Diagnose dem Arzt überlassen Lebensmittelallergie oder Unverträglichkeit von Nahrungsmitteln?

Nach dem Verzehr von Milchprodukten haben vielen Menschen Verdauungsbeschwerden. Das kann an einer Lactoseintoleranz liegen, es kann aber auch etwas anderes sein. Betroffene sollten die Diagnose besser Ärzten überlassen.  Foto: ImagoNach dem Verzehr von Milchprodukten haben vielen Menschen Verdauungsbeschwerden. Das kann an einer Lactoseintoleranz liegen, es kann aber auch etwas anderes sein. Betroffene sollten die Diagnose besser Ärzten überlassen. Foto: Imago

Osnabrück. „Für mich bitte ohne...“ Diesen Satz hört man in deutschen Restaurants und Kantinen seit einiger Zeit immer häufiger. Viele Menschen leiden tatsächlich an Nahrungsmittelunverträglichkeiten – bei anderen wiederum werden Symptome wie Verdauungsbeschwerden, Juckreiz und Kopfschmerzen durch andere Erkrankungen hervorgerufen.

Wie eine Umfrage der Techniker-Krankenkasse im vergangenen Jahr ergab, glauben 17 Prozent der Befragten, unter einer Lebensmittelunverträglichkeit oder Allergien zu leiden. In anderen Umfragen ist sogar von 30 Prozent der Befragten die Rede.

Die Ernährungswissenschaftlerin Professor Christine Behr-Völtzer von der Hamburger Universität für Angewandte Wissenschaften (HAW) glaubt jedoch nicht, dass die Lebensmittelunverträglichkeiten stark zunehmen, sondern nur die Angst davor: „Die Milchzuckerunverträglichkeit hat es schon immer gegeben. In Nordeuropa haben etwa zwei Prozent der Menschen eine Laktoseunverträglichkeit, in Deutschland sind es etwa 15 bis 20 Prozent, und im Mittelmeerraum sind es sogar 25 bis 75 Prozent. Das ist in der Vergangenheit auch nicht mehr geworden. Vermehrt hat sich nur die Angst der Menschen vor Beschwerden durch Lactoseintoleranz.“

Keine Allergie

Tatsächlich verlieren viele Menschen mit zunehmendem Alter die Fähigkeit, Milchzucker zu verdauen. Doch die plötzlich auftretende Lebensmittelunverträglichkeit darf nicht mit einer Allergie verwechselt werden: Hat jemand eine Allergie, bildet das Immunsystem Antikörper, in diesem Fall gegen die Kuhmilch. Schon geringste Menge können Symptome auslösen oder zu einem allergischen Schock führen. Bei einer Unverträglichkeit von Milchzucker, der Lactoseintoleranz im Erwachsenenalter, mangelt es dem Betroffenen an dem Enzym Lactase, um den Milchzucker im Darm zu spalten. Kleinere Mengen Milch könnten auch diese Menschen meist vertragen, meint Behr-Völtzer.

Ist das Phänomen Nahrungsmittelunverträglichkeit also nur eine Modeerscheinung? „Nein, das kann man so nicht sagen. Die Menschen haben ja wirklich Beschwerden und einen Leidensdruck. Aus meiner Erfahrung in der Ernährungsberatung kommt es mir aber so vor, dass die Menschen häufig das haben, was gerade en vogue ist – worüber in Zeitungen berichtet wird.“

Oft hätten die Beschwerden dann aber ganz andere Ursachen, zum Beispiel psychosomatische. Wenn sich Betroffene dann in die Symptome hineinsteigerten, könne es vorkommen, dass sie plötzlich bestimmte Dinge nicht mehr mögen und ihnen richtig übel davon würde.

Die gefühlte Zunahme von Lebensmittelallergien und -unverträglichkeiten ist zum Teil auch auf das Internet zurückzuführen. Viele Betroffene googeln ihre Beschwerden und kommen zu dem Schluss, an einer Nahrungsmittelunverträglichkeit zu leiden, ohne das durch einen Arzt bestätigen zu lassen.

Die Ernährungswissenschaftlerin findet das problematisch: „Symptome wie Verdauungsbeschwerden, Kopfschmerzen oder Hauterkrankungen können auch durch ganz andere Erkrankungen hervorgerufen werden. Man muss in solchen Fällen genau hinschauen und kann den Patienten nicht mit irgendwelchen Schlagwörtern helfen. Dazu braucht man auch eine gute ärztliche Diagnose. Je nachdem wie die Beschwerden sind, kann die ein Gastroenterologe, ein Allergologe oder ein Dermatologe stellen.“

Für die Hersteller von speziellen gluten- und lactosefreien Produkten ist der Glaube vieler Menschen, an einer Nahrungsmittelunverträglichkeit zu leiden, ein riesiger Markt. Mittlerweile ist diese Spezialnahrung in fast allen Supermärkten zu haben – laut dem GfK-Haushaltspanel haben jedoch etwa 80 Prozent der Käufer von milchzuckerfreien Produkten gar keine Lactoseintoleranz. Sie verzichten auf reguläre Kuhmilch nur deshalb, weil sie glauben, sie nicht zu vertragen. Zudem vermitteln viele Hersteller die Annahme, lactose- oder glutenfreie Produkte seien grundsätzlich gesunder, doch das ist nicht korrekt, stellt Behr-Völtzer klar: „Bei der Milch ist ja nichts anderes passiert, als dass ein Enzym, nämlich die Lactase, dazugegeben wurde. Weil sie sich in der Milch befinden, wird das Disaccharid, also der Doppelzucker, schon vor dem Trinken gespalten und ist daher auch für milchzuckerunverträgliche Menschen geeignet.“

Befeuert wird der Markt für glutenfreie Produkte zudem dadurch, dass Stars wie Anne Hathaway, Lady Gaga und Victoria Beckham öffentlich bekennen, sich nur noch glutenfrei zu ernähren. Selbstverständlich sind die Damen gertenschlank, sodass dem Käufer suggeriert wird, man müsse sich glutenfrei ernähren, um abzunehmen. Dabei ist Gluten nichts anderes als das Klebeeiweiß in Getreidesorten wie Roggen, Weizen und Dinkel. Glutenfreie Produkte sind meist aus Maismehl hergestellt. Doch allein durch den Verzicht auf Gluten wird aber niemand abnehmen.

„Verzichtet jemand in seiner Ernährung auf Gluten und hat anschließend keine Beschwerden mehr, kann es sich zum Beispiel um Zöliakie handeln. Das ist eine angeborene und chronische Erkrankung der Dünndarmschleimhaut, bei der unbedingt auf jegliches Gluten verzichtet werden muss“, erklärt Behr-Völtzer. Daneben gebe es noch eine Weizeneiweißallergie, die eine Unverträglichkeit hervorrufen könne. Zudem werde noch diskutiert, ob es auch eine Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität gebe, aber dafür seien noch nicht genug Daten vorhanden. Hier könnte gegebenenfalls eine Einschränkung des Glutengehalts in der Nahrung helfen. „Der Mensch, der keine Zöliakie, keine Weizeneiweißallergie und eine Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität hat, der braucht auch keine glutenfreie Ernährung“, ist die Ernährungswissenschaftlerin überzeugt.

Nur frische Produkte

Ähnlich verhält es sich bei der Histaminintoleranz, bei der Betroffene sensibel auf eine bestimmte Menge mit der Nahrung aufgenommenen Histamins reagieren: „Das Problem hierbei ist, dass wir keine verlässlichen Laborbestimmungen haben. Wir haben auch keine Normwerte, und es gibt bisher auch noch keine gut kontrollierten Studien“, so die Professorin.

Jedes Lebensmittel, das verdorben ist, sei für jeden Menschen schlecht. Und biogene Amine, zu denen auch die Histamine zählen würden, entstünden beim Verderbnisprozess und bei der Gärung. „Wenn man frische und hygienisch einwandfreie Produkte isst und etwa auf Käse und Rotwein verzichtet, dann ist es wahrscheinlich kein Problem“, so Behr-Völtzer. Es sei zwar möglich, dass eventuell jemand empfindlicher reagiere als andere, aber bisher würde es keine guten Studien geben, die das belegen können.


Bauchgrummeln, Juckreiz, Kopfschmerzen: Nahrungsmittelunverträglichkeiten äußern sich auf sehr unterschiedliche Weise. In einer kurzen Zusammenfassung erklären wir, was es mit den Unverträglichkeiten auf sich hat, von denen am häufigsten die Rede ist.

Fructoseintoleranz: Die Überempfindlichkeit gegen Fruchtzucker kann genetisch bedingt oder erworben sein. Beschwerden wie Blähungen, Durchfall und Bauchschmerzen sind bedingt durch eine gestörte Aufnahme (Malabsorption) des Fruchtzuckers. Die Ursache dafür ist noch ungeklärt. Obwohl die Symptome für die Betroffenen häufig belastend sind, handelt es sich nicht um eine Erkrankung, sondern eher um einen Zustand. Denn wie viel, wie oft und in welcher Weise Fruchtzucker vertragen wird, ist unterschiedlich. Anders ist das bei der angeborenen hereditären Fructoseintoleranz. Dabei handelt es sich um eine lebensbedrohliche Stoffwechselerkrankung, bei der ein Enzymdefekt zu Unterzuckerung, Koma sowie Leber- und Nierenversagen nach Fructosezufuhr führen kann.

Lactoseintoleranz: Wie bei der Fructoseintoleranz ist bei der Lactoseintoleranz die Aufnahme eines Zuckers in den Körper gestört, hier handelt es sich um den Milchzucker Lactose. Etwa 75 Prozent der Weltbevölkerung und 20 bis 25 Prozent der Europäer leiden unter dieser Lebensmittelunverträglichkeit. Der Grund ist ein Enzymdefekt.

Glutensensitivität: Bei Gluten handelt es sich um das Klebeeiweiß, das sich natürlicherweise in Weizen, Roggen, Dinkel, Gerste und anderen Getreidearten befindet. Bei dieser Nahrungsmittelunverträglichkeit sind sich Experten noch nicht sicher, ob es sie gibt. Doch Betroffene sind sich sicher, dass Beschwerden wie Blähungen und Durchfall durch eine glutenfreie Ernährung gelindert wurden. Im Gegensatz zur Autoimmunerkrankung Zöliakie, bei der es sich um eine chronische Erkrankung der Dünndarmschleimhaut handelt, lässt sich eine Glutensensitivität nur indirekt feststellen. Dazu schließt der Arzt Zöliakie und eine Weizenallergie durch Tests aus. Geht es dem Patienten trotzdem besser, wenn er auf Gluten in seiner Ernährung verzichtet, hat er eine Glutensensitivität. Allerdings muss dieses Ausschlussverfahren kein Beweis für die Glutensensitivität sein.

Histaminintoleranz: Unter Histaminintoleranz versteht man die Unverträglichkeit von mit der Nahrung aufgenommenem Histamin, deren Ursache ein Mangel der Histamin abbauenden Enzyme oder ein Missverhältnis zwischen Zufuhr und Abbau des Histamins ist. Man geht davon aus, dass nach Überschreiten einer bestimmten individuellen Histaminintoleranzschwelle Symptome ausgelöst werden. Das können Juckreiz, Hautrötungen, Kopfschmerzen bis hin zur Migräne, Herzrasen, Müdigkeit, Schlafstörungen, Blähungen und Verdauungsstörungen sein. Eine Histaminintoleranz zu diagnostizieren gestaltet sich schwierig, da bislang keine zuverlässigen Testsysteme existieren. Daher empfehlen die meisten Ärzte das Führen eines Symptomtagebuchs sowie eine Ernährungsumstellung und manchmal auch eine Provokationstestung. Das bedeutet, die Betroffenen probieren die verschiedenen, in Verdacht stehenden Lebensmittel aus und warten ihre körperliche Reaktion darauf ab.

Zu den Nahrungsmitteln, die Histaminintolerante meist schlecht vertragen, gehören: geräuchertes Fleisch, Salami und Schinken, gereifte Käsesorten, Wein, Bier, Sauerkraut, Essig, Schokolade und Tomaten. Betroffenen sind von Histaminintoleranz zu etwa 80 Prozent Frauen im mittleren Alter.

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