Wird Blutarmut immer richtig behandelt? Eisenmangel kann vor Infektionen schützen

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Eisen ist ein wichtiger Baustein des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin. Foto; ImagoEisen ist ein wichtiger Baustein des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin. Foto; Imago

Osnabrück. Eisenmangel gilt als eine der häufigsten Mangelerscheinungen weltweit. Behandelt wird sie meist, indem dem Körper künstlich Eisen zugeführt wird. Doch damit unterläuft man mitunter eine Abwehrstrategie des Immunsystems, insbesondere in Regionen mit häufigem Auftreten von Infektionskrankheiten.

„Eisenmangel ist ein Problem, weil es die Blutbildung negativ beeinflusst“, erklärt Günter Weiss, Professor für Innere Medizin und Medizinische Biochemie am Universitätsklinikum Innsbruck . Denn Eisen ist ein wichtiger Baustein für die Bildung des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin. Ein Großteil des Eisens im Körper wird an Hämoglobin gebunden und ist so am Sauerstofftransport im Blut beteiligt. Zudem ist Eisen für viele biochemische Prozesse mitverantwortlich, wie etwa Zellwachstum oder unterschiedliche Stoffwechselprozesse. Der menschliche Körper kann Eisen nicht selbst herstellen, sondern es nur über die Nahrung aufnehmen. Besonders viel Eisen enthalten Nahrungsmittel wie Fisch und Fleisch, aber auch Nüsse und Gemüse wie Brokkoli. Mangelt es dem Körper an Eisen, treten Symptome wie auffällige Blässe, Müdigkeit und Schwindel sowie brüchige Haare und Fingernägel auf.

Behandelt wird der Eisenmangel im Blut häufig, indem dem Patienten künstlich zusätzliches Eisen zugeführt wird. Gründe für einen Eisenmangel können eine verminderte Zufuhr oder Aufnahme des Spurenmetalls sein, erhöhte Eisenverluste durch Blutungen oder ein erhöhter Eisenbedarf zum Beispiel in der Schwangerschaft.

Doch bevor ein Patient Eisen einnimmt, muss ein Arzt unbedingt vorher feststellen, was die Ursache des Eisenmangels ist: „Das herauszufinden ist essenziell, um die eigentliche Ursache des Eisenmangels zu identifizieren und spezifisch behandeln zu können. Eisenpräparate sind zwar frei verkäuflich, doch sie sollten nicht einfach auf eigene Faust eingenommen werden. Das könnte mitunter auch schädlich sein“, so Professor Weiss. Denn nicht nur die roten Blutkörperchen benötigten Eisen, sondern auch Mikroorganismen wie Infektionserreger bräuchten das Spurenmetall, um sich zu vermehren.

Vor kurzer Zeit haben Forscher in diesem Zusammenhang Überraschendes festgestellt: „Bei einer Infektion beginnt ein Kampf um das vorhandene Eisen im Körper. Die Mikroben versuchen, es zu ergattern, und das Immunsystem versucht seinerseits das Eisen zu verstecken“, erklärt der österreichische Mediziner. So reguliere das Immunsystem den Eisenspiegel im Blut selbstständig herunter, und es komme unter Umständen sogar zu einer Blutarmut. Werde dem Körper nun künstlich Eisen zugeführt, könnten die Mikroben weiter wachsen, und die Verteidigungsstrategie des Körpers würde zunichte gemacht.

Aus Afrika gebe es in diesem Zusammenhang Daten, die das belegten, so Weiss. In Entwicklungsländern litten die Menschen aufgrund schlechterer Ernährungsbedingungen verhältnismäßig häufig unter Eisenmangel. So habe die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Kindern in diesen Ländern Eisenpräparate verabreichen lassen, um ihre Gesundheit zu verbessern. Passiert sei jedoch genau das Gegenteil: „Später hat die WHO innerhalb einer Studie untersucht, was die Eisengabe an die Kinder bewirkt hat, und herausgefunden, dass sie häufiger an Infektionskrankheiten starben als Kinder, die kein Eisen erhielten“, so Weiss. Daraufhin sei das Programm eingestellt worden.

Weitere Daten aus Malariagebieten hätten zudem gezeigt, dass Schwangere und Kleinkinder mit einem leichten Eisenmangel ein geringeres Risiko hätten, an Malaria zu erkranken. „Der leichte Eisenmangel ist für Menschen in Gebieten mit einem hohen Auftreten von Infektionskrankheiten also ein Vorteil. Es hilft, das Immunsystem effizienter zu machen“, meint der Mediziner.

Doch auch bei uns stellt sich die Frage, ob Ärzte mit einer Eisenmangelblutarmut immer richtig umgehen, denn auch in Europa gebe es chronische Infektionen, bei denen sich ein Eisenmangel einstelle: etwa Tuberkulose oder Gelbsucht. Und auch Krebs gehöre dazu: „Jede wachsende Zelle benötigt Eisen – auch Krebszellen. Je mehr Eisen sie bekommen, desto schneller wachsen sie auch“, erklärt der Hochschullehrer. Liege bei einem Krebspatienten eine Blutarmut vor und sie werde mit Eisen behandelt, könne das im schlimmsten Fall zu einem schnelleren Wachstum von Tumorzellen und mitunter zu einer Verkürzung der Lebenszeit des Patienten führen.

Gut geplante Studien, die diese Frage beantworten, fehlen bisher völlig. Auf diesem Gebiet ist laut Weiss deshalb noch viel mehr Forschung notwendig.


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