„Jede Reparatur ist ein Abenteuer“ Repair Cafés boomen in Deutschland



Osnabrück. „Reparieren statt wegwerfen“ ist das Motto der Repair Café, die sich gerade vielerorts gründen. Umweltbewusstsein und soziales Miteinander stehen im Mittelpunkt.

Europa hat ein Müllproblem. Laut dem Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) produzieren europäische Kommunen etwa 500 Kilogramm Abfall pro Kopf und Jahr. Vieles davon landet über Umwege im Meer . Um dem Müllproblem entgegenzuwirken, gründen sich vielerorts Repair Cafés – statt kaputte Dinge wegzuwerfen, werden sie dort repariert.

Die Idee zur Gründung des ersten Repair Cafés hatte die Niederländerin Martine Postma 2009. Damals veranstaltete sie das erste Treffen, um defekte Gegenstände zu reparieren, in Amsterdam. Aufgrund des großen Erfolgs gründete sie 2010 die Stiftung „Stichting Repair Café“. Die Organisation bietet bei der Gründung neuer Repair-Café-Initativen im In- und Ausland Hilfe an.

In Deutschland übernimmt die Koordinierung die Stiftungsgemeinschaft Anstiftung und Ertomis aus München. „Zurzeit arbeiten mehr als 50 Repair Cafés in Deutschland aktiv, 30 bis 40 weitere stehen in den Startlöchern“, sagt Linn Quante von der Koordinierungsstelle. Seit einiger Zeit boomen Repair Cafés. Die Koordinierungsstelle erhalte jede Woche zahlreiche Anfragen wegen Neugründungen. In der Region gibt es Repair Cafés in Bad Salzuflen, Oldenburg und Bielefeld . In Planung sind zurzeit Einrichtungen in Osnabrück und Melle.

Das Prinzip ist einfach: Dort treffen Reparaturprofis auf Laien mit defekten Gegenständen wie Elektrogeräten, Kleidung, Spielzeug und auch Fahrrädern. Bei Kaffee und Kuchen versuchen Experten und Laien gemeinsam, den jeweiligen Gegenstand wieder flottzumachen. Dabei geht nicht nur ums Reparieren, stellt Quante klar: „Uns kommt es auch auf das soziale Miteinander an. Deshalb ist das Repair Café auch keine kostenlose Reparaturdienstleistung, sondern es findet ein wertvoller praktischer Wissensaustausch statt, indem gemeinsam Dinge repariert werden.“ Das Alter der Teilnehmer ist laut Quante sehr unterschiedlich. Häufig sei es so, dass die Jüngeren nicht mehr gelernt hätten, Elektrogeräte wie Toaster oder Ähnliches zu reparieren. Sie würden eher einen neuen kaufen. Ältere Teilnehmer könnten ihnen das Reparieren im Repair Café beibringen. Auf der anderen Seite würden sich die Jüngeren meist gut mit Computern auskennen und den Älteren zeigen, wie sie ihn zum Laufen bringen.

In Bielefeld gibt es das Repair Café seit etwas mehr als einem Jahr, erzählt Reinhold Poier, der zum Organisationsteam gehört. An jedem ersten Sonntag im Monat finden die Treffen statt – am ersten Maiwochenende zum 13. Mal: „Wenn Ferien anstehen, lassen wir auch schon mal einen Termin ausfallen. Wir haben gemerkt, dass dann doch viele Menschen im Urlaub sind“, erklärt Poier.

Von Beginn an war das Repair Café in Bielefeld recht erfolgreich. Zum ersten Treffen im Februar 2013 seien gleich etwa 20 Leute gekommen. Zweimal mussten die Organisatoren bereits umziehen, weil jedes Mal die Räumlichkeiten zu klein wurden. „Mit vier Reparaturexperten haben wir damals angefangen, und einer davon musste noch den Empfang betreuen. Inzwischen kommen wir mit dem Zählen der Besucher gar nicht mehr nach. Wir schätzen, dass wir bei den letzten zwei Veranstaltungen etwa 80 bis 100 Besucher hatten“, so Poier.

Zum einen ist den Veranstaltern der Umweltaspekt wichtig. Durch das Reparieren würden Ressourcen geschont und Müll vermieden. Zum anderen legen sie besonderen Wert auf das soziale Miteinander. „Es macht einfach Spaß, mit anderen Menschen zusammenzukommen und Dinge zu reparieren. Man erfährt Selbstbestätigung und kann sein eigenes Wissen erweitern“, erklärt Poier die Faszination Repair Café. Spannend sei das Reparieren vor allem, weil man bei keinem Gegenstand wisse, was auf einen zukommt: „Jede Reparatur ist erst mal ein Abenteuer. Ist es ein elektronischer oder ein mechanischer Fehler? Manchmal gibt es auch Reparaturen durch Handauflegen“, sagt er schmunzelnd und meint damit, dass häufig Gegenstände spontan wieder funktionieren, nachdem sie auseinander- und wieder zusammengebaut wurden. In besonders kniffligen Fällen sei es zudem hilfreich, dass immer mehrere Reparaturexperten anwesend seien: „Irgendjemand kann fast immer weiterhelfen“, so Poier.

Doch das funktioniere nicht überall so, wie der Bielefelder von anderen Veranstaltern erfahren hat. „Es gibt da ein Team, das unheimlich engagiert ist und Besucher aus einem großen Umkreis anzieht. Die Reparaturen sind aber bei diesem Ansturm nicht mehr zu bewältigen, und die Veranstalter möchten die geduldig wartenden Leute nicht einfach wieder zurückschicken“, sagt Poier. Deshalb würden sich die Veranstalter jede Woche treffen und die Gegenstände selbst reparieren. „Die haben schon ihren Spaß dabei, aber es ist natürlich nicht Sinn der Sache“, meint Poier.

Beim letzten Bielefelder Repair Café hätten sie Besuch von fünf oder sechs Initiativen gehabt, deren Repair Café sich gerade in Gründung befinden. Die kamen Münster, Rheda-Wiedenbrück, Werther, Gütersloh, Paderborn und Melle. Der Boom geht also weiter – auch in Bielefeld. Die Veranstalter denken zurzeit über ein zweites Repair-Café nach. Genug Leute wären da.


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