemacht. Das bezahlte er mit erheblichen beruflichen Nachteilen.

Jetzt bestätigt eine Expertenkommission Moormanns Aussagen. In dem Bericht ist von zum Teil haarsträubenden Missständen die Rede.

„Nach acht Jahren gibt es endlich eine amtliche Bestätigung“, freut sich Moormann im Gespräch mit unserer Zeitung. „Das ist für mich eine große Erleichterung.“ Gleichzeitig aber warnt der Diplom-Chemiker vor „japanischen Verhältnissen“ in Deutschland. „Der Fokus muss sich jetzt unbedingt auf die staatliche Atomaufsichtsbehörde richten“, fordert er. „Es sieht so aus, als habe die Atomaufsicht die Atomindustrie einfach machen lassen“, so der Experte. Mindestens lasse der Bericht „auf ein komplettes Versagen der Behörde“ schließen. Auch eine „Verquickung von Atomlobby und Behörde“ ähnlich wie in Japan sei nun nicht mehr auszuschließen. Angesichts der Vielzahl und der Schwere der Vorfälle in dem Reaktor falle es ihm schwer zu glauben, „dass die Atomaufsicht davon nichts davon gewusst hat“, betont Moormann.

Tatsächlich war es dem Expertenbericht zufolge von 1967 bis zu der Abschaltung des Versuchsreaktors 1988 immer wieder zu Störfällen gekommen. Wahrscheinlich sogar zweimal habe das zu einer „lokalen, aber hohen Strontium-90-Kontamination des Bodens“ und möglicherweise des Grundwassers geführt, heißt es in dem Report.

So seien 1978 etwa 27000 Liter Wasser in den inneren Teil des Reaktors eingedrungen. Doch erst sechs Tage nach Störfallbeginn habe das Personal den Reaktor heruntergefahren. Am Ende meldeten die Betreiber einen Störfall der niedrigsten Meldekategorie „N“ („geringe sicherheitstechnische Bedeutung“). Das war „nicht sachgerecht“, urteilen die Experten. Der Vorfall hätte zumindest in die Kategorie B, wenn nicht die höchste Kategorie A („sicherheitstechnisch unmittelbar signifikanter Störfall“) eingestuft werden müssen. Damit bestätigen die Experten den bereits 2008 von Moormann erhobenen Vorwurf, diesen Störfall im Jahr 1978 verschleiert zu haben. Der Vizevorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion Oliver Krischer äußerte die Vermutung, dass nach diesem Störfall „sogar ein Super-GAU mit Tschernobyl-Folgen nicht ausgeschlossen war“.

Mehrfach sollen die Betreiber nach dem Bericht der Expertenkommission sogar komplett darauf verzichtet haben, Störungen zu melden. Und offenbar kam es sogar auch zu bewussten Manipulationen: Ein Schalter sei so manipuliert worden, dass trotz gemessener „zu hoher Kühlgasfeuchte“ eine automatische Notabschaltung überbrückt worden sei, berichten die Gutachter. Das bedeute, dass das Notfallsystem bewusst abgeschaltet worden sei.

Daneben sei der Reaktorkern auch zeitweise mit überhöhten Temperaturen betrieben worden, ohne dass dies erkannt worden sei. Die Wissenschaftler bezeichneten die geringe Zahl der Temperaturmessungen als „nicht nachvollziehbar“. Zwischen 1970 und 1986 sei die Temperatur nur dreimal detailliert gemessen worden.

Das Forschungszentrum Jülich reagierte auf die Enthüllungen mit einer Pressemitteilung, in der sie gravierende Fehler und Versäumnisse einräumt: Dies bedaure man ausdrücklich, heißt es. „Regeln guter wissenschaftlicher Praxis“ seien während des Reaktorbetriebs „nicht immer eingehalten worden“.

Für Moormann kommt diese Einsicht seines früheren Arbeitgebers zu spät: Seine Enthüllungen über die Sicherheitsrisiken des Reaktors wurden beruflich für ihn zum Super-GAU. „Nach und nach wurden mir meine Mitarbeiter weggenommen, Dienstreisen wurden nicht mehr genehmigt“, schilderte er uns vor einigen Jahren die Repressalien. „Schließlich saß ich ganz allein in einem Flur, zeitweise sogar in einem ganzen Gebäude.“ Anfang 2009 wurde Moormann versetzt. „Ich verlor damit auch meine interne Planstelle und hing jetzt praktisch zwischen allen Stühlen“, so der Wissenschaftler. Die Anfeindungen seien sogar so weit gegangen, dass man ihm dreimal schriftlich attestiert habe, er sei verrückt: Moormann zog die Notbremse und beantragte Altersteilzeit. Inzwischen ist er in Rente.

Für die erheblichen beruflichen Nachteile, die er in Kauf nehmen musste, „weil er gesellschaftsrelevante Missstände aus seinem beruflichen Umfeld öffentlich gemacht hatte“, erhielt Moormann von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) und der Deutschen Sektion der Juristenvereinigung IALANA den „Whistleblowerpreis“.

Das Verhalten seines ehemaligen Arbeitgebers führt Moormann auch darauf zurück, dass das Forschungszentrum unter „enormem politischen Druck“ gestanden habe. Die neuartige Kugelhaufentechnik des Reaktors sollte ein deutscher Exporterfolg werden. Südafrika, das damals Interesse zeigte, hat inzwischen aber abgewinkt. Nur China hält noch an Plänen zum Bau eines solchen Hochrisikoreaktors fest.

Nach Bekanntwerden der bestürzenden Untersuchungsergebnisse fordert der Grünen-Politiker Krischer, die weiterhin laufende Atomforschung in Kooperation des Forschungszentrums Jülich und der Hochschule RWTH Aachen nun endgültig zu beenden. Dem schließt sich Moormann an: „Erst dann finde ich wohl wirklich Frieden.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN