Mit Arbeit zurück ins Leben Psychisch-krank: Job kann bei der Genesung helfen

Längere Arbeitslosigkeit kann sehr frustrierend sein. Manche Menschen erkranken daraufhin psychisch. Foto: ImagoLängere Arbeitslosigkeit kann sehr frustrierend sein. Manche Menschen erkranken daraufhin psychisch. Foto: Imago

Osnabrück. Arbeit zu haben, wirkt auf psychisch-kranke Menschen stabilisierend und gibt ihnen ihr Selbstwertgefühl zurück. Zwei Erkrankte haben sich so auf unterschiedliche Weise zurück ins Leben gekämpft.

Wenn Heike B. (Name geändert) von ihrer Arbeit in einem Osnabrücker Seniorenzentrum erzählt, spürt der Zuhörer auf Anhieb ihre Begeisterung. Helferin mit Herz nennt sie sich selbst. Vor ein paar Jahren war das noch undenkbar, denn die Osnabrückerin ist psychisch krank. Mithilfe des neuen Jobs und der Unterstützung durch die Heilpädagogische Hilfe Osnabrück (HHO) hat sie sich zurück ins Leben gekämpft.

Arbeitsunfähigkeiten aufgrund psychischer Erkrankungen nehmen immer mehr zu. Laut Barmer GEK gab es 2012 in Niedersachsen und Bremen rund 26000 Arbeitsunfähigkeitsfälle aufgrund psychischer Erkrankungen, 6,7 Prozent mehr als im Vorjahr. „In Osnabrück gab es mit 3800 Fällen sogar eine Steigerung um 14,1 Prozent“, sagt Landespressesprecher Michael Erdmann.

Heike B. hatte früher keine Schwierigkeiten, in der Arbeitswelt zurechtzukommen. Die heute 42-Jährige hat zwei Ausbildungen abgeschlossen: zunächst die als Kinderkrankenschwester, dann noch eine als Erzieherin. Viele Jahre hat sie in einem Kindergarten in der Region gearbeitet – dann wurde sie arbeitslos. „Es war, als würde ich in ein Loch fallen“, beschreibt sie die damalige Situation. Sie habe sich plötzlich nicht mehr gebraucht gefühlt, obwohl sie zwischenzeitlich auch als Tagesmutter tätig war. Als sie später wieder Arbeit fand, fühlte sie sich nicht mehr so belastbar wie früher: „Ich ließ mich plötzlich ganz schnell von den Kindern aus der Ruhe bringen. Ich habe einfach gemerkt, dass ich das nervlich nicht mehr schaffe“, sagt sie.

Begleitete Beschäftigung

Dass solche Entwicklungen häufig vorkommen, bestätigt Professor Wolfgang Maier, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde in Berlin: „Längere Arbeitslosigkeit löst oft Demoralisierung, Frustration und Kränkung aus. Daraus resultieren psychische Erkrankungen oder schon vorhandene Erkrankungen werden verstärkt“, erklärt Maier, der Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik in Bonn ist.“ Eine Beschäftigung dagegen wirke auf Erkrankte stabilisierend und erhöhe ihr Selbstwertgefühl. Doch gerade für psychisch Schwerkranke sei es sehr schwierig, Arbeit zu bekommen. Nur etwa zehn Prozent der psychisch Schwerkranken gingen einer regulären Beschäftigung nach. Maier ist überzeugt, dass das sogenannte „Supported Employment“, eine begleitete Beschäftigung, in Deutschland noch viel mehr praktiziert werden müsse, um die Teilhabe der Betroffenen zu ermöglichen – bislang sei das eher die Ausnahme. Bei dieser Form der Wiedereingliederung werden psychisch schwer kranke Menschen in eine Arbeitsstelle in einem Unternehmen vermittelt und erhalten begleitende Unterstützung. „Dabei ist es wichtig, dass der Arbeitsplatz auf den Menschen zugeschnitten ist und nicht umgekehrt“, betont Maier. Er fordert, Supported Employment sozialrechtlich zu verankern, denn laut UN-Behindertenrechtskonvention hätten psychisch Kranke ein Recht auf Arbeit. Darüber hinaus müsse es bezuschusst werden.

Bei leichteren psychischen Erkrankungen wie etwa Burn-out fordert Maier , dass Betroffene schnelle Hilfe von Experten bekommen und nicht zu lange krankgeschrieben werden: „Im Wesentlichen schützt Arbeit vor psychischen Erkrankungen, denn Arbeit stabilisiert den Selbstwert, ermöglicht Selbstverwirklichung und ist sinnstiftend. Je länger jemand krankgeschrieben ist, desto schwerer ist der Wiedereinstieg. Mit jeder Woche wächst die Belastung.“

Heike B. war etwa ein halbes Jahr lang krankgeschrieben. „Persönlichkeitsstörung mit Zwangsstörung“ lautete damals die Diagnose. Behandelt wurde sie in einer Tagesklinik. Eine Ärztin überwies B. später an das Reha-Zentrum am Hesselkamp (RPK) in Osnabrück. „Krankheitsbedingt fiel es mir sehr schwer, mich zu konzentrieren. Die Therapie dort hat das sehr geübt“, erzählt sie. Über das RPK absolvierte die 42-Jährige mehrere Praktika, unter anderem in dem Seniorenzentrum, in dem sie auch jetzt arbeitet. Dort war sie zunächst im Hauswirtschaftsbereich beschäftigt: „Das lag mir nicht so. Ich fühlte mich dort schnell überfordert“, sagt B. und wechselte daraufhin in die Betreuung der Bewohner. Vorlesen aus der Zeitung und Begleitung der älteren Menschen zu Veranstaltungen im Seniorenzentrum zählen seither zu ihren Aufgaben. „Damit ist sie richtig aufgeblüht“, findet Manfred Ende von der Fachberatung Berufliche Integration der HHO. Er begleitet B. auf ihrem Weg zurück ins Berufsleben und unterstützt sie, wenn es Probleme gibt. Bei dieser Form der Beruflichen Integration handelt es sich um genau das, was Professor Maier gerne häufiger in Deutschland sehen würde: Supported Employment. „Aufgrund ihrer Zwänge fällt Heike das strukturierte Arbeiten manchmal noch schwer. Weil sie einen ausgelagerten Arbeitsplatz der HHO hat, ist der Druck nicht so groß, und sie darf auch mal etwas falsch machen“, erklärt Ende das Prinzip. Trotzdem würde es für B. Herausforderungen und auch Frustration geben: „Ich muss lernen, auch damit umzugehen“, sagt sie. Würde es mehr entsprechend gestaltete Arbeitsplätze geben, könnten auch mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen am Arbeitsmarkt teilhaben, ist Ende überzeugt. Die Fachberatung Berufliche Integration der HHO könne Unternehmen bei der Gestaltung der Arbeitsplätze unterstützen.

Darüber hinaus besuchte die Osnabrückerin einmal in der Woche die OSNA-Technik in Fledder, eine Einrichtung zur Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben und zur Eingliederung in das Arbeitsleben, die zur HHO gehört. Hier hatte sie Gelegenheit, mit einer Psychologin zu sprechen und an berufsbegleitenden Maßnahmen teilzunehmen. „Fast alle, die in der OSNA-Technik arbeiten, haben eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen. Dort zu arbeiten gibt ihnen die Möglichkeit, auch wieder Erfolgserlebnisse zu haben nach einer langen Zeit der Rückschläge durch die jeweilige Erkrankung“, sagt Doris Breiwe-Büker, die als Bildungsbegleiterin und Sozialdienst im Berufsbildungsbereich für Menschen mit psychischen Erkrankungen an der HHO tätig ist. Bei der Integration sei es vor allem wichtig, zu schauen, was jemand gut kann und nicht nur, was er nicht, meint Breiwe-Büker.

Heike B. ist gut darin, sich um Menschen zu kümmern. Das zeigten bereits ihre Tätigkeiten als Kinderkrankenschwester und als Erzieherin. Zusammen mit Manfred Ende hat Heike B. einen Eingliederungsplan erstellt und Ziele vereinbart.Wenn es ihr Gesundheitszustand zulässt, möchte die Osnabrückerin eine Umschulung zur Betreuungskraft für Demenzerkrankte machen. Eine wichtige Erkenntnis hat sie durch ihre Erkrankung bereits verinnerlicht: „Man ist ein liebenswerter Mensch unabhängig davon, was man leistet und was man kann. Der Beruf ist zwar ein Stück Lebenssinn, aber er sollte nicht alles sein“, sagt sie und lächelt.

Genesungshelferin

Einen anderen Weg ist die Hamburgerin Stefanie Stopat gegangen. Seit vier Jahren ist sie Peer-Beraterin . „Peer“ ist englisch und heißt etwa „auf gleicher Ebene“. Dazu hat die 49-Jährige, die an einer bipolaren Störung erkrankt ist, die einjährige Ex-In-Fortbildung gemacht. Diese soll psychisch kranke Menschen befähigen, ihre Erfahrung weiterzuverarbeiten und zu reflektieren, um andere psychisch kranke Menschen als Genesungshelfer zu unterstützen.

„Der Kurs hat alles verändert. Ich habe gelernt, dass ich nicht nur krank bin, sondern dass ich auch Krisen überwunden habe. Die Fortbildung hat mir gezeigt, dass ich trotz meiner Krankheit wichtig für andere Menschen sein kann“, erzählt Stopat. Sie selbst fühle sich zu 80 Prozent gesund, und zu 20 Prozent passe sie auf, nicht wieder krank zu werden. Sie müsse zwar achtsam sein, dass sie immer wieder das Gleichgewicht zwischen Be- und Entlastung finde, doch die Arbeit sei hilfreich, mehr Stabilität und Belastbarkeit zu erreichen. „Ich kann meinen Erfahrungsschatz weitergeben und den Menschen zeigen, dass das Leben nicht vorbei ist, nur weil man psychisch krank ist“, sagt sie. Sie hilft den Menschen, die zu ihr kommen, den Tag zu strukturieren, bei der Beantragung des Schwerbehindertenausweises oder bei der Wiedereingliederung. Der Unterschied zwischen ihr und einem professionellen Therapeuten sei, dass sie den Betroffenen auf Augenhöhe durch die eigene Erfahrung begegne. Profis dürfen darüber hinaus nichts von sich selbst preisgeben: „Ich kann mit meinem positiven Beispiel zeigen, dass man auch anders mit psychischen Krisen umgehen kann“, sagt Stopat selbstbewusst. Ihr Erfolg bei der Betreuung sei wiederum Motivation, weiter an sich zu arbeiten.

„Bei den Erkrankten kommt die Peer-Beratung sehr gut an“, erklärt Candelaria Mahlke. Sie ist Psychologin und Wissenschaftlerin im Peer-Projekt Hamburg, Teil des Verbundes Psychenet am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf. „Wir bekommen Anfragen von Betroffenen aus ganz Deutschland.“ In vielen Ländern gebe es diese Form der Beratung schon viel häufiger. Deshalb sei es auch ihr Ziel, die Peer-Beratung in die Regelversorgung aufzunehmen und sie an allen psychiatrischen Kliniken zu etablieren. „Für die Berater wirkt die Begleitung anderer stabilisierend, sie erfahren Wertschätzung. Ihre Erkrankung ist nicht mehr nur ein Makel, sondern ihre Qualifikation“, erklärt die Psychologin. In Hamburg gibt es zurzeit 28 Peer-Berater sowohl für Betroffene als auch für deren Angehörige.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN