Interview mit Joachim Metzner „Präsenzlehre und digitale Lehre kein Widerspruch“

Der Osnabrücker Professor für Informatik schreibt Drehbücher für MOOCS genannte Onlinekurse, in denen er den Inhalt seiner Vorlesungen  zu leicht verdaulichen Videohäppchen zusammenfügt. Foto:PrivatDer Osnabrücker Professor für Informatik schreibt Drehbücher für MOOCS genannte Onlinekurse, in denen er den Inhalt seiner Vorlesungen zu leicht verdaulichen Videohäppchen zusammenfügt. Foto:Privat

Osnabrück. Das Internet revolutioniert auch die Bildung. Immer mehr Professoren und auch Universitäten stellen inzwischen ausgewählte Vorlesungen oder speziell entwickelte Onlinekurse sogenannte MOOCs ins Netz. Kritiker warnen vor einem Aus für die Präsenzlehre. Hörsäle könnten überflüssig werden.

Joachim Metzner, Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz und Experte für IT-Strukturen und Informationsversorgung, mahnt zur Sachlichkeit. Digitale und Präsenslehre seien kein Widerspruch, betont er im Interview mit unserer Zeitung. Möglicherweise werde es künftig mehrere Orte des Lernens geben.

Sogenannte MOOCs (Massive Open Online Courses) drängen auch auf den deutschen Bildungsmarkt. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Ausgangspunkt für die Entstehung der MOOCs waren die seit Ende der 1990er bestehenden Formen des e-Learnings, die ab 2002 durch das Konzept der Open Educational Resources, das heißt u.a. der frei verfügbaren Lern- und Lehrmaterialien, sowie durch die ab 2003 einsetzende Entwicklung des Web 2.0-Gedankens neue Impulse bekamen. Ab 2011 eröffneten die technologischen Potentiale des Cloud Computings schließlich die Möglichkeit, in die Breite zu gehen und mehrere Zehntausende von Studierenden in einer einzigen Lernumgebung zu versorgen.

In Amerika belegt bereits jeder dritte Student Onlinekurse. Zahlreiche Universitäten und Professoren produzieren bereits Moocs. Wie sieht die Situation in Deutschland aus?

Aufgrund der technologischen Entwicklung ist man seit 2011 in der Lage, „massive“-Kurse anzubieten. Tatsächlich wurden bereits 2011 erste MOOC-Piloten an deutschen Hochschulen durchgeführt. Diese bezogen sich zunächst auf sogenannte c(connektivistische)MOOCs , in deren Mittelpunkt das selbst organisierte Lernen in seminar- und kolloquiumsähnlichen Situationen steht. Seit 2012 stehen sogenannte x(extended) MOOCs im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Zahlreiche deutsche Hochschulen haben sich auf diesem Gebiet mit ersten Angeboten engagiert. Ob es überhaupt zu einer flächendeckenden Versorgung mit MOOCs kommt, ist fraglich. Wegen der hohen Studiengebühren in den USA sind MOOCs oft eine kostengünstigere Alternative für junge Menschen. Diese Situation ist in Deutschland grundsätzlich anders.

Welche Vorteile, welche Nachteile haben die Online-Kurse?

MOOCs haben vielfältige innovative Potenziale. Diese bestehen unter anderem in der großen räumlichen sowie teilnehmerbezogenen Reichweite, in kollaborativen Formaten und transparenter Lehre. MOOCs können außerdem in spezifischen Bereichen Mehrwerte realisieren. Zu diesen Bereichen zählen Hochschulmarketing, Übergangsangebote, standardisierte Massenveranstaltungen, kleine Fächer, blended-, c- und interdisziplinäre MOOCs sowie bestimmte Felder der Weiterbildung. (Anm.d.Redaktion: Blended MOOCs sind solche die die Präsenzlehre in den Hörsälen und die digitale Lehre verbinden) .MOOCs sind aber auch mit Problemen verbunden. Probleme erstrecken sich u.a. auf Abbruchquoten, Einbindung in das Studium, rechtliche Rahmenbedingungen und nachhaltige Geschäftsmodelle. Zudem stoßen MOOCs in bestimmten Dimensionen an Grenzen. Dies gilt vor allem für die unbegrenzte Skalierbarkeit, den offenen Zugang und den vollständigen Ersatz von Face-to-Face-Kommunikation.

Für Hochschulrektoren dürfte die Vorstellung, durch MOOCs Kosten für Personal und Räume zu sparen, doch durchaus attraktiv sein. Die hochqualifizierten Wissenschaftler könnten sich dann außerdem auch mehr ihren wichtigen Forschungsprojekten widmen...

Dass man mit MOOCs Kosten oder Zeit sparen kann, ist ein großes Missverständnis. MOOCs sind in Herstellung und Betrieb sehr ressourcenintensiv. Für die virtuelle Plattform, Konzeption, Produktion, Lehrbetrieb, Auswertung sowie inhaltliche und technische Weiterentwicklungsaufgaben entsteht ein erheblicher zeitlicher und monetärer Aufwand. Allein für die Konzeption und Produktion benötigt man drei bis acht Monate. Abhängig, ob die Hochschule eigene interne Infrastruktur sowie Dienstleister für die Erstellung von MOOCs hat, die oft nicht mit in die Kostenkalkulation aufgenommen werden, beträgt der monetäre Aufwand 50.000 bis 500.000 Euro. MOOCs eignen sich nicht als Sparinstrument

Auch an deutschen Universitäten gibt es bereits Pläne, Großveranstaltungen aus dem Grundstudium zu digitalisieren und durch speziell geschulte Tutoren begleiten zu lassen. Wie weit sind diese gediehen?

Zahlreiche deutsche Hochschulen engagieren sich mit ersten Angeboten. Zur Vernetzung der ersten Erfahrungen führt die HRK gemeinsam mit dem Stifterverband für die deutsche Wissenschaft und dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) ein gemeinsames Projekt durch. Mit dem „Hochschulforum Digitalisierung“ sollen praxisorientierte Lösungsvorschläge und konkrete Handlungsempfehlungen für die deutschen Hochschulen erarbeitet sowie innovative Pilotprojekte und Initiativen unterstützt werden.

Die Produktion von Moocs könnte den Universitäten auch eine neue Einnahmequelle erschließen: Die Unis würden Inhalte liefern, die private Firmen auf ihren Plattformen gegen Bezahlung anbieten. Würden Sie ein solches Modell begrüßen?

Aufgrund der Ressourcenintensität ist es sehr unwahrscheinlich, dass Hochschulen mit MOOCs neue Einnahmen erzielen. Zwar gibt es vielfältige Optionen der Finanzierung durch Teilnehmer, Geldgeber, Unternehmen oder private Dienstleister. Keine Option ist aber bisher nachhaltig erfolgreich. Auch die Rollenverteilung zwischen Hochschulen und externen Plattformen muss bedacht werden. Zwar erscheinen die derzeitigen Anbieter von MOOC-Plattformen als unverzichtbare professionelle Dienstleister. Langfristig könnte jedoch die Sichtbarkeit der Hochschulen schwinden, so dass auch über Plattformen von Hochschulverbünden nachgedacht werden sollte.

Zur Zeit tobt ein Glaubenskrieg um die wahre Lehre. Viele fürchten, dass am Ende dieses „Bildungstsunamis“ eine Lehre ohne Hörsaal und Universitäten steht. Wie positioniert sich die HRK in dieser zukunftsweisenden Diskussion?

Digitale und Präsenslehre sind kein Widerspruch. Aus diesem Grund werden auch bereits sogenannte „blended MOOCs“ entwickelt. Möglicherweise wird es auch künftig mehrere Orte des Lernens geben. Gerade aber eine voraussetzungsvolle soziale Interaktion wie das Lernen benötigt ein Mindestmaß an persönlichem Vertrauen und ein Zusammenspiel verschiedener Sinneseindrücke, was insbesondere durch Face-to-Face-Kommunikation gewährleistet werden kann.


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