Aus Lazaretten in jedes Haus Das deutsche Spiel: 100 Jahre „Mensch ärgere Dich nicht“


Osnabrück. Vor 100 Jahren startete die Serienproduktion des Brettspiel-Klassikers „Mensch ärgere Dich nicht“. Seit dem wurden im deutschsprachigen Raum mehr als 90 Millionen Exemplare verkauft. Die Erfolgsstory beginnt während des Ersten Weltkriegs.

Spielanleitung lesen? Unnötig. Würfeln, laufen, andere Figuren rauswerfen – das lernt hierzulande jedes Kind. Zu Hause, bei den Großeltern oder im Kindergarten. Die Regeln von „Mensch ärgere Dich nicht“ gehören quasi zum Allgemeinwissen, werden von Generation zu Generation weitergetragen. „Nationalspiel der Deutschen“ nennt es Helmut Schwarz, langjähriger Leiter des Spielzeugmuseums in Nürnberg. Mehr als 90 Millionen Stück dieses Brettspiels wurden seit dem Start der Serienproduktion im deutschsprachigen Raum verkauft. In diesem Jahr feiert der Berliner Verlag Schmidt Spiele den 100. Geburtstag seines Bestsellers. Ein Jubiläum, das wenig friedlich begann.

Im Sommer 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Keine gute Zeit. Weder für die Menschen in Europa im Allgemeinen noch für den Münchener Josef Friedrich Schmidt im Besonderen. Der Mann, der zuvor unter anderem schon mit Lebensmitteln und Spirituosen gehandelt, chemische Bedarfsartikel und Schuhe mit Holzsohlen hergestellt hatte, schien auf der ersten Auflage seines Würfelspiels sitzen zu bleiben. Schmidt entschloss sich, die Exemplare der Armee zu spenden, und schickte die Spiele an die Front: zu Soldaten in Lazaretten. Um den Männern im Feld eine Freude zu bereiten. Und das hatte eine nachhaltige Wirkung.

Nach Ende des Krieges stieg die Nachfrage nach „Mensch ärgere Dich nicht“ rasant an, die Bestellungen häuften sich. „Bereits 1920 hatte Schmidt die erste Million verkauft“, weiß Schwarz. Für 35 Pfennig pro Stück. Die Spielefabrik, die der Münchener vier Jahre zuvor offiziell als Gewerbe angemeldet hatte und aus der letztlich der Schmidt-Verlag hervorgegangen ist, florierte zunehmend. Ein Erfolg, der auch Nachahmer fand. Schnell kopierten andere Verlage die Spielidee und brachten Plagiate mit Titeln wie „Rausschmeißer oder Ärgere Dich nicht“ oder „Der Mann muss hinaus“ auf den Markt. „Kein Spiel wurde so oft kopiert wie Mensch ärgere Dich nicht“, sagt Schwarz. Doch an das Original kamen die Nachmacher nicht heran. Dabei ist „Mensch ärgere Dich nicht“ selbst nicht mehr als die Variante eines jahrtausendealten Spiels.

Der Ursprung dieser Art des Laufspiels liegt in Indien. Bei den als Chaupad und Pachisi bekannten und heute in Teilen der Welt immer noch sehr populären Spielen laufen die Figuren auf einem kreuzförmigen Plan entgegen dem Uhrzeigersinn. Start und Ziel ist für alle Teilnehmer ein Feld in der Mitte. Das hat Symbolgehalt, bedeutet das Ziehen der Figuren doch das Vorankommen im Leben mit der abschließenden Rückkehr in den Geburtsort. Wer unterwegs ein Unglück erlebt und stirbt (geschlagen wird), wird wiedergeboren. Wer es ins Ziel schafft, hat das Paradies erreicht. Um dem Schicksal nicht allzu sehr ausgeliefert zu sein, finden die Figuren in Festungen Sicherheit, oder sie können Blockaden bilden. Möglichkeiten, die sich im 19. Jahrhundert auch in europäischen Nachbildungen wie dem englischen „Ludo“ oder dem deutschsprachigen „Eile mit Weile“ wiederfinden. Zwei direkte Vorläufer von „Mensch ärgere Dich nicht“.

Wohl im Winter 1907/1908 reduzierte Josef Friedrich Schmidt die Regeln auf ein Minimum, eliminierte die taktischen Elemente und erfand damit ein Jahrhundertspiel. Zunächst allerdings brachte er „Mensch ärgere Dich nicht“ nur in familiärer Runde auf den Tisch. Seine Spielpartner: die Söhne Franz, Karl und Heinrich. Erste vereinzelte Exemplare aus seiner eigenen Werkstatt für den Verkauf kamen dann 1910 in den Handel, allerdings blieb das Interesse der Menschen aus. Doch dieses Datum führte dazu, dass bereits vor vier Jahren der 100. Geburtstag des Dauerbrenners gefeiert wurde. Die Deutsche Post widmete dem Ärgerspiel eine Briefmarke, viele Tageszeitungen schrieben eine Hommage an eine Institution, feierten „das deutsche Spiel“.

Was aber ist das Geheimnis des Erfolges? Warum existiert in nahezu jedem Haushalt ein Exemplar des Spiels, bei dem durch Würfelglück gesteuerte Pöppel hintereinander herhecheln? „Mensch ärgere Dich nicht“ bringe Generationen zusammen, meint Thorsten Gimmler, leitender Redakteur bei Schmidt Spiele. „Die Oma spielt mit dem Enkel, die Kinder können den Papa rausschmeißen.“ Jeder habe das gleiche Recht, jeder könne gewinnen. Helmut Schwarz meint, auch die Grafik dürfe man nicht unterschätzen. Die klare Aufmachung habe sich in den vergangenen 100 Jahren kaum verändert. Das gilt auch für den Karton. Der griesgrämige Mann, der sich mit dem Ellenbogen auf dem Spielbrett abstützt (oder haut er drauf?), wurde lediglich geliftet.

Einen wichtigen Unterschied zu anderen Spielen macht Schwarz aber vor allem im Titel aus. Der Name „Mensch ärgere Dich nicht“ ziele direkt auf Gefühle ab. Und meine genau das Gegenteil von dem, was er aussagt. Schadenfreude! Welches Kind liebt es nicht, einen gegnerischen Pöppel mit Karacho vom Brett zu hauen? Wer hat es noch nicht erlebt, wie ein Mitspieler sämtliche Figuren mit einer satten Ausholbewegung vom Tisch fegt? „Genau darum geht es doch“, sagt Schwarz. „Die anderen zur Weißglut zu bringen.“ Emotionen pur. Manch einer kann gar nicht genug von diesem Spiel bekommen. Der Rekord im „Mensch ärgere Dich nicht“-Dauerspielen an Land liegt bei 204 Stunden. Unter Wasser hielten es einige Pöppelhelden immerhin 36 Stunden am Stück aus.

Schmidt Spiele, einer der führenden deutschen Spieleverlage, profitiert auch heute noch vom einfachen Prinzip „Würfeln, ziehen, schlagen“. Rund 400000 Stück von „Mädn“ – so die gängige Bezeichnung in der Spieleszene – verkauft das mittlerweile in Berlin angesiedelte Unternehmen jährlich. In unterschiedlichen Ausführungen und Varianten. Damit nehme der Klassiker neben anderen Dauerbrennern wie „Kniffel“ oder „Carcassonne“ nach wie vor eine wichtige Rolle im Schmidt-Sortiment ein, sagt Verlagschef Axel Kaldenhoven. Mehr noch: In einem Markt, der pro Jahr mehrere Hundert neue Brettspiele aufnehmen muss, behauptet sich „Mädn“ in der Spitzengruppe. Zumal es – wie Mühle, Dame, Halma und Schach – aus keiner Spielesammlung wegzudenken ist.

Und die Vielfalt nimmt noch weiter zu: Auf der in der kommenden Woche in Nürnberg beginnenden Spielwarenmesse stellt Schmidt eine goldene Jubiläumsausgabe vor. Außerdem präsentiert der Verlag „Mensch ärgere Dich nicht – Das Kartenspiel“ sowie die innovative Variante „Mauerhüpfer“, bei der die Pöppel unter anderem Abkürzungen nehmen können. Wer es exklusiver mag, kann beim Lizenznehmer Luudoo eine personalisierte Version bestellen – mit 3-D-Figuren, die das Konterfei eingereichter Fotos zeigen. Als App gibt es „Mädn“ natürlich auch – bald auch mit der Mehrspieler- Online-Option. Und wer mehr Spannung in die klassische Version bringen möchte, sollte es mal mit einer Regeländerung ausprobieren. „Wir haben es immer mit Rückwärtsschlagen gespielt, sagt Helmut Schwarz und bilanziert: „Mensch ärgere Dich nicht ist das erfolgreichste Spiel aller Zeiten in Deutschland.“


Wie bei einem Rezept lassen sich auch die „Zutaten“ für eine Spielidee nicht schützen. Das ist auch der Grund, warum es weltweit eine Vielzahl von Spielen gibt, die sich (bewusst) an die „Mensch ärgere Dich nicht“-Idee und -Optik anlehnen. Der Titel „Mensch ärgere Dich nicht“ und die unverwechselbare Grafik der roten Packung und des Spielplans jedoch sind geschützt. Die Plagiate haben nie den Erfolg des Originals erreicht, auch wenn die „Mensch ärgere Dich nicht“-Idee keine Grenzen kennt. In der Schweiz ärgern sich die Eidgenossen bei „Eile mit Weile“, unterm Eiffelturm würfeln die Franzosen mit „T’en fais pas“, die Italiener fragen „Non tarrabiare?“, in Spanien nennt sich der deutsche Klassiker kurz „Parchis“, die Amerikaner haben daraus „Frustration“, die Engländer „Ludo“ gemacht. In Holland heißt der Spielehit „Mens erger je niet“.

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