Professor produziert Onlinekurs Osnabrück: Immer mehr studieren im Netz

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Osnabrück. Wissenschaftliche Aufsätze hat Oliver Vornberger schon viele verfasst. Zurzeit konzentriert sich der Professor an der Uni Osnabrück aber auf das Schreiben von Drehbüchern. Natürlich nicht solche für seichte Vorabendsoaps.

Nein, der Informatiker bringt das Script für einen Onlinekurs, auch MOOC genannt, aufs Papier. Das Grundwissen über Algorithmen und Datenstrukturen verpackt er in kleine, verdauliche Videohäppchen. Denn das wichtigste Anliegen der sogenannten Massive Open Online Courses ist es, möglichst viele Menschen an universitärem Wissen teilhaben zu lassen.

„Da muss alles auf die Sekunde, bis auf das kleinste Detail genau stimmen“, stöhnt der Professor für Informatik und deutet auf ein unvollendetes Drehbuch auf seinem Schreibtisch. Die Regieanweisungen für seine Wortbeiträge, dazwischengeschaltete Powerpoint-Präsentationen, Zeichnungen und Multiple-Choice-Tests hat er akribisch Blatt für Blatt aneinandergefügt. Ergänzt wird der Kurs durch Foren, in denen die Studierenden Gelegenheit haben, sich wie in einem sozialen Netzwerk online auszutauschen, Fragen zu stellen und Antworten zu finden.

Anfang April will Vornberger seinen virtuellen Hörsaal eröffnen. Bis dahin müssen die 14 Kapitel des Kurses ausgearbeitet sein. „Im Idealfall ist für mich dann die Arbeit komplett abgeschlossen, und der Kurs läuft ohne mich“, sagt Vornberger. In jedem Kapitel wird der Stoff einer dreistündigen Vorlesung auf jeweils 45 Minuten verdichtet. „Dadurch und durch die verschiedenen Möglichkeiten der Visualisierung sind MOOC dann meist viel abwechslungsreicher als eine Vorlesung im Hörsaal.“

In der Szene gilt Vornberger als Webikone: Schon vor Jahren hat er als einer der ersten Professoren Deutschlands begonnen, seine Vorlesungen aufzuzeichnen und ins Netz zu stellen. Damals wurde auch der Begriff Vornberger-Flanke geprägt: Denn jedes Mal wenn der Professor eine neue Folge seiner Vorlesung hochgeladen hatte, war der Netzverkehr der Uni Osnabrück sprunghaft angestiegen. Der Server drohte zusammenzubrechen. Der Uni blieb nichts anderes übrig, als die Videos in ein anderes Rechenzentrum auszulagern. Für seine Podcasts erhielt Vornberger den mit 50000 Euro dotierten „Ars-Legendi-Preis“ für exzellente Lehre. Außerdem wurde er mit dem Wissenschaftspreis Niedersachsen ausgezeichnet.

Nach den Videoaufzeichnungen von Vorlesungen will der Wissenschaftler jetzt den MOOC in Deutschland zum Durchbruch verhelfen. Bundesweit würden an den Universitäten jedes Semester Dutzende Vorlesungen des Grundstudiums angeboten, meint er. In vielen Fällen könnte es aber durchaus reichen, eine gute für alle Hochschulen als Onlinekurs zu produzieren. „Vielleicht sind die Zeiten, in denen jede Uni jede Vorlesung anbietet, bald wirklich vorbei.“

Tatsächlich gibt es an einigen Universitäten bereits Überlegungen, Großveranstaltungen aus dem Grundstudium zu digitalisieren und durch speziell geschulte Tutoren begleiten zu lassen. Auch für so manchen Politiker und Hochschulpräsidenten dürfte es eine verlockende Vorstellung sein, durch die Verlagerung von Vorlesungen ins Netz Kosten für Personal und Räume zu sparen. Überfüllte Hörsäle zu Semesterbeginn würden der Vergangenheit angehören. Last not least hätten die hoch qualifizierten Wissenschaftler an den Universitäten ihren Kopf frei für Forschungsprojekte. „Aus dem MOOC könnte sich ein Bildungstsunami entwickeln“, schätzt Vornberger das Potenzial der Onlinekurse ein.

Noch aber tobt ein erbitterter Glaubenskrieg um die wahre Lehre. „Für die einen ist das Teufelszeug, für die anderen die Zukunft“, umreißt Vornberger die Fronten. Er selbst positioniert sich in der Mitte: „Der Standardstudent ist mit der konventionellen Vorlesung sicherlich besser bedient“, meint er. Doch gebe es immer mehr Studenten, für die die festen Termine der Vorlesungen und ihre Ortsgebundenheit problematisch seien. Dies gelte zum Beispiel für alleinerziehende Mütter und Väter, Behinderte, Berufstätige und viele mehr. „Der MOOC hilft, das Lernen den unterschiedlichsten Bedürfnissen anzupassen“, fasst der Wissenschaftler zusammen. „Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, das übliche Angebot der Universitäten durch mehr und mehr Zusatzangebote dieser Art zu ergänzen.“

Er selbst findet es jedenfalls „toll, wenn Tausende meine Vorlesungen hören“. Denn ist der MOOC erst mal im Netz, kann sich jeder Wissensdurstige in Vornbergers virtuellen Hörsaal klicken: vom Studenten anderer Hochschulen über den jungen Computerfreak und Berufstätigen bis hin zum lernbegierigen Rentner.

Stefan Winterboer, der an der Universität Osnabrück Elektrotechnik und Informatik für das Lehramt an Berufsschulen studiert, ist einer von vielen, die auf Vornbergers virtuelle Vorlesungen nicht mehr verzichten möchten. Der 31-Jährige pendelt aus Cloppenburg in die Universitätsstadt Osnabrück. Im Wintersemester saß Winterboer meist bereits im Zug in Richtung Heimat, wenn Vornbergers Vorlesung Informatik A in einem Hörsaal der Uni begann. Die Ausführungen des Wissenschaftlers zu „Algorithmen und Datenstrukturen“ konnte er dann bequem auf seinem Laptop im Zugabteil verfolgen.

Als Pionier des E-Learning gilt der deutschstämmige Sebastian Thrun, der bis vor einigen Jahren an der Stanford University in den USA lehrte. Thrun hatte 2011 die Idee, seine Vorlesung „Einführung in die künstliche Intelligenz“ frei zugänglich im Internet anzubieten. Mehr als 160000 Studierende aus mehr als 190 Ländern schrieben sich damals ein. Davon erwarben 23000 am Ende des Kurses das Zertifikat. Der Erfolg motivierte Thrun, ein Start-up zu gründen, das seitdem in den USA online Lehrveranstaltungen anbietet. Auch potente Geldgeber ließen nicht auf sich warten: So investierten Andreessen Horowitz 15 Millionen US-Dollar in das Projekt. Mit einigen Jahren Verspätung bricht jetzt auch in Deutschland Goldgräberstimmung bei den Unternehmen der Onlinebildung aus. Das deutsche Start-up Iversity in Bernau bei Berlin, bei dem auch Vornbergers MOOC erscheinen wird, möchte der größte Anbieter im deutschsprachigen Raum werden. Über ihre Tochter T-Ventures Kapital hat die Telekom in Iversity investiert. Zugleich entwickelt sie ein Konkurrenzprodukt, eine cloudbasierte Lernumgebung.

Bisher sind die Massive Open Online Courses meist kostenfrei buchbar. Nur für die Abschlussexamen fallen gewöhnlich Gebühren an. Aber natürlich sollen sie den meisten Anbietern auf lange Sicht auch neue Einnahmequellen eröffnen. Dazu gibt es verschiedene Überlegungen. So könnten Unis Inhalte liefern, die private Firmen auf ihren Plattformen gegen Bezahlung anbieten. Die Hochschulen würden dann an den Erlösen beteiligt. Unternehmen oder auch Branchenverbände könnten aber auch bei Universitäten oder qualifizierten Teams spezielle Kurse für ihre Mitarbeiter gegen Bezahlung in Auftrag geben.

Ein anderes Geschäftsmodell sieht die MOOC als eine Art Casting-Plattform für Jobsuchende: Studenten, die in Web-Seminaren durch hervorragende Leistungen und Diskussionsbeiträge auffallen, könnten gegen eine Gebühr an Unternehmen vermittelt werden. Von diversen Möglichkeiten des Sammelns von Daten ganz zu schweigen.

Die Teilnehmer des Vornberger-Kurses „Algorithmen und Datenstrukturen“ müssen, wenn sie zum Abschluss ein Zertifikat erwerben wollen, 129 Euro zahlen. Die Noten werden auf der Basis des EU-Punktesystems zur europaweiten Anerkennung von Studienleistungen (ECTS) erteilt. Vornberger hofft, dass das Zertifikat bei einem Hochschulwechsel grenzüberschreitend angerechnet wird. Für den Abschlusstest müssen die Prüflinge den Cyberspace dann kurzzeitig verlassen. Die Prüfung findet ganz konventionell in einem Seminarraum der Universität Osnabrück statt.


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