Futtern wie Streifenhörnchen Forscher ergründen Essverhalten im Winter

Von Dr. Jörg Zittlau

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Sind es Überbleibsel des „Streifenhörnchen-Instinkts“, die uns im Winter häufiger zur Schokolade locken? Forscher vermuten das. Foto: ImagoSind es Überbleibsel des „Streifenhörnchen-Instinkts“, die uns im Winter häufiger zur Schokolade locken? Forscher vermuten das. Foto: Imago

Bremen. Der Winterspeck ist wieder da! Gnadenlos bewegt sich in der kalten Jahreszeit der Waagenzeiger nach rechts. Die Ursachen dafür sind vielfältig – dabei geht es auch um unsere gute Laune.

Wir kennen sie als A- und B-Hörnchen von Walt Disney, und wir wissen, dass sie sich für den Winter eine Speckschicht zulegen. Wir finden es niedlich, wenn Streifenhörnchen als kleine dicke Pelzkugeln in ihr Winterquartier gehen. Doch wenn wir selbst zur Kugel werden, finden wir das gar nicht lustig. Laut einer Studie des New England Journal of Medicine tragen wir im Februar ein halbes, manchmal aber auch zwei Kilogramm mehr als noch im Sommer zuvor auf den Rippen. Es sind hartnäckige Kilos, die sich von Jahr zu Jahr summieren können. Und da fragt man sich schon, woher sie kommen – und wie man sie daran hindern kann.

Eine mögliche Ursache für den Winterspeck wäre, dass zur kalten Jahreszeit weniger Energie verbraucht wird, weil wir uns weniger im Freien bewegen. Doch diese Erklärung reicht, wie John de Castro von der University of Texas herausgefunden hat, beileibe nicht aus. Der Ernährungspsychologe dokumentierte sechs Jahre lang das Essverhalten von über 300 Versuchspersonen im Alter von durchschnittlich 32 Jahren. Es zeigte sich: In den letzten drei Monaten eines Jahres langten die Probanden zu, als gäbe es kein Morgen. Sie vertilgten in dieser Zeit pro Tag durchschnittlich 222 Kilokalorien mehr als im Frühjahr. „Das entspricht einem Unterschied von etwa 14 Prozent“, erläutert de Castro.

Immerhin kann man sich damit trösten, dass mit zunehmendem Alter immer weniger Winterspeck angelegt wird. Beispielsweise essen 45-Jährige zum Winterbeginn nur noch 86 Kilokalorien mehr als im Frühjahr, wie Ira Ockene von der University of Massachusetts ermittelte.

Doch insgesamt muss man festhalten: Wenn die Tage kürzer und kälter werden, essen wir deutlich mehr als sonst – und das sieht man zum Winterausklang auch auf der Waage.

Bleibt die Frage nach den Ursachen für den starken Winterappetit. Präventionsmediziner Ockene vermutet dahinter die Reste eines „Streifenhörnchen-Instinkts“, der ein Polster für den kargen Winter schaffen soll. Was für den Steinzeitmenschen sicherlich noch sinnvoll war, für den es kaum ein verlässlicheres Nahrungsdepot gab als das Fett am eigenen Körper. In heutigen Industrienationen ist das zwar anders, und man hat dort auch in jeder Jahreszeit ein stabiles Speisenangebot – doch es kann ja bekanntlich einige Jahrtausende dauern, bis sich ein archaisches Verhalten endlich zurückbildet. Und so essen wir uns bis heute wie ein Streifenhörnchen ein Fettpolster für den Winter an.

Marcia Pelchat vom Monell Chemical Senses Center in Philadelphia sieht hingegen eher andere Ursachen für den starken Appetit zur Winterzeit: „In diesen Monaten bieten sich einfach viele Gelegenheiten zum Schlemmen“, so die Psychologin. Wie etwa Thanksgiving, Weihnachten und Silvester. Außerdem halte man sich länger in der Küche auf, sodass man zwangsläufig häufiger in Kontakt mit gelagerten Nahrungsmitteln oder auch Mahlzeitenresten käme. „Gelegenheiten zum Essen machen Appetit“, erklärt Pelchat. „Und davon gibt es im Winter mehr als zu anderen Jahreszeiten.“

Wobei sich der winterliche Appetit, wie man im Laborversuch nachweisen konnte, vor allem auf zuckerreiche Speisen richtet. Und dies bringt eine andere Erklärung für den Winterspeck ins Spiel, dass nämlich der Heißhunger auf Süßes eine Art Vorbeugung und Selbsttherapie der berüchtigten Winterdepression schafft. Denn Zucker sorgt dafür, dass größere Mengen der Aminosäure Tryptophan ins Gehirn gelangen können, wo sie zu Serotonin verarbeitet wird – und dieser Botenstoff gilt bekanntermaßen als Gute-Laune-Hormon. Je mehr Zucker also in der Nahrung, umso mehr Rohstoff steht dem Gehirn zur Verfügung, um sich seine gute Stimmung zu basteln. Die Winterdicken sollten sich also freuen. Denn sie wären wohl nicht so glücklich, wenn sie schlank geblieben wären.


Süßes gegen Winterdepression Etwa vier Millionen Bundesbürger leiden in den dunklen Monaten am Seasonal Affective Disorder-Syndrom, abgekürzt SAD. Es wird auch Winterdepression genannt. Die betroffenen Patienten entwickeln in der Regel einen Heißhunger auf Süßes. Im Unterschied zur „klassischen“ Depression, die oft von starkem Appetit-und Gewichtsverlust begleitet wird.

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