Roboter ersetzen Chirurgen Mit Cyberknife Krebs-Tumore zerstören

Maximal drei Behandlungen sind nötig, um den Tumor zu zerstören. Foto: ImagoMaximal drei Behandlungen sind nötig, um den Tumor zu zerstören. Foto: Imago

Osnabrück/Güstrow. Krebspatienten operieren ohne Skalpell, Blut, Schmerzen und Narben: Mit dem Cyberknife funktioniert das. Trotzdem ist diese Behandlungsmethode keine Wunderwaffe im Kampf gegen die Krankheit, denn sie kommt nur für bestimmte Tumorarten infrage.

Kurz vor Weihnachten sitzt Helmut G. (Name von der Redaktion geändert) in einem Osnabrücker Café, nimmt den letzten Schluck Espresso aus seiner Tasse und bestellt sofort den nächsten. „Ich bekomme die Tabletten sonst nicht herunter“, erklärt er und holt eine Schachtel aus seiner Jackentasche. Die weißen Pillen lässt er auf den Tisch purzeln. Als der nächste Espresso kommt, greift G. beherzt nach den Tabletten, lässt sie in seinem Mund verschwinden und gießt den heißen Kaffee schnell hinterher. Helmut G. hat Krebs. Zwei Tumore befanden sich noch vor ein paar Wochen in seinem Gehirn. Nun sind sie weg. Die Dinger, wie G. sie nennt. Geheilt ist er noch nicht, wie er sagt, aber er fühlt sich gut. In zwei Wochen beginnt die nächste Chemotherapie , doch G. ist zuversichtlich. Zurzeit ist er tumorfrei.

Intensive Bestrahlung

Anfang Oktober ließ Helmut G. seine Hirntumore im Cyberknife-Zentrum in Soest bestrahlen. Zwar werden schon seit Jahrzehnten Tumore mit Röntgenstrahlen behandelt , doch das Cyber-knife kann seine Strahlung wesentlich besser auf den Tumor konzentrieren, sodass durch die intensive Bestrahlung nur der Tumor zerstört und das angrenzende Gewerbe geschont wird. Die Vorteile der Radiochirurgie liegen auf der Hand: Statt vieler Strahlentherapiesitzungen müssen Patienten bei der Cyberknife-Methode nur eine bis maximal drei Behandlungen über sich ergehen lassen. Krankenhausaufenthalte wie nach einer OP sind nicht nötig, Nebenwirkungen gibt es nur wenige.

„Ich bin morgens zusammen mit meiner Frau nach Soest gefahren, habe mich mit dem Cyberknife behandeln lassen und bin danach wieder nach Hause gefahren. Ich war müde, aber sonst gab es keine Nebenwirkungen“, so der 70-jährige Osnabrücker. G. wusste bereits vor seiner Erkrankung von der Behandlungsmethode. Als Krebs bei ihm diagnostiziert wurde und er die Ärzte auf das Cyberknife ansprach, war er überrascht: „Die Onkologen hatten noch gar nicht davon gehört“, so G. Seine Ärzte empfahlen ihm aufgrund der Diagnose stattdessen eine herkömmliche Bestrahlungstherapie – 30 Sitzungen. „Hätte ich das gemacht, wäre ich heute nicht mehr hier“, ist er sich sicher. G. sagt, dass sein Krebs schon so weit fortgeschritten war, dass er allein den Bestrahlungszeitraum nicht überlebt hätte. Stattdessen vereinbarte der Osnabrücker auf eigene Faust einen Termin in Soest. „Weil die Cyberknife-Behandlung von der empfohlenen Strahlentherapie abwich, musste ich eine Freistellungserklärung unterschreiben, in der ich versichere, dass ich keine Standardtherapie möchte“, erläutert der 70-Jährige. Die Computertomografie Ende November gab ihm recht. Die Tumore waren nicht mehr zu sehen.

Doch sein Vorgehen hat auch einen Haken: Als gesetzlich Versicherter musste G. die Kosten der Behandlung von mehreren Tausend Euro selbst bezahlen – seine Versicherung verweigerte die Kostenübernahme. „Ich bin trotzdem froh, dass ich es gemacht habe. Eine Chemotherapie bleibt mir zwar nicht erspart, aber jetzt habe ich wenigstens wieder Hoffnung“, meint Helmut G.

Wenige Tumore geeignet

Im Fall des Osnabrücker Krebspatienten war die Behandlung mit dem Cyberknife eine sinnvolle Alternative zur herkömmlichen Strahlentherapie. Das ist aber nicht bei jeder Krebserkrankung der Fall, deshalb ist diese Art der Strahlentherapie keine neue Wunderwaffe gegen den Krebs, wie Dr. Oliver Blanck, Medizin-Physiker am Cyberknife-Zentrum in Güstrow, erklärt: „Die Behandlung kommt nur für etwa 15 Prozent aller Krebsarten in Deutschland infrage.“ Grund dafür sei, dass sich nur bestimmte Tumore auf diese Art behandeln ließen. So müsse der Tumor gut abgrenzbar vom gesunden Gewebe und dürfe nur etwa drei bis sechs Zentimeter groß sein. Zudem dürften nicht zu viele Metastasen im Körper vorhanden sein. Bei Hirn- oder Lungentumoren seien diese Bedingungen meist erfüllt, so Blanck. Hier sei die Cyberknife-Behandlung häufig eine gute Alternative zur OP. Das bestätigt auch Prof. Dr. Martin Kocher, Leiter der Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie der Uniklinik Köln . Dort wird seit zwei Jahren mit dem Cyberknife behandelt. „Bei kleinen, inoperablen Lungentumoren wird das Verfahren häufig eingesetzt“, so Kocher. Auch bei Hirnmetastasen hätten sie gute Erfahrungen in der Anwendung gemacht. Allerdings sei das Verfahren bei Gliom genannten Kopftumoren nicht geeignet. „Der Tumor ist nicht gut abgrenzbar, sondern breitet sich krakenartig in das gesunde Gewebe aus. In diesen Fällen können wir mit dem Cyberknife nichts machen“, erklärt der Professor. In Güstrow wollen die Forscher, die mit den Universitätskliniken in Greifswald , Lübeck , Kiel und Rostock zusammenarbeiten, in Zukunft auch Tumore in der Prostata behandeln. Eine klinische Studie sei dafür bereits in Vorbereitung, eine weitere Studie zur Behandlung von Lebertumoren laufe zurzeit. „Wir sind noch nicht da, wo wir hin wollen. Bis wir so weit sind, dauert es noch“, so Blanck. Dazu seien noch weitere Studien nötig, die das Bundesamt für Strahlenschutz vorschreibt.

In den USA sowie in Frankreich und den Niederlanden finde das Cyberknife allerdings schon viel häufiger Anwendung als in Deutschland, erklärt Blanck. Für einige Tumorarten sei die Behandlung dort bereits etablierter Standard. In Frankreich würden Ärzte etwa Brusttumore mit dem Cyberknife behandeln und anschließend die ganze Brust bestrahlen, um auch mikroskopisch kleine Metastasen zu zerstören. In Deutschland gebe es dagegen bisher weder eine Leitlinie noch eine Empfehlung der Fachgesellschaften zur Radiochirurgie.

Kostenübernahme

Die Cyberknife-Behandlung ist bisher keine kassenärztliche Leistung. Auf Nachfrage unserer Zeitung zeigte sich, dass einige Krankenkassen Versorgungsverträge mit den neun Cyberknife-Zentren in Deutschland geschlossen haben und daher die Kosten übernehmen. Die BKK vor Ort hat etwa einen Vertrag mit dem Cyberknife-Zentrum in Güstrow, die Barmer GEK arbeitet mit dem Cyberknife-Zentrum an der Uniklinik in Köln zusammen. Die AOK Nordwest arbeitet mit dem Cyberknife-Zentrum in Soest zusammen, die AOK Bayern zahlt Behandlungen im Cyberknife-Zentrum München . Die Techniker Krankenkasse sowie die DAK zahlen ihren Mitgliedern die Behandlung mit dem Gammaknife (siehe Infokasten) und entscheidet im Einzelfall über die Kostenerstattung von Cyberknife-Behandlungen. Auch die IKK Classic zahlt die Behandlung nur nach Einzelfallprüfung. In jedem Fall sollten gesetzlich Versicherte, für die eine Cyberknife-Behandlung infrage kommt, vorher mit ihrer Krankenkasse klären, unter welchen Bedingungen die Kosten übernommen werden, um böse Überraschungen zu vermeiden. Private Krankenversicherungen zahlen die Behandlung meist.


Vom Gammaknife zum Cyberknife Das Cyberknife ist ein robotergestützter Linearbeschleuniger, der in der Radiochirurgie Anwendung findet. Durch hoch dosierte Strahlen wird das Erbgut der Krebszellen so zerstört, dass sich die Zellen nicht mehr teilen können. In Deutschland gibt es zurzeit neun Anlagen. Die erste gibt es seit 2005 in München, seit April 2010 in Soest, seit November 2010 in Güstrow, seit September 2011 in Hamburg-Langenhorn und Berlin, seit November 2011 in Köln, seit Juni 2012 in der Uniklinik Frankfurt am Main, seit November 2012 auf dem Gelände des Erfurter Helios-Klinikums und seit Juli 2013 in der Klinik am Eichert in Göppingen. Entwickelt wurde das Cyberknife an der Stanford-Universität. Bereits 1951 entwickelte Lars Leksell, Professor für Neurochirurgie am schwedischen Karolinska-Institut, gemeinsam mit dem Physiker Börje Larsson an der Universität in Uppsala die Radiochirurgie. 1968 installierten sie den ersten Prototyp des Gammaknife in Stockholm. Beim Cyberkinfe handelt es sich um eine Weiterentwicklung des Gammaknife. Anders als der Vorgänger kann das Cyberknife während der Bestrahlung mit vorberechneten Bildern aus dem Computertomografen nahezu in Echtzeit die tatsächliche Position des Patienten berechnen. So sind erstmals auch radiochirurgische Eingriffe in anderen Körperteilen, etwa an der Lunge, möglich, die sich naturgemäß durch Atmung ständig bewegt. Das Gammaknife bestrahlt nur Kopftumore.

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